Warenverfügbarkeit und Logistik sind heute die absoluten Stärken des Fachgroßhandels. Kann der Großhandel diese Trümpfe auch in Zukunft ausspielen? Oder werden sich Rolle und Selbstverständnis des Großhandels neu definieren müssen?
Wir Menschen neigen dazu, die Vergangenheit zu verklären und durch eine rosa Brille zu betrachten. Insbesondere wenn die Gegenwart wenig rosig ist und viele Herausforderungen bereithält. In der Zeit von 2006 bis 2017 ist die Zahl der Bodenbelags- und Farben-Großhandelsunternehmen in Deutschland um 30 Prozent gesunken. Die Zahl der Verkaufsniederlassungen ist in der gleichen Zeit um 60 Prozent gewachsen. Trotz einer deutlichen Konsolidierung in den letzten zehn bis 15 Jahren ist die Versorgung des Handwerks und aller Kunden des Großhandels deutlich ausgebaut worden. Warenverfügbarkeit und Logistik sind die absoluten Stärken des Fachgroßhandels.
In der Finanzkrise 2007 bis 2008 gehörte unsere Branche zu den Gewinnern. Das BIP sank um 3,0 Prozent und unsere Branche konnte Umsatzzuwächse realisieren. Viele waren in Kurzarbeit und haben sich mit der Renovierung oder Sanierung der eigenen Immobilie beschäftigt. Die 0 Prozent-Zinsen gab es ab 2016 und damit einhergehend bereits einige Jahre vorher einen beginnenden Bauboom und explodierende Immobilienpreise.
Unbeschwerte Wirtschaftsjahre wurden teuer erkauft
Die aus heutiger Sicht fast unbeschwerten Wirtschaftsjahre von 2009 bis 2019 wurden teuer erkauft – das wissen wir heute. Unter anderem mit preiswerter Energie für alle, durch die Energieabhängigkeit von Russland und einer umfangreichen Subventionspolitik. Nun schütteln wir darüber den Kopf, damals hat die Politik das anders eingeschätzt. Naiv oder nicht. Aber auch das gehört zum Menschen: Wenn man vom Rathaus kommt, ist man immer schlauer.
2019 kam dann mit Corona der große Einschnitt, die weltweite Pandemie, die alles einem Stresstest unterzogen hat. Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sahen sich einer in der jüngeren Geschichte noch nie da gewesenen Situation ausgesetzt. Lieferketten brachen zusammen, die Politik hatte ihren Bürgern zeitweise Grundrechte entzogen und halb Deutschland bestand gefühlt aus selbst ernannten Impfspezialisten und Virologen. Dafür ging es in dieser Zeit mit der Digitalisierung so richtig los. Webinare und Online-Meetings aus dem Homeoffice, vor 2019 völlig undenkbar, wurden ganz schnell zum Standard.
Auf den Punkt gebracht
Im Rahmen des 70-jährigen Jubiläums von bwd ließ Bert Bergfeld, Geschäftsführer des Bundesverbandes Großhandel Heim & Farbe, die Entwicklungen im Fachgroßhandel Revue passieren und wagt einen Blick in die Zukunft: Im Fachgroßhandel wird die Nachhaltigkeit der bestimmende Faktor.
Fachgroßhandel - wichtiges Bindeglied der Wirtschaft
In dieser unwirklichen Zeit bewies sich der Fachgroßhandel mal wieder als wichtiges Bindeglied unserer Wirtschaft. Aufgrund der hohen Lagerhaltung und umfangreichen Sortimente im Großhandel bestand fast ausnahmslos Lieferfähigkeit. Kunden, die es gewohnt waren, bei der Industrie direkt zu kaufen, wandten sich wieder dem Großhandel zu. Der Großhandel war plötzlich in einer Verteilerrolle. Produkte wurden teilweise in der Abgabemenge beschränkt, um sicher alle Kunden bedienen zu können. In den Jahren 2019 bis 2022 bis zum Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine zeigte sich der Fachgroßhandel einmal mehr resilient und als verlässlicher Partner von Handwerk und Industrie.
Wenn wir nach vorne sehen, stellen wir fest, dass die Veränderungen nicht abreißen, und wir alle das Tempo in der Umsetzung erhöhen müssen: Arbeitskräftemangel, E-Commerce, nachhaltiges Handeln gepaart mit einem Generationswechsel in der Kundenstruktur erfordern ein neues Denken für das Geschäftsmodell des Großhandels. In den letzten 40 Jahren kann ich mich nicht an solch herausfordernde Entwicklungen für den Großhandel erinnern. Aber wo Risiken sichtbar werden, da sind auch immer Chancen. Der E-Commerce wird den Beschaffungsweg und die Anforderungen an die digitalen Services der Kunden an den Großhandel deutlich verändern.
Wie viel Umsatz über digitale Kanäle laufen werden, kann heute sicher niemand sagen. Er wird aber so groß sein, dass kein Händler darauf verzichten kann. Zusätzlich bringt der Generationswechsel neue Kunden und Entscheider, die bereits Digital Natives sind. Sie werden die Geschwindigkeit rund um die Digitalisierung bestimmen. PIM- und Shopsysteme, Anforderungen an den Bestellprozess und Stammdaten sowie digitale Services rund um den Kunden sind das Ergebnis disruptiver Technologie, die unsere Beziehung zu unseren Kunden nachhaltig verändern wird.
"In Zukunft werden einfache, smarte Bestellmöglichkeiten die Kaufentscheidung beeinflussen."
Bert Bergfeld
Jahrzehnte standen Produkte im Mittelpunkt jeglicher Kommunikation mit dem Kunden. In Zukunft werden Lösungen, Systeme sowie einfache smarte Bestellmöglichkeiten die Kaufentscheidung beeinflussen. Es ist recht wahrscheinlich, dass somit neue Mitbewerber entstehen, die zwar keinen „Stallgeruch“ haben, aber dafür die Technologie besitzen, um es dem Kunden so einfach wie möglich zu machen.
Das Handwerk bleibt Taktgeber
Wenn der Großhandel an dieser Stelle nicht nur Logistiker sein will, sind Investitionen und veränderte Strategien notwendig. Unsere Branche hat sich schon immer auf die Bedürfnisse seiner Kunden eingestellt und wird dies auch weiterhin tun.
Allerdings wird der Fokus weniger auf weiteren Standorten und noch mehr Sortimenten liegen. Vielmehr geht es um Problemlösungen und einen ausgereiften digitalen Service, um den Kunden für sich zu gewinnen. Das Produkt wird nicht das entscheidende Kaufkriterium bleiben. Der Taktgeber für die Veränderungen bleibt bis auf Weiteres der Fachhandwerker. Solange er wenig digital bleibt und der Generationswechsel im Handwerk noch nicht abgeschlossen ist, scheint vieles unverändert in der täglichen Arbeit am Kunden. Trotzdem muss man an den zukünftigen Anforderungen arbeiten, denn es ist zu erwarten, dass die Veränderungen dann plötzlich und massiv kommen – und weniger leise und langsam.
Das nachhaltige Handeln wird zwingend Kernaufgabe zukünftiger Unternehmergenerationen! Nachhaltigkeitsberichterstattung für KMUs, Sustainability und Sustainable Finance Anforderungen für die Realwirtschaft sind hier nur einige Stichpunkte. Wir stehen vor immensen Herausforderungen – denken wir nur an Klimawandel, fragile Wertschöpfungsketten, soziale Ungleichheiten, neue Technologien.
Nachhaltigkeit - zentraler Bestandteil zukunftsfähiger Unternehmensstrategien
Wer heute wirtschaftlich erfolgreich sein will, muss über rein finanzielle Aspekte hinausdenken. Nachhaltigkeit hat sich in den vergangenen Jahren von einem Randthema hin zu einem zentralen Bestandteil zukunftsfähiger Unternehmensstrategien entwickelt. Nicht nur die Bevölkerung legt einen immer größeren Wert auf Transparenz über Nachhaltigkeit und deren Leistung, auch die Politik und die Wirtschaft tun es, zum Beispiel über öffentliche Vergabekriterien, Produktions- und Lieferverträge sowie Kreditvergaben.
In einigen Jahren, spätestens mit der kommenden Generation an Führungskräften und Unternehmern, wird es eine Selbstverständlichkeit sein, Unternehmen nachhaltig aufzustellen. Mehr noch, es wird überlebenswichtig sein. Kunden, Mitarbeiter und der Gesetzgeber fordern das ab. Diese Transformation wird nicht jedem Unternehmen in Deutschland gelingen. Es wird zu Konsolidierungen im Markt kommen – auf Hersteller- und Händlerseite.
Vielleicht verschafft uns eine neue Bundesregierung im kommenden Jahr etwas Luft für die Umsetzung der in Brüssel beschlossenen Verordnungen und Berichtspflichten. Das wird dann nur ein Aufschub sein. Aber: Bange machen gilt nicht! Wir alle sind eng mit unserer Branche, den Produkten und den Menschen darin verbunden. Das war immer eine Stärke.
Akzeptieren müssen wir allerdings, dass sich unser Geschäft dauerhaft und nachhaltig verändern wird. Digitalisierung und Nachhaltigkeit haben ein ähnliches Veränderungspotenzial wie die Industrialisierung für die Gesellschaft und die Wirtschaft.
Das Gute ist, dass einiges, wenn auch verändert, beim Alten bleibt. Ich bin mir sicher: Eine digitale bwd wird uns auch in Zukunft begleiten.
70 Jahre bwd: Kontinuität und Stabilität
In Zeiten wie diesen – mit sich überlagernden Krisen, angespannten geopolitischen Situationen und Krieg in Europa – sind gute Nachrichten einfach wichtig. Stabilität und Kontinuität sind heute gute Nachrichten. Wir haben gelernt, wie gefährlich Propaganda ist und wie Desinformationskampagnen zur Destabilisierung von ganzen Ländern und Regionen beitragen können. Umso wichtiger ist es, unabhängige und gut recherchierte Informationen zu bekommen sowie einen freien Journalismus zu haben. Dieser wichtigen Aufgabe kommt die bwd seit nunmehr siebzig Jahren nach und leistet somit einen wichtigen Beitrag für alle Branchenteilnehmer.
Das ist die gute Botschaft in schwierigen Zeiten. Ich bin seit 40 Jahren in der Branche und die bwd begleitet mich seit meinen Anfängen – das ist Kontinuität und Stabilität. Vielen Dank liebes bwd-Team dafür und auf viele weitere Jahre der Kontinuität in unserer Branche.
Bert Bergfeld
