Ende der 70er-Jahre wurde mit Laminat eine Bodenbelagsgattung erfunden, die auch wegen ihrer leimfrei zu verlegenden Klick-Systeme die Fußbodenszene revolutionierte. Eine persönliche Zeitreise durch 30 Jahre Fußbodengeschichte.

1954, das war die Zeit des „Wunders von Bern“ mit dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft und dem Start der erfolgreichen deutschen Wirtschaftsgeschichte. Wohnungen wurden im großen Stil neu gebaut – was natürlich auch zum Wachstum der Bodenbeläge beigetragen hat. Start eines Magazins vor 70 Jahren bedeutet auch, dass es heute nur noch sehr wenige Zeitzeugen aus diesen Gründerjahren gibt. Ich persönlich habe die ersten Erfahrungen mit Fußböden und dem Magazin bwd ziemlich genau 40 Jahre später begonnen. Auf der damals jungen Domotex-Messe 1994 in Hannover hatte ich erstmals den neu vorgestellten Laminatboden der Firma Witex gesehen und mich dann recht zeitnah dazu entschlossen, von den Sportböden in das neue und aufregende Segment der Laminatböden zu der Witex GmbH zu wechseln.
Rückblickend gesehen war der damalige Beginn in der Laminatbodenära für mich wie der Einstieg in einen Hochgeschwindigkeitszug, der seit 30 Jahren zwar auch ein paar Mal stockte oder abbremste, aber ansonsten immer Vollgas gab. Mein damaliger Chef Ulrich Windmöller gründete mit sechs weiteren Mitstreitern (Meisterleisten heute MeisterWerke, Hamberger, Unilin, Alsapan, Skema, Vesterby und natürlich Witex selbst) den EPLF im Herbst 1994. Mit rasantem Tempo wurden Verbandsziele definiert, Informationsveranstaltungen organisiert, Normungsausschüsse neu gegründet und letztlich sogar eine RAL-Gütesicherung für Laminatböden („Made in Europe“) organisiert.
Wie mit einem Technologiesprung alles begann
Laminatboden als solches, basierend auf den HPL-Schichtstoffen gab es schon vor 1994, aber mit der Ausweitung auf die Direktbeschichtung (DPL-Technologie) und der erfolgreichen Platzierung in dem deutschen Fachhandel wurde eine neue Bodenbelagsgattung gefunden, die sich durch eine besondere, dünne, aber harte Deckschicht aus bedrucktem Papier deutlich vom Parkett differenzierte, aber die Optik von nachgefragten Parkettsorten imitierte. Für viele Marktteilnehmer war es wichtig, bei diesem neuen Produkt dabei zu sein und ein neues Segment zu vermarkten.
Die DPL-Technologie erlaubte eine kostengünstige Produktion. Die
- schwimmende Verlegung auf lose verlegten Unterlagsmaterialien,
- richtige Verleimung der Nut/ Federverbindung, aber auch
- Findung der richtigen Platteneigenschaften (vom bekannten MDF hin zu den hochdichten Faserplatten in 6-9 mm Stärke)
waren die alles beherrschenden Themen. Ich kann mich an unzählige Schulungsveranstaltungen, Tagungen, Symposien in aller Welt erinnern.
Laminat und die Hatz nach immer höheren Abriebwerten
Beeindruckend waren die Entwicklungen der besonders abriebfesten Laminatbodenoverlays. Laminatoverlays sind korundgefüllte, imprägnierte Spezialpapiere, die gegenüber den bekannten Abriebwerten von melaminbasierten Küchenarbeitsplatten fünf bis zehn Mal mal höhere Werte aufwiesen. Kein Wunder also, das die bis dahin unvorstellbar hohen Ergebnisse auch in der Kommunikation zu den Anwendern und Verbrauchern genutzt wurde. Die „Taber-Abrieb“-Olympiade war gestartet. Nicht immer konnten die Zahlen richtig gedeutet werden, IP/FP, die unterschiedlich definierten Testergebnisse mit Zahlenwerten jenseits von 10.000 Übergänge der Schleifräder waren tatsächlich verwirrend: Einige Marktteilnehmer kommunizierten auch schon mal Umdrehungen/min wie bei elektrischen Bohrmaschinen. Hauptsache es konnten gegenüber den Wettbewerbsprodukten höhere Zahlen als „Abriebeigenschaft“ gemeldet werden.
Erst mit der Laminatbodennorm 1997/1998 konnte die Hatz nach immer höheren Abriebwerten gestoppt werden. Nun wurden erstmals Abriebklassen (AC 1 bis AC6) definiert, in deren Geltungsbereichen sich die unterschiedlichen Produkte einstufen ließen. Die Laminatbodennorm EN 13329 sorgte für Klarheit und Vergleichbarkeit und wurde, da von allen maßgeblichen Laminatbodenherstellern mit entwickelt, auch gleich von Beginn an etabliert und akzeptiert. Der Weg zu einer einheitlichen Laminatnorm für Fußböden war allerdings auch sehr konfliktbeladen, schließlich sahen sich die hochpreisigen damaligen HPL-Hersteller wie z.B. Pergo, Alloc, Duropal/Resopal einem wachsenden Heer von kostengünstigen, direktbeschichteten Produkten gegenüber. Jede Seite wollte die besonderen, eigenen Produktvorteile und Eigenschaften als wesentliches Einstufungskriterium in einer Norm definiert sehen. Letztendlich siegten aber Kompromissbereitschaft und der Wunsch, einheitliche Anforderungen für die neue Gattung zu etablieren.
Die Klick-Revolution und die Bedeutung von Patenten und Lizenzen
Besonders prägend für mein weiteres Berufsleben war das Glück, dass ich die Kreativität, den Teamgeist und Spirit von zwei außergewöhnlichen Unternehmenslenkern und Erfindern, Ulrich Windmöller (1994 bis 2004) und Johannes Schulte (ab 2006), über viele Jahre sehr eng begleiten und unterstützen durfte. Offen für Neues konnte ich eigene Ideen und Anregungen einbringen und so wurden die Themen in den Unternehmen und im Markt gemeinsam nach vorne gebracht.
Schon bald wurde klar, dass die Verleimung der einzelnen Dielen bei der Montage mit Weiß-Leim Übung erforderte und die positive Vermarktungsstory eintrübte. Die Entwicklung der leimfreien Klicksysteme begann 1996/1997. Nur wenige Jahre später hatten alle europäischen Laminatbodenproduzenten ihre Kollektionen auf leimfreie Systeme umgestellt. Doch damit begann eine neue Ära in der Fußbodenbranche: Wir lernten die Bedeutung von Patenten und den dazugehörigen Rechten kennen. Plötzlich definierten Patentanwälte Produktdetails und Verlegeverfahren; „Vorspannung“, „Play“, „Angling-snap“, „Angling-angling“, wurden Begriffe, die plötzlich wichtige Ausführungsdetails darstellten. Zunächst suchten die allermeisten Laminatbodenanbieter mit eigenen Ideen einer leimfreien Klickverbindung den Erfolg am Markt. Letztendlich waren aber wirksame Patente und eine neue Form von Lizenzmarketing entscheidend über Erfolg oder Misserfolg der Produkte. Der Höhepunkt der Lizenzauseinandersetzungen in Europa wurde auf der Domotex in Hannover 2007 erreicht, als ein Messestand eines Laminatbodenanbieters aufgrund von Patentstreitigkeiten gerichtlich angeordnet geschlossen wurde.
Zwischenzeitlich sind die ersten Patente für Klickverbindungen nach der maximalen Laufzeit eines Patentes von 25 Jahren nicht mehr in Kraft und sind zum „Stand der Technik“ geworden. Allerdings sind Lizenzgebühren für die Nutzung von Patentrechten im Prinzip bei den allermeisten Innovationen häufig irgendwo und irgendwie mit dabei. Heutzutage werden Lizenzverhandlungen leise zwischen den Vertragspartnern geführt und sind nur noch selten Stoff für spannende PR-Berichterstattungen.
Die Laminatproduktion explodiert
2007, ich war seit über einem Jahr bei den MeisterWerken beschäftigt, erreichten die produzierten Laminatbodenmengen ihren Höhepunkt. Der EPLF berichtete von über 500 Mio. m², die die Mitglieder produziert hatten. Allein im deutschen Markt wurden über 80 Mio. m² Laminatböden abgesetzt. Mega-Sites von Laminatbodenproduzenten entstanden mit einer Produktionskapazität von bis zu 60 Mio m²/a. Eine unglaublich schnelle und rasante Entwicklung in nur 13 Jahren. Lagen die ersten „geschätzten“ Produktionsmengen 1996 der damaligen EPLF-Mitglieder noch bei ca. 46,5 Mio. m²/a, wurden in einer der ersten offiziellen Verbandsstatistik 1999 schon 132 Mio. m²/a vorgestellt. Kontinuierlich neue Absatzrekorde und Innovationen wurden in der Regel immer zuerst auf der Domotex in Hannover zu Beginn eines neuen Jahres vorgestellt:
- 1997 erste Klickverbindungen,
- 1999/2000 der „leise Laminatboden“,
- 2001 Produkte mit Porensynkronstruktur,
- 2005 der direktgedruckte Laminatboden (PDL).
Dies waren jedes Mal bahnbrechende Innovationen. Es machte den Hersteller Spaß, diese den begeisterten Händlern auf den Fachmessen in München und Hannover vorzustellen, sich gemeinsam auf den Standpartys über den Erfolg zu freuen und Kontakte weiter zu vertiefen oder Kooperationen zu besprechen – immer das Ziel vor Augen, mit attraktiven POS-Präsentationen und Konzepten, neue Zielmärkte und Zielkunden zu erschließen.
Laminatböden: Auf dem Weg zur Massenware für Selbermacher
2007 lag der Absatz der EPLF-Mitglieder dann bei über 507 Mio. m²/a. Ein Höchstwert, nur 13 Jahre nach Gründung des EPLF. Dies wurde möglich, weil zwischenzeitlich Laminatböden auch im „Do it yourself“-Segment etabliert waren. Leider dort aber als „Frequenzbringer“ erkannt und mit immer neuen Tiefstpreisen, zum Teil deutlich unter 5 €/m², beworben. Somit wurde bei weiteren Entwicklungen auf kostenoptimierte Produktionsverfahren und Einsparmöglichkeiten fokussiert. Hinzu kam 2008/ 2009 die Banken- und Wirtschaftskrise. Beide Faktoren sorgten für eine veränderte Wahrnehmung der Laminatböden in der Öffentlichkeit.
Die Zeit danach würde ich mit der Überschrift „Der Laminatboden ist erwachsen geworden“, beschreiben. Die Produktionsverfahren waren etabliert und die Eigenschaften vielfach abgesichert. Der EPLF-Slogan von 2013 „Quality and Innovation Made in Europe“ steht stellvertretend dafür. Aber es zeigte sich auch, dass einigen Vermarktern der Spaß an Laminatböden verloren ging und eine Offenheit für die neuen Produktgattungen entstand.

Mit der Entwicklung immer besserer Scans von Oberflächen, der Digitaldrucktechnik sowie Syncronstrukturen mit niedrigen Glanzgraden, lassen sich Laminatoberflächen nahezu nicht mehr von den Originalvorlagen unterscheiden. Zum Teil zeigen Laminatböden optisch so gelungene Holzoberflächen, wie in der Natur für Massenprodukte im Original schon nicht mehr zu bekommen sind. Viele Parkettverleger konnten und können sich leider mit dem Laminatboden nicht so recht anfreunden. Ich erinnere mich an viele Diskussionen mit bwd-Redakteur Walter Pitt über die unterschiedlichen Produkteigenschaften zwischen Parkett und Laminatböden, insbesondere über das Werteempfinden bei Holzböden, über die Vor- und Nachteile von schwimmenden Fußböden und den Servicegrad von Handwerksleistungen. Zurückblickend gab es viele tolle und außergewöhnliche Laminatoberflächen, nicht immer nur begrenzt auf klassische Kopien von Parkett- und Holzböden.
Unbegrenzte dekortechnische Möglichkeiten bei Laminatböden
Laminatböden haben unbegrenzte dekortechnische Möglichkeiten. So sei an die Digitalkollektion bei der der damaligen Marke „Schulte Räume“ gedacht, mit Formaten von 325 x 850 mm mit Mondoberflächenoptik; „City-Optik“ (= Metropolen aus der Luft betrachtet) oder den stylischen Streifen oder Paisley Mustern. Nicht jedes außergewöhnliche Dekor war ein Nischenprodukt. So entwickelte sich beispielsweise die Weinkistenoptik „Wine and Fruit“ von Parador zum echten Renner. Im Vergleich zu den damaligen Ideen und Kollektionskonzepten erscheinen die heutigen Laminatkollektionen insgesamt gesehen aber eher bieder mit wenig Experimentierfreudigkeit. Kein Wunder also, dass sich die Fachhändler und Handelspartner neuen Produktstorys und Produkteigenschaften zuwandten: Luxury Vinyl – Vinyl-Klickböden – Rigid Floors ...
2012 wurde erneut ein Fußbodenverband geboren. Der MMFA mit Sitz in Bielefeld wurde gegründet. Bei dem „Modular Multilayer Flooring Association“ durfte ich erneut von Beginn an dabei sein. Fast war es so, dass sich Geschichte wiederholt. Wieder waren neue Produktstrukturen, neue Normen zu formen, wieder brachten sich einige der ehemaligen EPLF-Gründungsmitglieder mit ihren Kompetenzen und Spirit ein. Wieder ging es um schwimmende Bodenbeläge - allerdings waren es diesmal in erster Linie wasserfeste Kunststoffbeläge und Produkte mit elastischen Oberflächen, die als MMFA-Produkte etabliert wurden.
Mit dem Erfolg des MMFA und den neuen Vermarktungsansätzen der „Vinylböden“ konnten sich diese neuen Produktgattungen auch innerhalb von nur zehn Jahren im Markt ähnlich erfolgreich wie seinerzeit die Laminatböden positionieren. Ein entscheidender Unterschied besteht allerdings. Laminatböden sind sich, trotz individueller Unterschiede der einzelnen Hersteller in der Materialkomposition weitgehend alle ähnlich. Die modularen Multilayerbeläge decken aber im Gegensatz dazu ein sehr breites Spektrum an Rohstoffen, Oberflächen und Eigenschaften ab und sind daher weit unübersichtlicher und unterschiedlicher. Die entsprechende „Multilayernorm“ EN 16511 beschreibt deshalb auch Anforderungen und keine speziellen Produktaufbauten.
Fit für nachhaltige Kreislaufwirtschaft
Laminatböden mussten schon von Beginn an mit dem falschen Image eines „Kunststoffbodens“ kämpfen, obgleich das technisch gesehen nicht korrekt ist. Ein Laminatboden enthält weder Kunststofffolien noch PVC noch Weichmacher. „Laminatboden - Made of Wood“ - mit diesem Claim rückte die neue Geschäftsstelle des EPLF das Thema Nachhaltigkeit; Natürlichkeit und Wohngesundheit im Jahr 2020 in den Mittelpunkt des Marketings und der PR-Aktivitäten. Zeitgleich und zur Unterstreichung dieses Claims wurden auch Normungsdetails der Laminatbodennorm entsprechend inhaltlich angepasst, so muss ein Laminatboden zu mindestens 65 Prozent aus Holz bestehen und sich so deutlich von den MMFA-Belägen abgrenzen. Diese normative Präzisierung wurde erforderlich, um die Laminatböden auch formal fit für die Zukunft einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft zu machen.
Die Zukunftsaussichten für Laminatböden
Laminatböden erfüllen im Hinblick auf die Kaskadennutzung des Rohstoffes Holz und der Kreislaufwirtschaft den gesetzten Zielen der Bundesregierung und den EU-Anforderungen des „Green Deal“. Daher sehe ich auch für die Zukunft den Laminatboden als eine wichtige Fußbodengattung für den deutschen und europäischen Markt. Laminatböden werden in Europa klimafreundlich hergestellt und ich bin sehr sicher, dass es den nach wie vor innovationsfreudigen Mitgliedern im EPLF gelingen wird, auch alle wesentlichen Bausteine einer Kreislaufwirtschaft inklusive dem Produktrecycling in den nächsten Jahren auszubauen. Forschungsvorhaben mit positiven Ergebnissen und eine erste HDF-Pilotanlage gibt es schon dazu. Bei den MeisterWerken haben wir seit zwei Jahren den Slogan „Zum Glück ist es Laminat“ etabliert und bringen damit zum Ausdruck, dass wir die Gattung „Laminatboden“ nicht hinter anderen Produktbezeichnungen verstecken möchten.
Wie sehen nun die Zukunftsaussichten von Laminatböden aus? Laminatboden sind als kostengünstige, reklamationsarme Produkte etabliert, stehen aber mit neuen Entwicklungen aus dem Segment der Multilayerböden im Wettbewerb. Insbesondere mit den überwiegend aus China importierten „Rigid SPC“-Produkten. Da wie in dem Beitrag ausgeführt, die Materialkompositionen eines Laminatbodens relativ klar normativ geregelt sind, erwarte ich persönlich keine durchgreifenden neuen Produktaufbauten, insbesondere nicht in den unteren stark vom Wettbewerb umkämpften Preisregionen. Allerdings bieten nach wie vor Optimierungen der Oberflächeneigenschaften („Haptik“) und Modifikationen der holzbasierenden Trägerplatte (z.B. mit Alternativen zu den HDF-Platten, die sich aus der Kreislaufwirtschaft ergeben) Potenzial für neue Laminatbodengenerationen. Besonders aus diesen Anforderungen heraus werden sich in den nächsten zehn Jahren veränderte Fußbodengenerationen entwickeln. Es wird spannend zu sehen, wie sich der Laminatboden zum 50-jährigen Jubiläum des EPLF 2044 präsentieren wird.