Eine Betriebsübernahme im Handwerk gelingt ohne familiäre Nachfolge nur selten. Beate und Markus Diem zeigen, wie es ohne geht: Die Juristin und der Qualitätsmanager haben einen traditionellen Maler- und Bodenlegerbetrieb mit 15 Mitarbeitern übernommen. Im Interview erklären sie, wie sie über die Nachfolgebörse gesucht haben, wie die Preisfindung gelang und was sie Übergebern und Übernehmern raten.

Quereinsteiger sind im Handwerk keine Seltenheit. Selten hingegen gelingt eine Betriebsübernahme im Handwerk ohne familiäre Nachfolge. Über ein gelungenes Beispiel aus Amstetten in Niederösterreich berichtet bwd-Österreich-Redakteur Thomas Mayrhofer.
Vom Ministerium und aus der Luftfahrt ins Handwerk
bwd: Frau Diem, Herr Diem, Sie haben vor über einem Jahr einen traditionellen Handwerksbetrieb für Maler- und Bodenlegerarbeiten übernommen, obwohl Sie einen ganz anderen beruflichen Hintergrund haben. Können Sie uns kurz Ihren beruflichen Lebensweg schildern?
Beate Diem: Ich arbeitete als Juristin in der Generaldirektion für öffentliche Sicherheit im Innenministerium in Wien. Das bedeutete für mich, täglich von unserer Heimatgemeinde Maria Taferl, wo wir ein Haus gebaut hatten, zwei Stunden mit der Bahn nach Wien und ebenso lange wieder zurück zu pendeln. Auf Dauer war das kein tragbarer Zustand.
Markus Diem: Ich wollte mich im technischen Vertrieb in der Solarindustrie weiterentwickeln und habe deshalb ein Bachelor- und Masterstudium im Wirtschaftsingenieurwesen angeschlossen. Meine Masterarbeit über Qualitätssicherung 4.0 ebnete mir schließlich den Weg zum Qualitätsmanager für die gesamte österreichische Militärluftfahrt, was sehr interessant war. Dennoch wollte ich mich immer schon selbständig machen. Gemeinsam mit meiner Frau habe ich deshalb gezielt nach einem Unternehmen gesucht, das zu uns passt.
bwd: Wollten Sie bewusst einen Handwerksbetrieb übernehmen, oder wären andere Branchen infrage gekommen?
Markus Diem: Für uns war schnell klar, dass es ein Handwerksbetrieb sein sollte. Das Gastgewerbe, in dem meine Eltern tätig sind, kam wegen der unvereinbaren Betriebszeiten mit zwei kleinen Kindern nicht infrage. Durch unsere Tätigkeit als Testfahrer für KTM waren wir viel in kleinen Orten in ganz Niederösterreich unterwegs. Uns ist aufgefallen, wie viele Geschäfte und Handwerksbetriebe leer stehen.
Das brachte uns auf die Idee, gezielt nach einem Handwerksbetrieb zu suchen, zumal das Handwerk durch KI niemals ersetzbar sein wird.
Suche über die Nachfolgebörse: 125 Betriebe kontaktiert, zwei in der Endauswahl
bwd: Wie sind Sie bei Ihrer Suche vorgegangen, und welche Kriterien waren für Sie ausschlaggebend?
Beate Diem: Wir sind sehr strukturiert vorgegangen und haben zunächst die Nachfolgebörse der Wirtschaftskammer kontaktiert, in der Tausende Betriebe einen Nachfolger suchen. Anschließend haben wir mehrere Filter gesetzt – etwa fünf bis zwanzig Mitarbeiter oder einen Umsatz zwischen einer und fünf Millionen Euro – und daraufhin 125 passende Betriebe per E-Mail kontaktiert. Rund achtzig Inhaber haben wir zusätzlich telefonisch erreicht und mit etwa 30 von ihnen Video-Calls geführt, da die Wege sonst zu aufwendig gewesen wären, obwohl wir uns auf Ost-Österreich beschränkt hatten. Am Ende blieben zwei Betriebe in der engeren Auswahl, und gleich beim ersten Kontakt hat es gepasst.
Vom ersten Treffen zur Übernahme: Chemie, Zahlen und Gesamtpaket
bwd: Wie genau ist es weitergegangen?
Markus Diem: Unser erstes Treffen fand am 23. Dezember 2024 statt, und wir haben uns mit dem Betriebsinhaber KR Anton Pöchhacker auf Anhieb gut verstanden. Das ist ein entscheidender Punkt, denn wenn die Chemie zwischen den Partnern nicht stimmt, funktioniert ein so langer gemeinsamer Prozess nicht. Danach haben wir die Zahlen geprüft, die sehr gut waren, und uns die Nachhaltigkeit der Umsätze genau angesehen.
Schließlich fanden wir eine Lösung, mit der beide Seiten zufrieden waren, und konnten bereits zwei Monate später den Vertrag unterschreiben. Die tatsächliche Übernahme erfolgte dann vier Monate später am 1. Juni 2025 mit unserer neu gegründeten GmbH.
bwd: Häufig scheitert eine Übergabe an den Preisvorstellungen des Übergebers, der sein Lebenswerk naturgemäß viel höher einschätzt als eine unabhängige Analyse. Wie haben Sie dieses Thema gelöst?
Markus Diem: Wie schon erwähnt, muss die Chemie zwischen den Partnern stimmen. Nur dann kann man aufeinander eingehen und gemeinsam eine vernünftige Lösung finden. Wir haben dem Übergeber nicht nur einen fairen Preis bezahlt, sondern ihn auch weiterhin als gewerberechtlichen Geschäftsführer in Teilzeit eingebunden. Zudem vermietet er uns die Betriebsräume und das Geschäftslokal, sodass ein vernünftiges Gesamtpaket für beide Seiten entstanden ist.
Für verkaufswillige Unternehmer ist es nicht einfach, einen guten Nachfolger zu finden. Herr Pöchhacker hatte bereits zehn Jahre gesucht und war gerade 70 geworden. Außerdem haben wir vereinbart, den seit 80 Jahren etablierten Firmennamen weiterzuführen, was für den Übergeber auch eine wichtige psychologische Komponente darstellt.
„Unser Anspruch ist es, der beste Maler- und Bodenlegerbetrieb in unserer Region zu sein.“
Beate Diem, zuständig für Personalwesen, Buchhaltung, Marketing und Prozessoptimierung
15 Mitarbeiter übernommen, Innendienst verstärkt, Doppellehre eingeführt
bwd: Sie haben einen Großteil der Mitarbeiter übernommen. Haben diese die neue Situation sofort akzeptiert?
Markus Diem: Wir haben alle 15 Mitarbeiter übernommen und sie waren durchwegs erleichtert, eine langfristige Perspektive zu bekommen, ohne den Betrieb wechseln zu müssen. Natürlich mussten meine Frau und ich uns erst in die Branche einarbeiten, aber wir pflegen eine sehr gute Kommunikation mit unserem Team und auch mit KR Anton Pöchhacker, der uns mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung unterstützt. Auch im Innendienst hat es menschlich sehr gut funktioniert. Wir haben ihn zusätzlich mit einer Vollzeitkraft verstärkt.
Zudem bilden wir Lehrlinge aus, bevorzugt in der Doppellehre zum Maler und Bodenleger. So können unsere Mitarbeiter flexibel in beiden Bereichen eingesetzt werden und haben mehr Abwechslung im Arbeitsalltag.
Kundenstruktur: 75 Prozent Wohnbaugesellschaften, rund hundert Komplettsanierungen im Jahr
bwd: Wie gestaltet sich die Kundenseite? Welches Dienstleistungsangebot bieten Sie welchen Zielgruppen an?
Markus Diem: Unsere Kundenschicht ist sehr stabil: Rund 75 Prozent entfallen auf Wohnbaugesellschaften und Bauträger, etwa ein Viertel auf Privatkunden. Dadurch konnten wir die Umsätze vom ersten Tag an nicht nur halten, sondern bereits im ersten Rumpfjahr bis Weihnachten um rund 30 Prozent steigern. Für unsere Kunden übernehmen wir sämtliche Malerei- und Anstricharbeiten innen wie außen.
Für die Wohnbaugesellschaften führen wir zudem zahlreiche Komplettsanierungen durch – Ausmalen und Bodenverlegen inklusive –, sodass pro Jahr rund hundert Komplettsanierungen stattfinden. Beim Boden verlegen wir überwiegend Klick-Vinyl, insgesamt etwa 10.000 bis 12.000 Quadratmeter jährlich. Unser Einsatzgebiet umfasst einen Radius von etwa einer Stunde Fahrzeit, das heißt von Wien bis Wels.
Komplettaufträge, 2-K-Badbeschichtung und Klick-System für die Badsanierung
bwd: Werden Sie das Sortiment ausweiten?
Markus Diem: Bei unseren Kunden zeigt sich ein Trend zu Komplettaufträgen, bei denen ein Ansprechpartner alle Gewerke koordiniert. Das reicht von kleinen Fliesenarbeiten über Elektroanschlüsse bis hin zum Kürzen von Türstöcken. Wir übernehmen diese Gesamtkoordination gerne, um unseren Kunden beim Mieterauszug eine Komplettlösung aus einer Hand bieten zu können. Alles, was wir nicht selbst ausführen, erledigen langjährige Partnerbetriebe für uns.
Als Zukunftsfeld haben wir die Badezimmerbeschichtung mit 2-K-Systemen identifiziert, die wir forcieren möchten, da sich Bäder so deutlich schneller und kostengünstiger sanieren lassen. Zusätzlich gibt es von Gerflor ein Fertigsystem mit Klick-Elementen für die Badsanierung, das schnell und einfach funktioniert. Diese Märkte gilt es zu erschließen.
Betriebsübernahme im Handwerk: Ratschläge für Übergeber und Übernehmer
bwd: Welche Ratschläge können Sie sowohl dem Übernehmer als auch dem Übergeber nach Ihren Erfahrungen geben?
Markus Diem: Für den Übergeber ist es entscheidend, frühzeitig mit der Suche zu beginnen. Das geht wahrscheinlich am besten über die Nachfolgebörse der Wirtschaftskammer Österreich. Wenn sich mögliche Partner gefunden haben, muss die Chemie für beide Seiten stimmen. Nur dann lassen sich Zukunftsvereinbarungen und eine faire Preisfindung treffen.
Dafür braucht es auf beiden Seiten viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Der Übergeber muss sich auch ehrlich fragen, ob er schon für die Übergabe bereit ist. Ganz konkret hilft es, sich vorzustellen, wie man dem Übernehmer die physischen Schlüssel des Betriebs überreicht. Wenn er sich dieses Szenario wirklich vorstellen kann, ist dieser wichtige emotionale Schritt ein Zeichen, dass die Zeit reif ist für die Übergabe.
Ebenso wichtig ist es, die Übergabephase und die weitere Zusammenarbeit zu besprechen, um Missverständnisse zu vermeiden. All diese Schritte brauchen Zeit, die man sich unbedingt in ausreichendem Maße nehmen muss.
Checkliste: Was Markus Diem Übergebern und Übernehmern rät
- Übergeber: frühzeitig mit der Suche beginnen – am besten über die Nachfolgebörse der Wirtschaftskammer Österreich.
- Beide Seiten: Die Chemie muss stimmen. Nur dann sind Zukunftsvereinbarungen und eine faire Preisfindung möglich.
- Beide Seiten: Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen mitbringen.
- Übergeber: ehrlich prüfen, ob man bereit ist – Test: Kann ich mir vorstellen, dem Übernehmer die physischen Schlüssel des Betriebs zu überreichen?
- Beide Seiten: Übergabephase und weitere Zusammenarbeit klar besprechen, um Missverständnisse zu vermeiden.
- Beide Seiten: ausreichend Zeit für alle Schritte einplanen.
Zukunftspläne: Umsatz in drei Jahren verdreifachen
bwd: Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
Beate Diem: Wir haben klare Pläne für die kommenden Jahre, die wir Schritt für Schritt umsetzen möchten. Unser Ziel ist es, den Umsatz in den nächsten drei Jahren zu verdreifachen. Das ist zwar sehr ambitioniert, aber für uns durchaus machbar. Dafür werden wir mehrere neue qualifizierte Mitarbeiter benötigen.
Gleichzeitig möchten wir unsere guten Kundenbeziehungen weiter stärken und ausbauen. Auch unser Angebot im Bereich der Komplettsanierungen wollen wir erweitern und besonders auf innovative Systeme setzen. Unser Anspruch ist es, der beste Maler- und Bodenlegerbetrieb in unserer Region zu sein mit einem Team, das Freude daran hat, gemeinsam schöne Arbeit zu leisten.
Ebenso ist es uns wichtig, als Arbeitgeber für Lehrlinge attraktiv zu sein, denn nur so kann man zukunftsfähig arbeiten. Nach unserem ersten Jahr als Unternehmer blicken wir mit großer Freude auf das, was wir bisher erreicht haben und hoffen, dass wir diese Freude noch lange haben werden.