Die Diskussion um nachhaltige Verlegewerkstoffe fokussiert den Gesundheitsschutz durch emissionsarme Produkte. Doch eine ganzheitliche Betrachtung erfordert unter anderem die Recyclingfähigkeit und die Betrachtung der CO₂-Bilanz über die Lieferkette.

Der Druck auf Unternehmen seitens Kunden, Gesellschaft und durch die Regularien wie dem Green Deal der EU steigt. Im Rahmen des EU Green Deal hat die Europäische Kommission im März 2020 einen neuen Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft vorgestellt. Dieser ist ein zentraler Baustein, um das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen. Der Gebäudesektor spielt dabei eine Schlüsselrolle, da rund 40 Prozent des Energieverbrauchs und 36 Prozent der Treibhausgasemissionen in der EU auf Bau, Betrieb und Rückbau von Gebäuden zurückzuführen sind. Zusätzlich fallen jährlich etwa 230 Millionen Tonnen Abbruchabfälle an (Statistisches Bundesamt vom 04. Juni 2021).
Ein wichtiger Schwerpunkt des Aktionsplans liegt auf der Überarbeitung der EU-Bauproduktenverordnung (CPR). Ab 2025 sollen Normen schrittweise angepasst werden. Harmonisierte Bauprodukte mit CE-Kennzeichnung müssen künftig mit einer Leistungserklärung und Konformitätserklärung ausgestattet werden, die auch EPD Indikatoren umfassen. Dabei könnten neue Anforderungen an den Rezyklatanteil bestimmter Bauprodukte eingeführt werden, wobei Sicherheit und Funktionalität stets gewährleistet bleiben müssen.
Zudem wird die Langlebigkeit und Anpassungsfähigkeit von Gebäuden in den Fokus gerückt. Bauteile und Systemkomponenten sollen so entwickelt werden, dass sie recyclingfähig sind, dabei jedoch die Nutzungsdauer von Gebäuden erhöhen. Dies macht Renovierungen zu einem zentralen Thema, da sie den Materialkreislauf fördern und die Lebensdauer von Bauten verlängern können. Eine enge Zusammenarbeit der Bauchemiehersteller mit Belagsherstellern wird ebenfalls erforderlich, um sicherzustellen, dass Klebstoffe und andere Produkte den Recyclingprozess nicht behindern.
Standards und Zertifizierungen geben Orientierung
Um die Qualität und Umweltverträglichkeit von Verlegewerkstoffen nachvollziehbar zu machen, spielen nach strengen Kriterien geprüfte Zertifizierungen eine zentrale Rolle. Ab 2027 werden strengere Anforderungen für Umweltaussagen („Green Claims“) eingeführt, um irreführende Aussagen zu vermeiden und Verbrauchern den Umgang mit den Produkten zu erleichtern. Begriffe wie „klimaneutral“ dürfen dann nur noch mit nachvollziehbaren Hintergrundinformationen verwendet werden.
Parallel dazu wird die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) umgesetzt. Auch Uzin Utz ist ab 2025 verpflichtet, detaillierte Nachhaltigkeitskennzahlen, z.B. zu Scope 1, 2 und 3-Emissionen offenzulegen. Dies wird alle Hersteller fordern, ihre Produkte inhaltlich weiter zu entwickeln und gleichzeitig eine extrem hohe Produktleistung aus Sicht des Verarbeiters zu gewährleisten.
Recycling und Kreislaufwirtschaft
Ein wesentlicher Punkt der Nachhaltigkeit ist die Kreislauffähigkeit von Produkten und deren Verpackungen. Die Forderungen, Materialien nach der Nutzungsdauer wiederzuverwenden, verschärfen sich zunehmend. Zukünftige innovative Verlegewerkstoffe haben die Aufgabe, Bodenbeläge einfach, sicher und fest zu verbinden, sodass diese hoch belastbar und beanspruchbar sind, um einen langen Lebenszyklus zu gewährleisten. Darüber hinaus müssen neue Verlegewerkstoffe eine spätere Rückführung in den Kreislauf unterstützen. Es geht um den Prozess der Rückführung bis hin zur gemeinsamen Verwertung im Recyclingprozess.
Renovierung, Sanierung und Modernisierung sind wichtige Bestandteile im Bauwesen, um die Werterhaltung im Bestand zu ermöglichen und den Lebenszyklus der Gebäudehüllen zu verlängern. Dies unterstützt einen bewussteren Umgang mit möglichen hohen CO₂-Emissionen durch die Alternative Neubau. Gerade moderne Verlegewerkstoffe können einen wertvollen Beitrag in nachhaltigen Renovierungslösungen und -systemen leisten.
Nachhaltige Verlegewerkstoffe: Technische Weiterentwicklungen und ihre Bedeutung
Die Forschung und Entwicklung im Bereich der Verlegewerkstoffe konzentriert sich stark auf die Verbesserung der Nachhaltigkeit, ohne die technische Leistungsfähigkeit zu beeinträchtigen. So muss beispielsweise der Einsatz von Bindemitteln mit einem geringeren CO₂-Fußabdruck oder von Rohstoffen aus nachwachsenden oder recycelten Materialien forciert werden. Die Herausforderung bleibt jedoch, dass diese innovativen Materialien oft längere Entwicklungsphasen durchlaufen müssen, um die gleichen Qualitätsansprüche wie konventionelle Produkte zu erfüllen, denn es stehen weniger mögliche Rohstoffe zur Auswahl.
Darüber hinaus gibt es einen starken Trend, weg von gefahrstoffgekennzeichneten Rohstoffen, wie zum Beispiel Epoxidharz und Polyurethan-(PU)-Produkte, hin zu möglichst gefahrstofffreien Produkten- und Systemlösungen. Gerade bei PU-Produkten setzen sich strengere Kennzeichnungs- und Schulungsanforderungen durch. Alle Anwender von Polyurethan-(PU)-Produkten müssen seit August 2023 vor der Verarbeitung eine Schulung zur weiterhin sicheren Verwendung der Produkte absolvieren.
Neben dem Schutz vor Emissionen steht auch das Thema Ergonomie und Erleichterung in der Handhabung und Verarbeitung der Produkte im Fokus. So tragen zum Beispiel Verpackungsgewichte und Verarbeitungserleichterungen wie Arbeiten im Stehen, Misch- und Pumplösungen oder andere Hilfestellungen zur Erhaltung und dem Schutz der Gesundheit von Verarbeitern bei.
Wie steht es um die Kosten und Marktakzeptanz von nachhaltigen Verlegewerkstoffen?
Ein häufiges Argument gegen nachhaltige Verlegewerkstoffe ist deren vermeintlich höherer Preis. Ursache für den Preisunterschied können neue Technologien, nachhaltige Rohstoffalternativen oder neu eingesetzte Rohstoffe sein, die aktuell noch nicht häufig in Gebrauch sind. Denn sie erfordern viel Entwicklungsarbeit, möglicherweise die Anschaffung neuer Versuchsanlagen, ebenso wie die Anpassung von Prozessen. Das sind alles Kosten, die auf diese Produkte wiederum aufgeschlagen werden.
Zwar sind Produkte, die auf umweltfreundlichen und innovativen Materialien basieren, häufig teurer in der Herstellung, doch zeigt sich zunehmend eine Bereitschaft des Endverbrauchers, für Nachhaltigkeit einen gewissen Aufpreis zu zahlen. Dies gilt insbesondere für Projekte, bei denen langfristige Einsparungen, etwa durch verbesserte Energieeffizienz oder höhere Lebensdauer, im Vordergrund stehen.
Produkte, die eine klare nachhaltige Produktlösung darstellen, einen wesentlichen Beitrag zum Arbeitsschutz leisten und gleichbleibende oder sogar bessere Leistungsparameter aufweisen, gewinnen auch beim ausführenden Handwerk zunehmend an Akzeptanz. In Zukunft ist davon auszugehen, dass sich durch neue Standards auch die Preisniveaus nachhaltiger Alternativen mit der Zeit angleichen werden, sodass auf Dauer keine Nachteile bestehen bleiben.
Zukunftsperspektiven und neue Herausforderungen
Die Zukunft der Verlegewerkstoffe wird stark durch den Wunsch nach ökologisch nachhaltigen und gleichzeitig hochfunktionalen Produkten geprägt sein. Angesichts der immer strengeren Umweltschutzauflagen müssen Hersteller nicht nur innovative Rohstoffe und Verpackungsmaterialien finden, sondern auch in der Lage sein, ihre Produktionsprozesse kontinuierlich zu optimieren. Besonders wichtig wird dabei, dass diese Produkte recyclingfähig sind und den Kreislaufgedanken unterstützen. Hierbei sind die gesamte Lieferkette und die Herkunft der Rohstoffe entscheidende Faktoren, um einen möglichst kleinen CO₂-Fußabdruck zu gewährleisten.
Zusätzlich kommt der Bedeutung von Renovierungs- und Sanierungslösungen eine besondere Rolle zu. Diese Lösungen tragen maßgeblich dazu bei, die CO₂-Bilanz zu verbessern, indem sie den Lebenszyklus bestehender Gebäude verlängern und aufwendige Neubauten teilweise überflüssig machen. Gerade im Bereich der Bestandsmodernisierung bieten moderne Verlegewerkstoffe eine nachhaltige Alternative, die nicht nur Ressourcen schont, sondern auch hohe technische Anforderungen erfüllt.
Die Digitalisierung bietet darüber hinaus große Chancen, Prozesse effizienter und transparenter zu gestalten. Tools wie Building Information Modeling (BIM) erleichtern die Planung und ermöglichen es, Ressourcen gezielt einzusetzen. Die Nutzung solcher digitalen Hilfsmittel kann nicht nur den Bauprozess beschleunigen, sondern auch die Nachhaltigkeit der verwendeten Materialien transparent darstellen. Zudem werden Vorfertigung und standardisierte Bauweisen in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Hier bieten sich erhebliche Potenziale, um den CO₂-Fußabdruck des Bauens insgesamt zu senken und gleichzeitig die Kosten zu reduzieren.
Der Autor
Steffen Kallus, ist Leiter Business Unit Uzin innerhalb der Uzin Utz-Gruppe.