Deutscher Meister, Goldmedaille: Im Sport sind das große Ereignisse, die Millionen faszinieren. Im Handwerk? Etwas weniger. Einer, der „Gold“ geholt hat, ist der Estrichleger Fabian Walter. Ein Handwerker mit vielen Talenten und noch mehr Ideen.
Etwas mehr als ein Jahr ist es her, da hat ein junger Mann aus Blaustein nahe Ulm in Baden-Württemberg bei den 73. Deutschen Meisterschaften im Bauhandwerk die Goldmedaille bei den Estrichlegern geholt. Der damals 28-jährige Fabian Walter legte die beste Gesellenprüfung im Kammerbezirk ab und war auch Landes- und Bundessieger des Handwerks.
Estrichleger Fabian Walter – bester Nachwuchshandwerker Deutschlands
Im November 2024 in Bühl in Baden traten mehr als sechzig Bauhandwerksgesellinnen und -gesellen in neun Gewerken gegeneinander an – vor mehr als tausend Besuchern. Die Aufgabe: eine Fläche mit Schnellzementestrich auslegen, und zwar inklusive eines Schmutzabstreifer-Rahmens für eine Sauberlaufmatte.
Darauf folgte die Spachtelung der Estrichflächen und der Verlegung eines Belages sowie einer mineralischen Beschichtung. Die Mitbewerber: die Landessieger zahlreicher Bauhandwerke wie
- Beton- und Stahlbetonbauer,
- Brunnenbauer,
- Fliesen-, Platten- und Mosaikleger,
- Straßenbauer,
- Maurer,
- Zimmerer und
- Stuckateure.
Am Ende stand fest: Im Gewerk Estrich war der beste Nachwuchshandwerker Deutschlands 2024 ein junger Mann aus dem Schwäbischen.
Der Deutsche Meister aus dem Alb-Donau-Kreis entstammt einem Estrichlegerbetrieb: der Estra GmbH Estrich- und Fußbodentechnik in Blaustein-Bermaringen – einem Unternehmen, das Fabian Walters Vater aufgebaut hat. Das sei die Regel in diesem Gewerk, sagt der Bundessieger: Onkel, Vater, Verwandte haben einen Betrieb, die nachfolgenden Generationen wachsen damit auf: „Von außen kommt selten jemand bei den Estrichlegern hinein. Ich kenne gerade mal einen ‚Quereinsteiger‘.“
Fabian Walters Ausbildungsbetrieb ist indes nicht die väterliche Firma, sondern die Scheiffele Estrich GmbH im nahen Nellingen, wo er auch heute noch beschäftigt ist.
Eine tolle Zeit – Ausbildung zum Estrichleger
Vor seiner Ausbildung zum Estrichleger hat der Jungmeister Feinwerkmechaniker gelernt und nach dem Abschluss sechs Jahre als Geselle in diesem Beruf gearbeitet. „Ich wollte mit 15 die Ausbildung zum Estrichleger starten, aber mein Vater fand, ich sollte in dem Alter noch nicht auf den Bau gehen. ‚Mach lieber was anderes‘, sagte er, und so kam ich zum Metall, zum Fräsen, zum Drehen, Sägen. Das war eine tolle Zeit“, erinnert sich Walter.
Dann allerdings passierte etwas Unerwartetes: Sein Vater, der den Betrieb als Ein-Mann-Show führte, musste krankheitsbedingt ein Jahr pausieren. Da, sagt Fabian Walter, habe sich in ihm „ein Schalter umgelegt“. Er begann die Ausbildung zum Estrichleger, seine Schwester kündigte ihren Job und begann eine Ausbildung zur Bauingenieurin. Rund ein Jahr später hatte sich der Vater erholt, inzwischen ist er wieder in Vollzeit im Beruf, im eigenen Betrieb.
Und Fabian Walter? Wie sieht die Planung in den nächsten Jahren aus? „Irgendwann“ wolle er in den Betrieb zu Hause einsteigen, sagt er. Rund ein Jahr ist Fabian Walter nun Meister – Druck, sagt der 29-Jährige, sich für etwas oder jemanden zu entscheiden, mache ihm niemand.
In seiner Freizeit findet man den Estrichleger im Winter auf dem Snowboard, im Sommer auf dem Motorrad, dazwischen geht er Boldern, also: Klettern. Im August ist er mit Freunden durch Österreich, den Balkan bis nach Albanien gefahren, von dort ging es mit der Fähre weiter nach Italien, alles mit dem Motorrad. Neapel, dann Rom, dann nach Hause, 4700 Kilometer. „Macht den Kopf frei“, sagt er.
Leidenschaft Feuerwehr
Eine weitere Leidenschaft teilt Fabian Walter mit rund einer Million Menschen in Deutschland. So viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich bei der Freiwilligen Feuerwehr. Bei der Feuerwehr Blaustein, Abteilung Bermaringen, ist er der stellvertretende Kommandant. Seine Abteilung ist für die rund 1.300 in Bermaringen lebenden Einwohner zuständig. Alle sind freiwillig dabei, keiner ist Berufsfeuerwehrmann. Gerade einmal dreißig Sekunden braucht er, dann ist die Uniform angezogen. Im Ernstfall zählt jeder Augenblick.
Begonnen hat diese Leidenschaft noch vor der Lehre, mit elf, zwölf Jahren in der Jugendfeuerwehr; mit 17 ging es in die aktive Wehr. „Alleine bewirkt man nichts. Wir sind ein Team“, erklärt Fabian Walter. Die Jugendfeuerwehr Blaustein umfasst rund 35 Jugendliche. Im Gegensatz zu den Estrichlegern sieht es dort mit dem Nachwuchs also ganz gut aus. Zumindest bis die Pubertät einsetzt; dann ändern sich manchmal die Interessen.
Und die Estrichleger?
Fabian Walter: Wir waren in der Ausbildung am Anfang 24, dann haben zwei aufgehört und vier verkürzt. Abschlussprüfung war dann mit 19 Leuten, und zwar bundesweit. 19 in ganz Deutschland erlernen den Beruf; das ist schon sehr wenig.
Was sind die Gründe?
Walter: Das ist eine körperlich anstrengende Tätigkeit, bei der viel auf den Knien gearbeitet wird. Aber: Was wir machen, macht Spaß, das ist kein 08/15-Job. Man verdient nicht schlecht und kann beim Estrich echt viel bewirken. Klar, den Untergrund sieht nachher keiner, aber es gibt auch Sicht-estrich. Immer mehr Architekten finden das gut, als Designelement.
Beim Untergrund sieht man in der Regel am Ende aber nicht, was die Handwerker da alles leisten.
Walter: Ganz genau, man sieht’s nicht. Wir beschichten auch, setzen Epoxidharz oder Polyurethan-Beschichtungen ein, das sehen die Kunden. Aber der reine Estrich im Wohnungsbau: Da kommt eine Fliese drauf oder Parkett, und damit wird das unsichtbar, auch wenn man jeden Tag darauf steht.
Aufmerksamkeit für das Handwerk
Der Bundesverband Estrich und Belag (BEB) würdigt Leistungen im Estrichbereich mit dem „Deutschen Estrichpreis“, der sich an Estrichleger in Fachbetrieben richtet. Eine gute Sache, nicht zuletzt auch um Aufmerksamkeit für das Estrichlegerhandwerk zu schaffen? „Klar“, sagt Fabian Walter: „Man kennt das aus anderen Bereichen, zum Beispiel von Architekten. Wenn der Preis den Beruf des Estrichlegers bekannter macht, freut mich das. Der BEB hat mich finanziell beim Start für den Meister unterstützt, das hat mir sehr geholfen.“
Übrigens, sagt Walter, heiße der Beruf offiziell Estrich- und Belagsleger. „Viele wissen das nicht. In der Ausbildung haben wir auch gelernt, Linoleum, PVC und Teppich zu verlegen. Im beruflichen Alltag kommt Bodenlegen bei mir aber nicht vor.“
Aber: Heute den Estrich legen, ein paar Wochen später wiederkommen zum Kunden und das Parkett verlegen? Das könne für die Zukunft eine gute Idee sein, findet Fabian Walter: „Viele Kunden wollen möglichst alles aus einer Hand.“ Die all inclusive-Lösung. Vielleicht, überlegt er, bietet er das eines Tages an.
Was machen Sie am liebsten?
Walter: Kleinere Sachen lieber als große, privat lieber als öffentliche Hand. Auch Sanierungen können schön sein. Die sind nicht Standard, da muss man seinen Kopf einschalten. Welche Systeme, welche Sonderlösungen sind möglich? Das mit dem Kunden zu beraten, finde ich spannend.
Der Bauherr, der sich ein altes Haus gekauft hat, könnte auch sagen: Estrich? Den lasse ich vielleicht erst einmal so. Warum kommt er zu Ihnen?
Walter: Fußbodenheizung. Jeder will eine. Wenn nicht der Bauherr selbst, dann seine Frau. Die Fußbodenheizung bauen wir zwar nicht ein, aber wir bereiten alles für den Heizungsbauer vor. Wenn wir gehen, kann er kommen. Dann kommen wir wieder, dann der Parkettleger, Bodenleger, Fliesenleger, je nachdem.
Wie geht’s weiter?
Wo sieht sich Fabian Walter in zehn Jahren? Als er noch Feinwerkmechaniker war, antwortet er, sei er viel gereist. Besonders angetan haben es ihm Sri Lanka und Costa Rica. Vielleicht, sagt er, wandert er eines Tages dorthin aus. Um dann als Estrichleger zu arbeiten? Walter winkt ab: Das würde dort nicht klappen.
Aber womöglich in Italien, vielleicht Südtirol, die Toscana? Mal sehen. „Bis dahin“, sagt Fabian Walter, „kann viel passieren.“ Die Zeit der Ausbildung ist vorbei, jetzt steht er im Berufsleben. Natürlich, das elterliche Unternehmen wäre eine Option, „aber auch Konzerne suchen Mitarbeiter“, überlegt er. Also zum Beispiel als Anwendungstechniker anfangen? Oder etwas ganz anderes machen? „Mir steht alles offen. Ob Estrich legen, zurück an die Fräsmaschine oder Boden verlegen, wird sich zeigen. Ich habe den Lkw-Führerschein, auch das kann ich nutzen. Ab und zu muss man sich neu erfinden.“
Im November war er erst einmal bei den 74. Deutschen Meisterschaften im Bauhandwerk in Feuchtwangen mit dabei. Diesmal nicht als Teilnehmer, sondern als Besucher. Eine deutlich entspanntere Ausgangsposition als ein Jahr zuvor, erklärt Fabian Walter. Und sehr vertraut. „Estrich ist eine Familie“, sagt er.
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Autor
Alexander Radziwill, Kontakt: alexander.radziwill@holzmann-medien.de.
