bwd on tour Hausbesuch bei „Der Teppich Martin": Dem Laster verfallen

Seit Jahrzehnten verlegt Thomas Martin Bodenbeläge. Um den Kopf freizubekommen, fährt er raus auf die Autobahn – am Steuer eines Lastwagens. Ein Hobby? Ja, schon. Aber eigentlich viel mehr als das: perspektivisch gesehen ein weiteres berufliches Standbein.

Thomas Martin - Der Teppich Martin
Unterwegs mit dem Baby namens „Wild Horses“: Die dreiachsige Zugmaschine 660 S mit V8 Motor der Marke Scania hat Thomas Martin nach seinen Vorstellungen konfiguriert. - © Radziwill

Thomas Martin aus Unterhaching südlich von München ist Parkettleger und Sachverständiger. Sein Handwerksbetrieb mit zwei festen Mitarbeitern und einem Subunternehmer ist seit Jahrzehnten etabliert, er hat einen großen Kundenkreis und ist gut im Geschäft. Parkett ist seine Leidenschaft, aber nicht seine einzige. Denn da gibt es noch etwas anders, etwas sehr Großes, Rotes, das ein paar Kilometer weiter auf ihn wartet.

Nein, nicht die Arena in Fröttmaning, wo ein ortsansässiger Fußballverein residiert. Sein Baby heißt „Wild Horses“. Es ist zwar groß, aber nicht ganz so groß wie ein Stadion. Die dreiachsige Zugmaschine 660 S mit V8 Motor der Marke Scania hat Thomas Martin nach seinen Vorstellungen konfi­guriert und im Oktober 2024 fabrikneu in Empfang genommen. Und seitdem hegt und pflegt (und fährt) er die riesige Maschine. Spaß mache ihm das natürlich, sagt er, aber nur zum Spaß habe er die Maschine nicht angeschafft. Denn in wenigen Jahren, vermutet der gebürtige Münchner, werde er seine Tätigkeit als Parkett- und Bodenleger nicht mehr in Vollzeit erledigen können. Büro geht weiterhin, als Sachverständiger arbeiten auch. Aber verlegen?

Das wird jeden Tag ein bisschen schwerer. „Als alter Opa möchte ich nicht mehr jeden Tag auf unseren Baustellen zubringen müssen oder wollen“, erklärt Thomas Martin. Seine Alternative: Lkw-Fahrer mit dem Schwerpunkt Fahren, aber nicht Be- und Entladen. Aus Leidenschaft, aber auch als ein weiteres berufliches Standbein.

Von oben sieht alles wie Spielzeug aus

Vier steile Stufen führen hinauf in die Fahrerkabine. Drinnen ist es überraschend geräumig – zwei Personen könnten hier sogar schlafen. Aus 2,50 Meter Höhe sieht selbst der entgegenkommende Linienbus wie Spielzeug aus. Der Scania ist auf dem neuesten technischen Stand; wie so viele Fahrzeuge heute ein fahrender Computer, der piept und nörgelt, wenn der Fahrer auch nur einen Hauch zu schnell unterwegs ist.

Körperlich anstrengend sei das Fahren nicht, erklärt Martin. „Aber man muss zu hundert Prozent konzentriert sein, die Fehler der anderen registrieren und sich daran orientieren können.“ Noch ist er als Parkettleger zwar voll eingespannt, trotzdem unternimmt er hin und wieder Fahrten als Subunternehmer für eine Spedition, etwa Getränketransporte von einer Brauerei in die Verteillager mit einem Auflieger der Spedition. „Aktuell fahre ich zwei Mal im Monat in die Schweiz“, erklärt der Handwerker. Diese Tour macht er allerdings nicht mit seiner eigenen Zugmaschine, sondern mit einem Speditionslaster, weil dafür ein speziell ausgerüstetes Fahrzeug nötig ist.

Unterwegs mit Postpaketen

Da fährt er mit einem 40-Tonnen-Hängerzug Postpakete eines Online-Händlers in Poing bei München in ein Postamt nach Frauenfeld unweit von Zürich – mit einem so genannten Wechselbrücken-Fahrzeug.

Martin: „In Poing übernehme ich das vorgeladene Fahrzeug von einem Kollegen, denn ansonsten würde die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit/Lenkzeit von maximal neun beziehungsweise zehn Stunden in den meisten Fällen überschritten werden. Es ist dabei hauptsächlich Fahrtätigkeit von circa 600 Kilometer pro Tour jeweils als ­Tagestour.“ Die Tour in die Schweiz fördere die Fahrpraxis erklärt Martin.

Von Poing geht es dann zuerst nach Lustenau, dem Grenzübergang in die Schweiz. Dort werden die Zollpapiere deklariert, danach geht es nach St. Gallen in ein Zollbüro, um die Ware zu verzollen und zuletzt nach Frauenfeld, um die vollen Container „abzubrücken“, wie man sagt, und die leeren Wechselbrücken des Vortags wieder mitzunehmen. „Und sodann geht’s zurück zum Speditionslager in Garching“, sagt Thomas Martin. Die Strecke ist bis auf wenige Kilometer alles Autobahn. Keine Serpentinen? Martin hebt die Augenbrauen. „Serpentinen mit Hängerzug, der 18,75 Meter lang ist, sind mehr als ein Albtraum.“

bwd: Wie fing das eigentlich alles an mit der Liebe zum Laster?

Thomas Martin: Große Fahrzeuge haben mich seit jeher fasziniert. Die handwerk­liche Tätigkeit ist für mich endlich, schon rein körperlich. Wenn ich aber nur im Laden und im Büro bin und nicht mehr rauskomme zu den Menschen, gehe ich ein. Bald bin ich sechzig. Vor ein paar Jahren habe mich gefragt: Was macht dir Spaß?

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    Thomas Martin - Der Teppich Martin
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    Unterwegs mit dem Baby namens „Wild Horses“: Die dreiachsige Zugmaschine 660 S mit V8 Motor der Marke Scania hat Thomas Martin nach seinen Vorstellungen konfiguriert.
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    Thomas Martin - Der Teppich Martin
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    Das Unternehmen „Der Teppich Martin“ befindet sich in einer ehemaligen Penny-Filiale in Unterhaching, Baujahr 1972. Die Architektur mit großer Fensterfront lässt die ursprüngliche Nutzung als Supermarkt noch erkennen.
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    „Tafelparkett“, erklärt Thomas Martin, „das ist eine Herausforderung. Das machst du, wenn du Glück hast, ein-, vielleicht zweimal im Leben.“
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    Thomas Martin_Der Scania, den Thomas Martin fährt, ist kein Oldie, ­sondern eine Maschine auf dem neuesten technischen Stand – „ein fahrender Computer“, sagt der Handwerker.

Thomas Martin – seit jeher fasziniert von großen Lastwagen

Die Antwort fand er in den USA. Damals, vor drei Jahren, war Martin mit seiner Frau Heike in Savannah an der Ostküste unterwegs. Sie besuchten ein Konzert des Countrymusikers Alan Jackson. Country: eine weitere Leidenschaft des Thomas Martin.

„Da haben wir die großen Lkw gesehen, die mich immer schon fasziniert haben. Als wir nach Hause zurückkamen, bin ich gleich zur Fahrschule und habe mich für den Lkw-Führerschein angemeldet. Den habe ich dann auch gemacht, erst für Solofahrzeug, dann für Hängerzug, also Führerscheinklasse CE. Beim nächsten Geburtstag bin ich dann zu Scania nach Oberschleißheim gefahren.“

„Der Teppich Martin" – ehemaliger Supermarkt

Thomas Martins Unternehmen befindet sich in einer ehemaligen Penny-Filiale Baujahr 1972. Die Architektur mit großer Fensterfront lässt die ursprüngliche Nutzung als Supermarkt noch erkennen. „Teppich Martin“ steht draußen. Er ist Parkettprofi, aber, Hand aufs Herz: Der Name des Unternehmens lässt nicht direkt auf Parkettkompetenz schließen.

„Das mag sein, aber ich will’s nicht ändern. Die Firma heißt bald vierzig Jahren so, also lass ich’s“, sagt Martin. Der Name „Der Teppich Martin GmbH“ stammt aus einer Zeit, in der Teppich noch allgegenwärtig war. Hans A. Martin, der Vater von Thomas Martin, hatte 1966 die Orientteppich-Abteilung der Josef Feigl oHG aufgebaut. Seine eigene Firma gründete er 1987 in der Münchener Innenstadt, zu Hochzeiten des Teppichbodens. Hans A. Martin war fasziniert vom Orientteppich – damals geschätzt und begehrt. Martin senior bereiste die Herkunftsländer und importierte die Teppiche direkt, um edle Stücke zu fairen Preisen anbieten zu können. Sein Sohn Thomas stieg Mitte/Ende der Neunziger in den väter­lichen Betrieb ein.

bwd: Wollten Sie schon als junger Mann immer Parkettleger werden, wenn sie schon die Leidenschaft Ihres Vaters für Teppich nicht teilten?

Thomas Martin: Nein, überhaupt nicht. Ich wollte Tierarzt werden. Eigentlich war auch schon alles geregelt: Es gab eine Praxis, die ich übernehmen wollte, nach einem zweijährigen Praktikum sollte das Studium beginnen, der Studienplatz in München war gesichert.

Tiere oder Bodenbeläge?

Dann traten Probleme im väterlichen Geschäft auf, die gelöst werden mussten. Bodenbeläge und die Tiere – beides ließ sich zeitlich nicht miteinander vereinbaren. „Der Tierarzt, der seinen Beruf ernst nimmt, ist 24 Stunden rund um die Uhr da, der fährt auch morgens um 3 zum Pferd, wenn er gebraucht wird. Ich konnte nicht zweigleisig fahren, ich musste mich für eins von beiden entscheiden. Und wurde also nicht Tierarzt.“ Heute haben seine Frau, die gemeinsame Tochter und er vier Katzen und einen Hund. Tiere: die nächste Leidenschaft des Thomas Martin. Sie sei „ungebrochen“, sagt er, auch wenn aus ihm doch kein Tierarzt wurde.

Wie ging es weiter? Mit den Bodenbe­lägen. Damals konzentrierte sich das Geschäft fast ausschließlich auf Teppich­boden, manchmal auch PVC oder Lino. Die Arbeitsteilung: Thomas Martin kümmerte sich um die Baustellen, sein Vater, der Kaufmann, kümmerte sich um den Laden.

Die Leidenschaft fürs Holz kam nicht vom Vater, sondern vom Großvater, der Schreiner war. Heute würde man sagen, Thomas Martin wurde als Quereinsteiger Parkettleger, außerdem vereidigter Sachverständiger. Seit Langem ist er im Vorstand der Innung Parkett & Fussbodentechnik München/Oberbayern.

Mit den Jahren baute Thomas Martin den Bereich Parkett- und Fußbodentechnik immer weiter aus. Als er 2002 Geschäftsführer wurde, waren die Flächen in der Münchner City zu klein geworden. Parkmöglichkeiten für Kunden, Lieferanten und Firmenfahrzeuge gab es nur sehr eingeschränkt, da kam der 400 Quadratmeter große ehemalige Supermarkt in Unterhaching, dessen Eigentümer Thomas Martin heute ist, ins Spiel.

„Der Teppich Martin" – bis heute Familienbetrieb

Der Teppich Martin“ ist ein Familienbetrieb geblieben: Der Senior Hans A. Martin ist noch regelmäßig vor Ort. Obwohl Parkett längst im Vordergrund steht, begrüßen wie in alten Zeiten Orientteppiche, Tibeter, ­Sisal- und Wandteppiche den Besucher.

Bis vor wenigen Wochen standen hier zwölf Paletten historisches Tafelparkett, Ahorn und Nussbaum, das jetzt wieder am alten Platz liegt. Thomas Martin und sein Team haben das historische Massivparkett, das nun ein Dreischichtparkett mit der originalen Deckschicht ist, gerade wieder eingebaut. In der historischen Villa, in der es einst verlegt worden war, wirkt es heute, als habe es die Jahrzehnte und Jahrhunderte in einem Dornröschenschlaf verbracht.

Produziert wurde das neu aufgebaute Parkett bei Meister und Restaurator Gerd Kleditzsch in Pockau, übrigens dem Schwiegervater von Marco Domschke (siehe Hausbesuch in der bwd 9/25). Thomas Martin: „Tafelparkett, das ist eine Herausforderung. Das machst du, wenn du Glück hast, ein-, vielleicht zweimal im Leben.“

Facelift für den Laster

Zurück zum Laster. Der Zugmaschine, sagt Thomas Martin, habe er bald nach der Auslieferung ein Facelift verpasst. Zunächst hat er sich Lichter und Horn an der Vorderseite vorgenommen und das Scania-Logo beleuchtet. Zum Einsatz kamen Einbauteile, die vom Hersteller zertifiziert sind, aus Edelstahl. Nein, keine Teile vom Truckerflohmarkt in den USA, sondern alles korrekte Originalware und TÜV-kompatibel.

„Die Zusatzlichter darf ich im öffent­lichen Verkehr nicht einschalten. Wenn wieder Kapital zur Verfügung steht, werden Rückleuchten an den seitlichen Windleitspoilern umgesetzt.“

Seine Liebe zum Laster wurde ja in den USA geweckt – dort fahren noch einmal ganz andere Kaliber umher. Ist das der nächste Traum: ein US-Truck? „Nein. Die Dinger kannst hier nicht fahren. Schon die Fahrzeuglänge ist ganz anders. Der Scania, das ist das, was ich wollte. Andere stellen sich einen 911er Porsche hin. Für mich ist’s der Lastwagen.“

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Autor

Alexander Radziwill, Kontakt: alexander.radziwill@holzmann-medien.de.