Parkett wird zur Weltanschauung, und Laminat bricht alle Rekorde. Gleichzeitig rückt das Thema Recycling allmählich in das Blickfeld der Bodenbelagsbranche. Der Streit um Klickpatente wird zum Geschäftsmodell.
Anfang der 90er Jahre wird die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten gefeiert. Die Sympathie für diesen geschichtlich einmaligen Erfolg ist grenzenlos. Sie löst nicht nur in der Industrie, sondern auch im Handel und in den Verbänden zahllose Aktivitäten aus, von denen vor allem im Handwerk beide Seiten durch Partnerschaften sowie neu gewonnenes Wissen profitieren. Kooperationen, Zusammenschlüsse, Integrationen und Eingliederungen, aber mindestens genauso viel „feindliche“ Übernahmen, Schließungen oder Zerschlagungen folgen.
Für die Teppichbodenbranche hat sich die Lage nur unwesentlich gerändert. Es ist wieder einmal die Zeit der Preisstrategen. Statt sich mit Produktvorteilen, sprich warm, weich, gemütlich usw. gegen seine konkurrierenden Bodenbeläge abzugrenzen, bemüht die Branche die technischen Vorzüge. Angaben über x-hunderttausend Noppen und y-hunderttausend Gramm Poleinsatzgewicht, ergänzt um weitere physikalische Eigenschaften, flankiert von einem Preis, der nach unten kaum eine Grenze hat. „Der Verbraucher versteht allerdings die Technik nicht, er will Schönheit und Anmutung kaufen, aber er kapiert den Preis. Der Teppichboden hat sich zum Baustoff reduziert, er ist ein Last-Interest- Produkt geworden,“ beklagt sich der damalige Vorwerk-Geschäftsführer Dieter Böttcher im Juli 1994 in bwd. Die Sorgen sind verständlich, denn der Wettbewerb ruht nicht. Im Gegenteil, Naturprodukte boomen.
Parkett ist Megatrend
Gegenüber dem Teppichboden, der unter dem Imageverlust und der immer größer werdenden Umweltdiskussion zunehmend und scheinbar ohne Gegenwehr leidet, ist Parkett nicht nur Trend, sondern gar Megatrend, obwohl deren Befürworter immer noch mit dem Fernrohr auf die Verbrauchszahlen der textilen Bodenbeläge schauen. Parkett wird in dieser Zeit schon fast eine Weltanschauung, heißt es in einem Kommentar in bwd. Folglich setzt man in der Werbung auf Individualität, Ausstrahlung, Charakter, Emotion, Image und Ökologie. Die Parkettbranche macht den Marketingprotagonisten der Teppichindustrie etwas vor, verkehrt ist die Welt.
Fertigparkettkapazitäten entstehen, nicht nur in Deutschland. Der Inlandsverbrauch steigt mit gigantischen Schritten, der Export findet weltweit neue Abnehmer deutscher Qualitätsware und Ostdeutschland sorgt mit einem Bauboom zumindest zeitweise für eine hervorragende Auslastung des Handwerks. Es läuft wie geschnitten Brot.
Laminat grüßt erstmals aus der Ferne
Anfang der 90er startet die Domotex in Hannover. Das bringt der Fußbodenszene zwei ganz entscheidende Veränderungen. Die bis dahin auf der Interzum in Köln mit globalem Anspruch aufgestellte Parkettszene überlegt nach Hannover zu gehen, was sie in den nächsten Jahren auch recht kompromisslos in die Tat umsetzt. Und es präsentiert sich ein weiterer Belag. Erstmals betritt der Laminatboden die Bühne, der zuvor in der schwedischen Ferne seine Daseinsberechtigung ausgekundschaftet hatte. Der Auftritt ist ebenso spektakulär wie bahnbrechend. Von nun an geht’s bergauf – mit der Gehpappe, wie das traditionelle Handwerk aus Angst vor der aufkommenden Konkurrenz zunächst den Belag bezeichnet, denn dessen Weg zum flächenfressenden DIY-Markt ist trotz anfänglicher Mondpreise im Produkt angelegt. Technisch gibt es zunächst für die Fachpresse über Laminatverlegung wenig zu berichten, außer einiger Schadensfälle. Erst als die Sache wegen verschiedener Schwächen richtig in die Hose zu gehen scheint, setzt man sich zusammen. Das allerdings mit der ganzen vorhandenen Kompetenz, zielgerichtet und auch äußerst erfolgreich. Es wird genormt, gütezertifiziert, gehschallverbessert und feuchteresistenter ausgestattet. Die herannahenden Klickwogen türmen sich auf, werden zu einer riesigen Welle und brechen einige Jahre später ebenfalls in Hannover fast wie ein Tsunami in die Phalanx der bestehenden Bodenbeläge ein. Die gesamte Branche ist perplex.

Linoleum: neue Dessins helfen dem Belag wieder auf die Sprünge
Zwei weitere Fußböden machen noch von sich reden, wenn auch mit etwas weniger Brimborium. Der Traditionsbelag Linoleum, der seit den vierziger Jahren von damals sagenhaften 270 Mio. Quadratmeter zu Beginn der 90er bis auf ca. 10 Mio. Quadratmeter geschrumpft ist, gewinnt im Zuge der Hinwendung zu Naturstoffen wieder an Fahrt. Auch neue Dessins jenseits des Marmorlooks helfen dem Belag wieder auf die Sprünge.
PVC: chlorfreie Alternativen müssen her
Das kann man von PVC-Belägen nicht berichten. Nach einer Brandkatastrophe mit verheerendem Ausgang wird das im Belag enthaltene Chlor bzw. dessen freigesetzte Emissionen mit den Todesfällen in Verbindung gebracht. So etwas sitzt, wie häufig in so einem Falle unreflektiert. Chlorfreie Alternativen müssen her. Polyolefinebeläge scheinen welche zu sein, bleiben aber nicht dauerhaft so am Boden kleben, als dass man sie in Erinnerung behalten müsste, meint man jedenfalls zu diesem Zeitpunkt. Es gibt zudem eine intensive Permethrindiskussion über Wollteppiche, die fast zu einer Panikmache gerät und trotz nicht nachgewiesener Gesundheitsgefährdung die gesamte Textilbranche in Mitleidenschaft zieht.
Teppichboden: Recycling ist ein Gebot der Stunde
Die Teppichbranche ist gefordert, positive Signale zu setzen. Recycling ist ein Gebot der Stunde, das man sehr frühzeitig für sich nutzt. Schon seit 1993 ist man an dem Thema dran und entschließt sich in der sogenannten Vaalser Erklärung, zukünftig auf die Deponierung und die klassische Müllverbrennung als Methode der Teppichentsorgung zu verzichten. Stattdessen soll kurzfristig auf die thermische Nutzung umgestellt, mittelfristig allerdings der stofflichen Verwertung der absolute Vorrang eingeräumt werden. Ökologie ist in, Ökobilanzen der eingesetzten Materialien werden erstellt, wobei diejenigen, die auf dem Weg von der Wiege zur Bahre am wenigsten Fußabdrücke hinterlassen, am besten abschneiden. Ein klares Ranking bleibt aber schwierig, weil es Einflussfaktoren gibt, die nicht sachlich bzw. zahlenmäßig zu erfassen sind, sondern Auslegungsspielräume gewähren, die jeder nach seiner Facon nutzt. Die Beschäftigung mit dem Thema tut jedoch der Fußbodensache gut.
Vor dem gleichen Hintergrund machen neben den Flüssigklebstoffen zunehmend neue Befestigungssysteme für Teppiche von sich reden: die Verklettung und das Vertacken. Selbstklebende Folien oder Bänder werden auf den Untergrund geklebt. Sie sind mit Millionen von Haken und Ankern ausgestattet, die sich im Rücken der daraufgelegten Bodenbeläge verkrallen. Entweder begünstigt ein speziell ausgestattetes Backing die Verbindung, oder es verkrallen sich die mikroskopisch feinen Anker in fast jedem gängigen Vliesrücken. Die so verlegten Textilbeläge können problemlos innerhalb weniger Minuten ausgewechselt oder partiell durch Einsetzen neuer Stücke repariert werden.Die Techniken werden mit viel Vorschusslorbeeren versehen, obwohl sich diese Verlegesysteme wegen der höheren Anfangsinvestitionen erst nach mehrmaligem Belagwechsel finanziell rechnen. Vliesrückenteppiche machen von sich reden.
bwd unter neuer Flagge
1996 verkauft bwd-Herausgeber Max Rauscher boden wand decke an Holzmann Medien (damals noch Holzmann Verlag). Der Holzmann Verlag ist mit seinen Zeitschriften traditionell im Handwerk verankert. Unter der Holzmann-Flagge wird deshalb das redaktionelle Angebot für die Zielgruppe bodenlegendes Handwerk massiv ausgebaut. Binnen kurzer Zeit schnellt denn auch die Aboquote nach oben – getragen von Festbeziehern aus dem Handwerk.
In den 90er Jahren verändert bwd auch seine redaktionellen Schwerpunkte und intensiviert dem Trend der Zeit entsprechend das Thema Holzfußböden merklich. Demgegenüber fährt die Redaktion das über 20 Jahre mit sehr viel Engagement begleitete Sonnenschutz- und Dekorationsstoffsegment zurück und wird zu einer sehr konzentrierten Fachzeitschrift, die den Fokus nahezu ausschließlich auf den Boden lenkt. Da tut sich weiterhin auch sehr viel, was es nicht nur von der technischen sondern auch von der kaufmännischen Seite zu diskutieren gilt. In Dezemberausgabe 1997 beispielsweise tauschen sich Experten leidenschaftlich über Emotionen im Verkauf aus.

Die harten Beläge wie Laminat und Parkett legen bis zur Jahrtausendwende weiterhin erheblich zu, wobei das Holzimitat in Bereiche vorstößt, dass dem Teppich angst und bange wird. Hersteller wie Meister, Parador, Terhürne oder Witex, allesamt im Westfälischen beheimatet, widmen sich mit ihrer ganzen Produktions- und Vermarktungskompetenz dem Fußboden, zunächst dem Laminat, dann dem Parkett und viele Jahre später den Designbelägen, jeder mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Unternehmen dieser Größenordnung sorgen für eine große Schubkraft und fordern andere heraus. Konkurrenz belebt das Geschäft, im Bereich der Hartbeläge zugunsten aller.
Alles klickt
Die Entwicklung der Klickbeläge ist in vollstem Gange. Laminat setzt sich durch das eindeutig verbesserte Verhalten am Boden, das in genialer Weise durch die Selbstverleger-Argumente der einfachen, billigen und schnellen Verlegung gepusht wird, endgültig auf das DIY-Gleis, das sich als mengenmäßige Erfolgsspur entpuppt. Ein Hersteller versucht sich mit einem Flüsterkleber, um auch das Handwerk von dem Produkt zu begeistern. Das schafft aber eher Denkansätze für einen Wiederaufnahmekleber. Die junge Laminatindustrie ist technisch höchstmodern ausgestattet und angriffslustig. Die Oberfläche wird verbessert und immer authentischer. Synchronpore wird zum Stichwort, man will partout so aussehen wie das Vorbild. Und es gibt pfiffige Köpfe in der Laminatindustrie, die genau wissen, dass man Innovationen patentieren lassen kann, nicht nur um andere daran zu hindern, sie nachzubauen, sondern zu allererst, um Lizenzgebühren zu erheben.
So eine Prozesswelle hat die Fußbodenbranche noch nicht gesehen
Es entwickelt sich ein gigantischer Streit mit einer Prozesswelle, die die Fußbodenbranche noch nicht gesehen hat. Jeder ruft dasjenige Gericht an, vor dem er sich die besten Chancen ausrechnet. Die Justiz bekommt eine neue Einnahmequelle, die Anwälte lachen sich ins Fäustchen. Die Zahl der Streithähne reduziert sich immer mehr auf zwei der größten Protagonisten. Der Höhepunkt wird 2007 erfolgen. Faus(t) schlag von Unilin titelt bwd in im Februar 2007, als wenige Minuten nach Eröffnung der Domotex die Belgier den Stand des spanischen Laminatherstellers Faus vor aller Augen abräumen lassen, im Nachhinein eine denkbar schlechte Entscheidung, die der gesamten Branche viele Sympathien kostet.
Die Laminatkapazitäten übersteigen zunehmend die Verbrauchsmengen. Je größer das Delta, je geringer werden die Preise. Es deutet sich schon recht früh an, dass die Laminatindustrie den gleichen Weg gehen wird wie mit einem Zeitvorsprung von etwa 25 bis 30 Jahren die Teppichbodenhersteller. Der Holzhandel ziert sich deshalb, Laminat überhaupt anzufassen, und hält die Zurückhaltung so lange durch, bis die Variationsbreite in diesem Segment durch viele technische Neuerungen, Formate, Oberflächen und Zusatznutzen verbesserte Verkaufsargumente anbietet. Da ist es aber schon recht spät. Laminatböden verlieren mittlerweile immer mehr ihre Ausstrahlungskraft, weil Baumarktpreise von 3,99 Euro/Quadratmeter für den Fachhandwerker schlichtweg unseriös sind. Man hat es zwar geschafft, eine eigene Fußbodengattung zu etablieren, aber nicht vom Vorwurf des Plagiats wegzukommen. Man kopiert trotz beachtenswerter neuer Drucktechniken munter weiter. Auskömmlichkeit gelingt denjenigen leidlich, die ein entsprechendes Vertriebsnetz aufweisen, in dem man Differenzierungen deutlich machen kann, aber diejenigen, die für die Absatzmenge verantwortlich sind, bleiben Gefangene des eigenen Outputs.
