Belegreife von Calciumsulfat-Fließestrichen Häufige Streitpunkte zwischen Bauherr, Architekt, Boden- und Estrichleger - Ist Zwangstrocknung die Lösung?"> Belegreife von Calciumsulfat-Fließestrichen Häufige Streitpunkte zwischen Bauherr, Architekt, Boden- und Estrichleger Ist Zwangstrocknung die Lösung?

Der Estrich wird ewig nicht trocken, die Estrichoberfläche ist nicht in Ordnung. Die leidige Diskussion um die Belegreife von Calciumsulfat-Fließestrichen gehört zum Baustellenalltag. Was kann man tun? Wie sind die Zuständigkeiten geregelt?

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    © Steinhäuser
    Calciumsulfat-Fließestrich mit einer „Sinterschicht“.
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    © Bilder: Steinhäuser
    Calciumsulfat-Fließestrichoberfläche mit Vernarbungen und Ausblühungen.

Calciumsulfat-Fließestrich ist ein sicherer, umweltverträglicher, gesundheitlich unbedenklicher und zwischenzeitlich auch ein sehr praxis­erprobter Baustoff. Er hat sich besonders im Innenbereich und angesichts seiner Vorteile  besonders im Wohnungsneubau bewährt. Diese Estriche haben aber auch ihre Grenzen:

  • sie vertragen keine dauerhaften und massiven Feuchtebelastungen, deshalb sind sie für Außenanwendungen oder echte, dauerhaft feuchtebelastete Bereiche nicht geeignet;
  • im häuslichen Bad mit Dusch- und Badewannen können sie jedoch bedenkenlos eingesetzt werden, allerdings ist dann eine Abdichtungsebene zwischen Estrich und Oberbelag in Form einer Verbundabdichtung mit Rand-Dichtungsstreifen vorzusehen;
  • die Abriebfestigkeit ist geringer als bei ­Zementestrichen;
  • der Einbau ist mit einem relativ hohen technischen Aufwand verbunden;
  • von den Estrichlegern wird ein hohes Maß an Sorgfalt und Sachkenntnis gefordert;
  • sie sind sehr dicht und trocknen deshalb in großer Dicke sehr langsam aus, dabei haben diese Estriche in einer Dicke bis ca. 4 cm ­sogar Vorteile bei der Austrocknungsgeschwindigkeit, da die Belegreife auch bei ­höherer Luftfeuchte erreicht wird.

Auf der Baustelle kommt es bei den folgenden Problemen immer wieder zu Auseinandersetzungen, wenn es um die Belegreife von Calciumsulfat-Fließestrichen und somit um den Baufortschritt geht.

1. Belegreife Estrichtrocknung

Die Grenzwerte für die Belegreife von mineralischen Estrichen sind im BEB-Merkblatt CM-Messung, Ausgabe Januar 2007, vorge­geben. Sie betragen für den Calciumsulfat­estrich beheizt 0,3 CM-% und unbeheizt 0,5 CM-%. Diese Werte sollte eigentlich jeder am Bau Beteiligte kennen. Das Calciumsulfat-Fließestriche mit einem wesentlich höheren Feuchtegehalt eingebaut werden und auf die Belegreife heruntertrocknen müssen, ist auch allgemein bekannt. Die Problematik beginnt immer dann, wenn Fliesenleger, Parkett- und Bodenleger durch die CM-Messungen feststellen, dass der eingebaute Estrich nicht ausreichend trocken, also nicht belegreif ist. Dann kommt automatisch die Frage nach den Ursachen. Grundsätzlich sind beim Austrocknen von Calciumsulfat-Fließestrichen folgende Punkte zu beachten, die leider in vielen Fällen nicht berücksichtigt werden und dann zu Ärgernissen führen:

  • nach dem Estricheinbau ist der Estrich ca. 2 Tage vor Zugluft zu schützen;
  • ab dem 3. Tag muss fachgerecht gelüftet werden;
  • Niederschlagswasser durch geöffnete Türen und Fenster muss verhindert werden;
  • Frosteinwirkung sowie Temperaturen unter 5 °C sind zu vermeiden;
  • auf den Estrich abgestelltes Baumaterial und Gerüste behindern die Austrocknung;
  • häufig wird auch die Estrichdicke als Grund für die schlechte Trocknung genannt. Dann wird auf der Baustelle die folgende Faustregel zitiert:
  1. bis zu Dicken von 45 mm beträgt die Trocknungszeit ca. 1 Woche pro 10 mm;
  1. von 50 mm bis 70 mm Estrichdicke beträgt die Trocknungszeit ca. 2 Wochen pro 10 mm;
  1. von 80 mm bis 90 mm kann die Trocknungszeit über 3 Monate dauern;
  1. Calciumsulfat-Fließestriche ab einer Dicke von 90 mm erreichen nie die Belegreife.

Zu dieser Faustregel kann man stehen wie man will, aber der Bauherr/Auftraggeber will immer wissen, was zu tun ist, umso schnell wie möglich Oberbeläge verlegen zu können. Es dürfte sich auch herumgesprochen haben, dass man die überhöhte Restfeuchte in Cal­ciumsulfat-Fließestrichen nicht mit Reak­tionsharzen absperren darf, da diese Estriche feuchteempfindlich sind. Sperrt man diese Restfeuchte trotzdem mit Reaktions­harzen ab, wird es unweigerlich zu Festig­keitsverlusten im Estrich sowie zu sehr un­angenehmen Geruchsbelästigungen kommen. Diese Geruchsbelästigungen sind ein sehr unan­genehmes „Muffeln“ (Volksmund) aus dem Untergrund, das nie mehr aufhört. Um die Estrichtrocknung zu beschleunigen, kann ­eine sogenannte Zwangstrocknung, auch als künstliche Trocknung bezeichnet, durchgeführt werden (siehe Kasten Seite 54).

Der Parkett- und Bodenleger muss immer daran denken, dass er auch bei zwangsgetrockneten Estrichen eine Prüfpflicht hat. Auf Aussagen und Protokolle des Bautrockners kann und darf er sich nicht verlassen. Er muss mit der CM-Methode feststellen, ob der Estrich belegreif ist oder auch nicht.

2. Fließestrichoberflächen

Bei der Beurteilung der Oberfläche von Calciumsulfat-Fließestrichen auf der Baustelle gibt es die meisten Meinungsdifferenzen und Streitigkeiten. Ein Hauptgrund dafür ist die Auslobung der Estrichhersteller, die in ihren technischen Unterlagen einfach behaupten, „unser Calciumsulfat-Fließestrich muss nicht ab- oder angeschliffen werden“. Bei dieser Aussage vergessen sie aber den ganz entscheidenden Nebensatz: Nur dann, „wenn unser Calciumsulfat-Fließestrich fachgerecht und mangelfrei eingebaut wurde“. Und da scheiden sich eben die Geister. Der Estrichleger zeigt dem Bauherrn die technische Unterlage des Estrichherstellers und ist der Meinung, damit ist er fein raus. Hier kann ich jedem Fliesen-, Parkett- und Bodenleger nur raten, den Bauherrn mit dem Merkblatt 4 der Industriegruppe Estrichstoffe im Bundesverband der Gipsindustrie e. V., Berlin und des Industrieverbandes WerkMörtel e. V. Duisburg, Stand 12/2011, „Beurteilung und ­Behandlung der Oberfläche von Calcium­sulfat-Fließestrichen“ aufzuklären. Hier heißt es: „Es entspricht den allgemein anerkannten Regeln der Technik, dass Fließestriche angeschliffen werden. Auf das Anschleifen kann jedoch verzichtet werden, wenn der Fließ­estrich eine für den Verwendungszeck ausreichende Oberfläche aufweist.“

Und genau das muss der Fliesen-, Parkett- und Bodenleger prüfen, beispielsweise mit der Gitterritz-, Hammerschlag- oder Benetzungsprüfung. Wenn die Estrichoberfläche aufgrund eines Verarbeitungsfehlers mangelhaft ist, muss eine entsprechende Oberflächenbehandlung ausgeführt werden, um die Estrichoberfläche belegreif herzustellen. Harte Schalen, überwiegend verursacht durch falsche Wasserzugabe, müssen durch Abstoßen, Abschleifen, Abfräsen oder Kugelstrahlen entfernt werden. Ausblühungen, die die technischen Eigenschaften des Estrichs nicht beeinträchtigen, sind durch Abkehren zu beseitigen. Weiche und mehlige Oberflächen reduzieren die Oberflächenhärte und entstehen durch den Einbau von überwässerten Estrichen. Diese Schicht ist bis auf die feste Estrichmatrix abzuschleifen. Unzureichende Saugfähigkeit kann durch maschinelles Bürsten oder Anschleifen behoben werden.

Der umstrittenste Mangel nahezu auf jeder Baustelle ist die sogenannte „Sinterschicht“, auch als „Kalkhäutchen“ bezeichnet. Übrigens hat sich der Begriff „Sinterschicht“ fälschlicherweise eingebürgert, obwohl diese Oberflächenerscheinung nichts mit Sintern zu tun hat. Die Ursache für die „Sinterschicht“ sind sehr kleine Gipskristalle, die sehr dicht zusammengewachsen sind, wobei eine fast gasdichte, glatte, nach oben abschließende Haut entstand. Die Entstehung dieser Haut wird durch die hohen Feinanteile des Bindemittels und/oder durch intensives Schwabbeln unterstützt. In der Baupraxis sollte man bereits mit dem Schwabbeln einsetzen, wenn eine Fläche von 15 bis 25 m2 eingebracht ist.

Der Parkett- und Bodenleger muss die Anbindung der ­Verlegewerkstoffe an den Calciumsulfat-Fließ­estrich sicherstellen/gewährleisten. Zur Sicherstellung des erforderlichen Haftver­bundes zwischen Estrich und Verlegewerkstoffen haben sich in der Baupraxis zwei Möglichkeiten ­herauskristallisiert, wenn eine „Sinterschicht“ bzw. harte Schalen auf der Estrichoberfläche vorhanden sind:

1. Möglichkeit – Grundieren des Calciumsulfat-Fließ­estrichs nach dem Entfernen der harten Schalen und „Sinterschichten“ mit einer geeigneten Dispersionsgrundierung.

Hier kommt dann immer die Frage, warum müssen diese harten Schalen und „Sinterschichten“ unbedingt entfernt werden, wenn ein Dispersionsvorstrich eingesetzt wird. Dazu die folgende Begründung:

  • Die harten Schalen/„Sinterschichten“ sind nicht wasserbeständig, sie werden durch den Dispersionsvorstrich angelöst.
  • Der Dispersionsvorstrich kann keine feste Verbindung zu den in diesem Fall oberflächenlabil gewordenen Calciumsulfat-Fließ­estrich aufbauen, da dieser Estrich durch den Vorstrich in der Oberfläche weich geworden ist.
  • An der Estrichoberfläche finden bedingt durch das Wasser im Dispersionsvorstrich Umkristallisationsprozesse statt, die zu einer weißen „Puder- oder Staubschicht“ unterhalb der Spachtelung führen.
  • Sobald die später aufgebrachte Spach­telung ihre Festigkeit entwickelt, entstehen Abbinde- und Trocknungsspannungen, die wegen der gestörten Anbindung des Vor­striches an den Estrich nicht auf den Un­tergrund übertragen werden können. In der Folge schert die Spachtelung genau unterhalb des Vorstriches im Bereich der ehe­maligen harten Schale/„Sinterschicht“ ab. Es kommt zum Bruch in der Konstruktion, also zur Ablösung der Spachtelmasse von Calciumsulfat-Fließ­estrich (Adhäsionsbruch). Das geschieht umso wahrschein­licher, je größer die Spachtel­dicke ist. Ver­antwortlich ist hier das größere Feuchte­potential.

Die harten Schalen/„Sinterschichten“ behindern außerdem die Austrocknung des Calciumsulfat-Fließestriches. Bleibt der Calciumsulfat-Fließestrich lange feucht, bleibt er auch lange weich, da Calciumsulfat-Fließ­estrich feuchtigkeitsempfindlich ist. Dieses „Phänomen“ wird dann auch häufig auf der Baustelle diskutiert. „Sinterschichten“/harte Schalen sollten deshalb ca. 5–10 Tage nach dem Einbau des Estriches mechanisch entfernt werden. Nach dem mechanischen Entfernen der harten Schalen/„Sinterschichten“ ist der Estrich mit einem Industriesauger gründlich abzusaugen.

Bei den harten Schalen/„Sinterschichten“ handelt es sich um einen Estrichmangel, der in der Regel vom Estrichleger zu beseitigen ist. Diese Mangelbeseitigung ist nicht zu verwechseln mit dem Sauberschliff der Estrich­oberfläche, der unmittelbar vor dem Einbau der Verlegewerkstoffe vom Verarbeiter auszuführen ist. Wird der Parkett- oder Boden­leger mit der Beseitigung der harten Schalen/„Sinterschichten“ beauftragt, ist dem Verarbeiter diese Bauleistung als besondere Leistung extra zu vergüten.

2. Möglichkeit – Grundieren des Calciumsulfat-Fließ­estrichs unmittelbar auf den verbleibenden harten Schalen/„Sinterschichten“ mit einer geeigneten Reaktionsharzgrundierung. Beim Einsatz geeigneter Reaktionsharzgrundierungen auf diesen Estrichen brauchen die harten Schalen/„Sinterschichten“ nicht entfernt zu werden. Voraussetzung ist jedoch, dass die harten Schalen/ „Sinterschichten“ ausreichend fest mit der Estrichmatrix verbunden sind. Reaktionsharzgrundierungen sind zwar teurer, aber sie haben auch Vorteile:

  • In den Reaktionsharzgrundierungen ist keine Feuchtigkeit enthalten, die Nachteile der Dispersionsgrundierung kommen hier nicht zum Tragen.
  • Die harten Schalen/„Sinterschichten“ wie auch der Calciumsulfat-Fließestrich werden vor dem Anmachwasser aus der Spachtelmasse geschützt.
  • Die Estrichoberflächen werden zusätzlich verfestigt. Das bringt vor allem Vorteile bei labilen, gerissenen Estrichen, bei labilen Estrichrandzonen und geringen Oberflächenfestigkeiten, besonders bei zu erwartenden hohen Belastungen.
  • Diese Grundierungen sind in der Regel ­hervorragende Haftbrücken zur Spachtel­masse.