Hoch im Norden, zwischen Kiel und der Insel Fehmarn, liegt Oldenburg/Holstein. Dort lebt und arbeitet der Parkettleger und Raumausstattermeister Ulf Seelaff. Nach der Arbeit setzt er sich gern auf seine Motorräder – oder geht zum Schrauben daran in die Garage.

Die 750er Laverda steht festgezurrt auf dem Hänger. Ulf Seelaff wird mit ihr am nächsten Tag zu einer Tour in den Schwarzwald aufbrechen, gemeinsam mit seinem Sohn, der auch Motorrad fährt. Die schwarze Supersportler Baujahr 1997 hat Seelaff vor drei Jahren gebraucht im neuwertigen Zustand gekauft und sie damit aus einem zwanzigjährigen Dornröschenschlaf in der Garage geholt.
Die Berge im Süden können selbst für einen geübten Fahrer wie ihn herausfordernd sein. Die Landschaft im Norden dagegen ist überwiegend flach und bietet weite Sicht. Schleswig-Holstein einschließlich der Landeshauptstadt Kiel, Lübeck, Hamburg, Schwerin, Wismar, das Ostseebad Boltenhagen – überall dort und darüber hinaus ist die Seelaff GmbH & Co. KG aktiv. Der Parkettboden-, Raumausstattungs- und Malerfachbetrieb bietet die gesamte Palette des Einrichtens.
Die Kunden des Unternehmens sind zu rund achtzig Prozent Eigentümer von Ferienwohnungen. „Wir sind seit mehr als fünfzig Jahren am Markt und haben nach so einer langen Zeit einen sehr großen Kundenstamm. Da sind die Eigentümer oft wie ich selbst schon die zweite Generation. Als Bodenleger bin ich seit 17 Jahren hauptverantwortlich, da sehe ich immer wieder Sachen, die noch meine Eltern oder auch ich selbst gemacht haben“, sagt Geschäftsführer Ulf Seelaff.
Wie alles begann
Mit einem aus der Garage heraus geführten Betrieb der Eltern hat 1973 alles angefangen. Dann kam ein kleines Ladengeschäft eine Ortschaft weiter; seit 1992 schließlich ist das Unternehmen in einem Klinkerbau in Oldenburg ansässig.
„Den Betrieb haben wir immer erweitert, um Parkettlegerei und Malerei. Damit kommt man in die Häuser, denn der Maler ist der erste, der reinkommt. Kunden bekommen von uns alles, inklusive Möbel und Wohnraumplanung, wenn gewünscht. Sie haben damit nur einen Ansprechpartner und müssen sich um nichts weiter kümmern“, umreißt Seelaff das Prinzip. Der Raumausstattermeister ist auch Parkettlegergeselle und in beiden Innungen aktiv. In der Innung Schleswig-Holstein ist Seelaff Lehrlingswart und damit im Ausbildungsbereich Ansprechpartner, im Fachverband Nord der Parkettleger ist er im Vorstand und Beisitzer im Vorstand der Raumausstatterinnung Schleswig-Holstein.
Ausbildung liege ihm am Herzen, sagt er, aber es sei immer schwieriger geworden, junge Kräfte zu finden: „Seit Corona müssen wir um jeden Auszubildenden kämpfen. Wir bilden aus als Kaufmann, Raumausstatter, Parkettbodenleger und Maler. Aktuell haben wir aber nur einen Auszubildenden.“ Von ehemals 18 Mitarbeiter ist das Unternehmen durch Weggang und Rente auf heute acht zusammengeschmolzen. „Wir brauchen dringend Nachwuchs, um die Aufträge wegzuschaffen, das geht meinen Kollegen genauso“, berichtet der Chef.
„Wir bilden aus als Kaufmann, Raumausstatter, Parkettbodenleger und Maler. “
Ulf Seelaff
Woran liegt das? Oft am Elternhaus, glaubt Seelaff. Dort werde verkannt, welche Chancen das Handwerk biete. Sein Unternehmen sucht Parkett- und Fußbodenleger-Auszubildende sowie einen Maler-Auszubildenden. Dafür ist der Betrieb auf social media-Plattformen unterwegs und nutzt auch das „Fussboden-Forum“. Jobmessen hat Seelaff aus Kapazitätsgründen schon länger nicht besucht – da, sagt er, würden die größeren Unternehmen mit ihren Auftritten die kleinen oft in den Schatten stellen.
Sie haben bei sich im Unternehmen die 36-Stunden-Woche bei vier Tagen eingeführt. Was hat Sie zu dem Entschluss geführt?
Ulf Seelaff: Man braucht auch einen Ausgleich. Für mich ist das Familie, Motorradfahren, Fußball spielen, mit 57 im Altherrenbereich. Wie sie arbeiten und sich mit dem Kunden absprechen, das ist Sache der Mitarbeiter. Begonnen hat das Projekt 2020 mit befristeten Änderungsverträgen, zunächst für ein Jahr lang auf Probe. Wir wollten wissen, ob wir so unsere Arbeit schaffen. Damals sind wir von vierzig auf 36 Stunden runter. Ich habe den Lohn so aufgestockt, dass die Mitarbeiter effektiv 38 Stunden bezahlt bekommen. Nach einem Jahr wollte keiner mehr zum alten Modus zurück.
Ansprüche der Feriengäste
Ulf Seelaff denkt Dinge gern neu, wenn sich die Lebenswirklichkeit seiner Mitarbeiter und Kunden verändert. Das gilt auch für die Ansprüche und Gewohnheiten der Ostsee-Touristen: „Die Gäste heute sehen sich die Ferienwohnungen vorher online an. Umso wichtiger ist es als Vermieter, sich von den Marktbegleitern abzuheben. Manche Feriengäste erwarten den berühmten Leuchtturm auf der Tapete und das Buddelschiff auf der Kommode, das Fischernetz mit Seeigel überm Tisch. Das ist nicht zielführend, denke ich. Ich rate den Kunden: Machen Sie Ihre Wohnung anders als die der anderen.“
Dazu, sagt Seelaff, gehöre heute auch ein gewisses Maß an Komfort: „Hier an der Ostsee haben wir nicht jeden Tag schönes Wetter. Wenn die Gäste sich mal zwei, drei Regentage überwiegend in der Wohnung aufhalten, muss die entsprechend ausgestattet sein. Das muss alles auf dem aktuellen Stand sein. Was früher der DVD-Player war, ist heute die Playstation, ist stabiles WLAN und eine vernünftige Küche.“
Komplette Wohnung in klein
Wie solch eine Ferienwohnung auch auf knapper Fläche aussehen kann, zeigt Seelaff im hinteren Teil seines Ladengeschäfts auf. Das so genannte MICROappartement ist eine komplette Wohnung im Kleinen. Seine Mitarbeiter und er haben dort auf 29 Quadratmetern einen Raum samt Küche und Bad hochwertig gestaltet; verlegt wurden Massivdielen, Breitlamellenparkett, LVT und Linoleum.
„Ich kann für Kunden individuell und auf den Millimeter genau planen, um den Raum möglichst platzsparend zu nutzen. Alles hier ist von uns gestaltet und ausgeführt worden, Boden, Wand und Decke. Wir wollen damit zeigen, was machbar ist – in einer Ferienwohnung, aber natürlich auch für einen privaten Nutzer zu Hause“, berichtet Ulf Seelaff. Auch für jeden Vermieter ergebe sich ein Mehrwert, wenn er eine Siebzig-Quadratmeter-Wohnung in zwei MICROappartements aufteile.
Laden öffnet sich nach innen
Das Backsteinhaus, in dessen hinterem Bereich das MICROappartement integriert ist, sieht auf den ersten Blick wie ein Wohnhaus aus, das sich ins Industriegebiet verirrt hat. Nach Seelaffs Einstieg in den elterlichen Betrieb 2010/11 hat er das Gebäude Baujahr 1992 entkernt, umgebaut und neu konzipiert. Statt auf eine große Schaufensterfront zu setzen, öffnet sich der Laden nun nach innen. Der Eingangsbereich ist mittig angeordnet, sodass Kunden auf den ersten Blick sehen können, was sie wo finden.

Bunt und modern sieht das aus; Piefiges sucht man dort vergebens. Ulf Seelaff: „Wir leisten uns einen großen Laden, weil bei den Kunden, die zu uns kommen, zu fünfzig Prozent die Kaufentscheidung aufgrund unseres Ladens fällt. Sie sehen die Liebe zum Detail und honorieren die Mühe, die wir uns geben. Wir zeigen dort alles, was wir anbieten.“
Der Laden ist nach Kompetenzbereichen eingeteilt, also
- Möbelstoffe und Polster,
- Parkett,
- Teppichboden und Designbelag,
- Farbe und Tapete,
- Dekoration,
- innen- und außenliegender Sonnenschutz,
umgesetzt in Ladenbausystem. Am Boden liegen Nussbaum- und Doussié-Parkett, zudem Designbelag und Teppichboden. Das Unternehmen arbeitet beim Parkett kaum mit Kollektionen, vielmehr werden Holzarten und Muster wie Mosaik- oder Industrieparkett gezeigt. „Unser Kunde kann sich den eigenen Boden erschaffen, indem er sich die Holzart, Größe, Verlegeverband und Oberfläche aussucht. Er sieht bei uns, was alles machbar ist.“ Das ist erkennbar aufwendig gestaltet, mit viel Sinn fürs Detail. „Ich finde, das Handwerk muss sich möglichst gut darstellen“, sagt Seelaff.
Seelaff und die Sehnsucht Motorrad
In den achtziger Jahren bis hinein in die Neunziger, also vor der Reform der Führerscheinklassen, galt der Führerschein der Klasse 1b als „80er-Führerschein“. Das hatte nichts mit dem Jahrzehnt, sondern vielmehr mit der Begrenzung des Hubraums von Leichtkrafträdern auf 80 Kubikzentimeter zu tun. Die Achtziger oder auch die Fünfziger – Leichtkrafträder in einem oft an „echte“ Motorräder erinnernden Look – waren das höchste der Gefühle, zumindest für die, die noch nicht volljährig waren.
Für den jungen Ulf Seelaff war selbst die Fünfziger ein unerreichbar erscheinender Traum. „Als Jugendlicher durfte ich kein eigenes Motorrad haben. Ich saß auf den Achtzigern und Fünfzigern von Freunden, hatte aber keine eigene Maschine. Als ich dann 18 war, habe ich gleich den Motorrad-Führerschein zusammen mit dem Pkw-Führerschein gemacht.“

1987 bis 1995 war Seelaff bei der Bundeswehr. Sein damaliger Spieß besaß mehrere Maschinen der Marke Laverda. Eine davon war eigentlich als Ersatzteilspender gedacht. Seelaff hat sie dem Spieß für 1.500 Mark abgekauft – der Beginn einer bis heute andauernden Leidenschaft. Bei diesem Motorrad handelt es sich um eine Laverda 1000 3CL, Baujahr 1977.
Noch immer ist sie nicht ganz zu Ende restauriert. Ulf Seelaff und ein Freund wollen sie in den Originalzustand versetzen und dabei technisch auf den aktuellen Stand bringen, so dass sie fahrbar ist und auf die Straße kann. Viel machen, aber nicht zu viel. „Bei mir darf sie Patina haben“, erklärt Seelaff.
Geduld und starke Nerven
Der 1949 gegründete Motorradhersteller Laverda ging 1987 in die erste und 1998 in die zweite Insolvenz. Das Unternehmen aus der kleinen Gemeinde Breganze in der Region Venetien ist heute Geschichte, aber eine weltweite Community hält Laverda am Leben. Seelaff ist ein Teil davon. Anfang August war er beim Fest zum 75-jährigen Bestehen der Marke im englischen Willersey, wo sich rund 300 Laverda-Fahrer aus aller Welt getroffen haben. Wer an einer Laverda schraubt, braucht Geduld und gute Nerven: Ersatzteile sind heute nur noch als Nachbauten zu haben. Außer es handelt sich tatsächlich um echte, äußerst rare Teile aus der längst geschlossenen Fabrik.
Hat Motorradschrauben etwas mit Bodenlegen zu tun?
Ulf Seelaff: Wenn du Handwerk kannst, wenn das Geschick da ist, mit den Händen etwas zu machen, dann hast du eine Affinität zu all solchen Sachen. Vielen jungen Menschen heute fehlt das, die haben Schwierigkeiten, einen Platten am Fahrrad flicken. Oder sie scheitern schon daran, das Rad ausbauen, um da überhaupt heranzukommen. Das handwerkliche Geschick, das versuche ich auch unseren Auszubildenden beim Parkettlegen mitzugeben. Es geht nicht ohne Handwerk, alles ist Handwerk, ansonsten würden wir nackt und zu Fuß durch die Gegend laufen.
Was sagt eigentlich Ihre Frau dazu?
Ulf Seelaff: Meine Frau lässt mich machen, die liebt ihren Garten. Und sie weiß auch: Schnell fahren, riskant fahren, das brauche ich nicht. Ich habe Verantwortung für Familie und Firma. Wir fahren Touren, um den Kopf freizubekommen, aber wohl dosiert – denn wahnsinnig bin ich nicht.
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