REACH Die Umsetzung des politischen Willens könnte wirtschaftliche Folgen haben - Kosten-Nutzen-Verhältnis bleibt umstritten"> REACH Die Umsetzung des politischen Willens könnte wirtschaftliche Folgen haben Kosten-Nutzen-Verhältnis bleibt umstritten

Die Verordnung REACH zur Registrierung, Bewertung und Zulassung chemischer Stoffe für den europäischen Markt ist Mitte 2007 in Kraft getreten. 30.000 Chemikalien stehen zur Überprüfung an. Kritiker fürchten um Millionen von Arbeitsplätzen.

Betroffen von REACH sind auch Hersteller von Pflege- und Versiegelungsprodukten für Holzfußböden wie Berger-Seidle. - © Kober

Dass die Verordnung bei allen in langjähriger Lobbyarbeit vor allem der chemischen Industrie erwirkten Modifikationen schon durch ihr Zustandekommen den Geist der alten, rot-grünen Bundesregierung atmet, wird kaum einer bestreiten. Aber ist sie deshalb schlecht für die Interessen der Fußbodenbranche? Ein betroffener Unternehmer urteilt differenziert. Als einer der ersten hat sich der damalige Sprecher der Chemisch-Technischen-Arbeitsgemeinschaft (CTA) Thomas M. Adam, Geschäftsführer und Mitgesellschafter der Berger-Seidle Siegeltechnik GmbH und Phil. Berger GmbH, mit REACH beschäftigt ( bwd berichtete). Was sagt er heute, exakt ein Jahr nach dem Inkrafttreten der EU-Verordnung?

Als Hersteller von Industrielacken und Produkten zur Parkettversiegelung hat das familiengeführte Unternehmen in Grünstadt an der Weinstraße in erheblichem Umfang mit den Auswirkungen der gesetzgeberischen Initiative aus Brüssel zu tun. Denn ehe Parkettprofis sowie Industriekunden Produkte aus Rheinland-Pfalz einsetzen, werden bei Philipp Berger (Industrielacke) und Berger-Seidle (Parkettversiegelungen) zirka 500 verschiedene Rohstoffe eingelagert, geprüft und weiterverarbeitet. Lieferanten sind die mittelständische Chemie und Großchemie aus Deutschland und den europäischen Nachbarländern.

Was Adam nach eigenem Bekunden oftmals ärgert, ist die politische Grundhaltung, die zwischen den Zeilen zu lesen ist. Zu Unrecht sieht er die Chemiebranche mit einem offenbar tief sitzenden Misstrauen konfrontiert. Immerhin unterlag die Industrie bereits vor REACH einer Vielzahl gesetzlicher Regelungen, haben Umwelt- und Arbeitsschutz sowie Sicherheit in vielen Firmen einen hohen Stellenwert. Auch sieht sich Berger-Seidle durchaus als Vorreiter, was die schnelle Reaktion auf neue gesundheitlich oder umweltbezogen relevante Erkenntnisse betrifft: „Noch ehe die Zweifel an der Unbedenklichkeit des Lösemittels n-Methyl-Pyrrolidon von Seiten der Behörden auch nur zur offiziellen Kennzeichnungspflicht führten, haben wir von uns aus zur Gänze darauf verzichtet. Und das, obwohl uns den Stoff einst die GISBAU empfohlen hatte.“ Die Botschaft ist klar: Wer sich selbstständig und in Eigenverantwortung um eine stetige Verbesserung der eigenen Erzeugnisse aus ökologischer Sicht kümmert, reagiert nicht erfreut auf ein derart aufwändiges Unterfangen.

Auch wenn jene Eigeninitiative mögliche Folgen erheblich abschwächen und aus dem Schaden für die Branche dadurch einen Nutzen für das eigene Unternehmen machen könnte. Denn jahrzehntelang akkurat betriebenes Screening hat die Grünstädter mit einem Wissensvorsprung ausgestattet, was die Reaktion auf mögliche Negativfolgen von REACH betrifft. Zwar gibt Adam Entwarnung, nach dem großen Rohstoffsterben sehe es anders als befürchtet aktuell nicht aus. Aber: Im Einzelfall ist es möglich, dass das erwartete Volumen aufwändige Versuchsreihen für einen bestimmten Bestandteil nicht lohnt und auf Herstellerseite komplex formulierte Systeme neu zusammengesetzt werden müssen.

„Da haben wir fast für jeden Rohstoff alternativ eine andere Möglichkeit in der Hinterhand“, berichtet Berger-Seidle-Laborleiter Dr. David Reindl von der stetigen Entwicklungsarbeit. Trotz des am Ende aus dieser Beweglichkeit eventuell resultierenden Wettbewerbsvorteils freut sich in der Pfalz niemand so recht über REACH: „Die namhafte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur D. Little prognostizierte vor Jahren, dass REACH alleine in Deutschland 1,1 Millionen Arbeitsplätze kosten kann“, sagt Markus M. Adam, kaufmännischer Leiter und Mitgesellschafter. Und Vertriebsleiter Wolfgang Breetzke verweist auf die vom umweltpolitischen Aktionismus der Europäer profitierende Konkurrenz aus Fernost: „REACH gilt nur für Stoffe und Zubereitungen, die im Geltungsbereich des europäischen Binnenmarkts in Verkehr gebracht werden. Davon nicht betroffen sind chinesische Fertigparketthersteller, die darauf bei der Beschichtung ihrer Produkte keinerlei Rücksicht zu nehmen brauchen und das fertige Produkt in die REACH-Zone exportieren.“ Dabei habe eine Vielzahl von Vorgaben auch vor Inkrafttreten der europäischen Chemikalienverordnung das zu akzeptierende Gefährdungspotenzial von Stoffen und etwaige Vorkehrungsmaßnahmen geregelt. Viele der teuren Versuche, die gerade für kleine Player ein Problem werden dürften, könnten so zu einer weiteren Marktkonzentration führen. Welche Auswirkungen hat REACH auf Hersteller, Handel und Handwerk in der Fußbodenbranche?

Hersteller: Für den Fall, dass der Rohstofflieferant die mit Registrierung, Bewertung und Zulassung verbundenen Kosten scheut, darf der jeweilige Stoff nach REACH im Geltungsbereich der EU nicht mehr in Verkehr gebracht und muss deshalb ersetzt werden. Soll dagegen an einem Rohstoff festgehalten werden, können sich die mit REACH verbundenen Mehrkosten durch teure Versuchsreihen auf mehr als eine Million Euro belaufen und Neukalkulationen für die ganze Wertschöpfungskette nötig machen. Denkbar ist wie in anderen Wirtschaftsbereichen vor diesem Hintergrund ein Zusammenschluss von Anbietern zu einem Konsortium, um Prüfkosten so auf ein erträgliches Maß zu beschränken. Dieser Prozess dürfte sich auf Jahre erstrecken – ein Ergebnis bleibt abzuwarten.

Handel: Ist der Händler mit dem Importeur in den EU-Raum identisch, ist er wie ein Hersteller klärungspflichtig, was die Bestandteile des Stoffs beziehungsweise der Zubereitung angeht. Dabei benötigt er zur Erstellung so genannter Expositionsszenarien über die Produktion, Weiterverarbeitung und Verwendung eines Stoffs detaillierte Informationen vom Anwender bezüglich des geplanten Gebrauchs. Diese Szenarien ergänzen die Datenblätter.

Reinhold Kober reinhold.kober@holzmannverlag.de