Ein Baum ohne Äste ist genauso undenkbar, wie Risse im Holz unvermeidlich sind. Was Äste und Risse für Auswirkungen auf den Holzfußboden haben, beschreibt der 3. Teil unserer Serie „Vom Baum zum Boden“.
Von Frost-, Blitz- und Hirnrissen
Ein typisches Holzmerkmal, das auch am Boden immer wieder für Diskussionen sorgt, sind Äste. Zwar sind derzeit rustikalere Sortierungen mit größerem Astanteil in Mode, was bei der Vielzahl großformatiger Parkett- und Dielenelemente durchaus Sinn macht. Inzwischen mehren sich aber schon wieder Stimmen, wonach die einheitlicheren Holzbilder bevorzugt werden.
Man wird sich also weiterhin mit den Ästen auseinander setzen müssen, die Grundlage für Baumwachstum sind. Der bereits ausführlich beschriebenen physiologischen Bedeutung der Äste steht ihre zum Teil schwierige Rolle bei der Be- und Verarbeitung bzw. Verwendung von Holz gegenüber.
Für Verwendungszwecke wie Biegehölzer oder Sportgeräte sind Äste unerwünscht, weil sie Einfluss auf die Festigkeitseigenschaften des Holzes nehmen. Ein über die Brettbreite verlaufender Flügelast kann schon bei geringer Belastung zum Bruch führen, Gleiches gilt für eine Astansammlung bei tragenden Konstruktionen wie Terrassendielen auf Lagerholzaufbauten. Der Faserverlauf in der unmittelbaren Umgebung eines Astes ist verändert und erschwert das Hobeln. Doch keineswegs immer wird der Gebrauchswert des Holzes durch das Vorhandensein von Ästen beeinflusst. Ein Dielenboden würde beispielsweise ohne fest verwachsene Äste bei manchen Holzarten seinen eigentlichen Charakter vollkommen verlieren. Eine Zypresse ohne Äste ist undenkbar.
Der Zweck bestimmt die Eignung
Nur weil ein Holz Äste enthält, lassen sich also keine prinzipiellen Aussagen über dessen Qualität treffen. Es ist immer der Verwendungszweck mit ins Kalkül zu ziehen. Ein Parkettboden mit vielen Ästen hat keine geringere Lebensdauer und ist technisch nicht minderwertiger als einer ohne diese natürlichen Merkmale. Dabei hat das Astholz andere Eigenschaften als das Holz, in das es eingebettet ist. Es ist dichter, dunkler, härter und verfügt wegen der abweichenden Holzrichtung über ein anderes Schwundmaß. Deshalb entstehen in der Trocknung Risse und einige Äste fallen in dieser Bearbeitungsstufe gar heraus. Eine analoge Erscheinung zeigt sich bei der Nachtrocknung von Brettware. Quer angeschnittene Äste machen wegen ihrer vernachlässigbar geringen Längsschwindung diese Volumenverringerung nicht mit und bleiben leicht erhaben stehen.
Da Äste schräg bzw. quer aus dem Stamm herauswachsen, können sie auch unterschiedliche Formen aufweisen. Abhängig vom Schnittwinkel sind sie rund, oval oder werden zu so genannten Flügelästen, wenn das Holz radial angeschnitten wird.
Man kann Äste auch nach ihrer Größe unterscheiden. Punktäste bzw. Grobäste sind die passenden Bezeichnungen. Normativ werden ihre zulässigen Durchmesser festgelegt. Der Begriff Gruppenast beschreibt das Vorhandenensein mehrerer Äste in unmittelbarer Nähe zueinander, der Kantenast ist, wie sein Name sagt, im Kantenbereich des Brettes gelegen. Gesunde Äste sind von gesundem Holz umgeben und fest mit diesem verwachsen, während Totäste die physiologische Verbindung zum lebenden Holz verloren haben.
Auf die Sortierrichtlinien für Parkett hat das Vorhandensein von Ästen nicht deshalb Einfluss, weil es sich um einen Fehler handelte, sondern allein weil sich Äste optisch auf das Fertigungsprodukt auswirken.
Auch Natur ist keine Mathematik
Die geltenden EN-Normen für Holzfußböden beschreiben entsprechend das Erscheinungsbild. Für alle EN-Normen wird eine einheitliche Klassifizierung nach drei Sortierungen verwandt, die durch die Symbole Kreis, Dreieck und Quadrat gekennzeichnet sind. Unter Berücksichtigung unvermeidbarer Sortierunterschiede dürfen drei Prozent der Elemente Merkmale der nachfolgenden Sortierung aufweisen. Man will so vermeiden, dass man allein mit mathematischen Kenndaten und Maßstäben ein Holz beurteilt, weil dies der Natürlichkeit des Materials absolut absolut widersprechen würde.
Daneben gibt es aber auch eine freie Klasse, in der der Hersteller das unterbringen kann, was er anbieten will und letztendlich das, was der Markt verlangt. Längst hat die Sortierung von Parkett hinsichtlich des genormten Erscheinungsbildes nicht mehr die überragende Bedeutung, die sie früher einmal hatte. Bei den Sortierungen handelt es sich im Übrigen um Herstellerangaben. Was letztlich am Boden liegt, fällt in die Verantwortung des Parkettlegers, eine Sache, die in ihrer Auswirkung vom Handwerker immer wieder beachtet werden muss.
Eine andere Eigenschaft des Holzes, über die man immer wieder vor allem mit dem Endkunden diskutieren muss und die gleichermaßen die Optik wie die Technik des Parketts beeinflusst, sind Rissbildungen. Hier ist zu unterscheiden zwischen Rissen, die bereits am stehenden Stamm entstehen, und Rissen, die eine Folge der Lagerung bzw. Bearbeitung sind. Erstere sind bedingt durch Wuchsspannungen wie bereits im Baum angelegte Kernrisse, die nach der Fällung mehr oder weniger deutlich in Erscheinung treten. Zumeist sehr breite Frostrisse, Blitzrisse oder durch ausgedehnte Trockenperioden bedingte Risse sind ebenfalls Reaktionen des Holzes auf äußerlich bedingte Überbelastungen des inneren Gefüges. Sie sollten bei der Sortierung möglichst herausgefiltert werden.
Brittle Heart, typisches Rissbild sehr schwerer Exotenhölzer, fallen ebenfalls in diese Kategorie. Dabei stauchen die Bäume aufgrund ihrer eigenen riesigen Last und weisen Risse senkrecht zur Faser auf. Bei der Ringschäle, vornehmlich bei Nadelhölzern anzutreffen, folgen die Risse den Wachstumsringen und sind durch Spannungen im Holz, beispielsweise in Zonen sehr unterschiedlicher Jahrringbreiten, zu erklären.
Von diesen natürlich bedingten Rissen sind Trockenrisse zu unterscheiden. Diese sind bedingt durch das hygroskopische Verhalten des Holzes, das sich an verringerte Umgebungsfeuchten mit einer Schwindung anpasst. Da Holz in unterschiedlichen Richtungen verschieden stark arbeitet, entlang der Jahrringe (tangential) nahezu doppelt so viel wie senkrecht (radial) zu diesen, können bei schneller Schwindung Risse entstehen, wenn durch Spannungen aufgrund der holztypischen Inhomogenität die innere Festigkeit des Holzes überbeansprucht wird. Trockenrisse entstehen erst unterhalb der Fasersättigung, indem der weitere Feuchteverlust von einer weitgehend analogen Schwindung begleitet wird.
Die unvermeidlichen Risse sind sichtbar an den Hirnflächen, aber auch als Oberflächenrisse an den Längsflächen des Holzes und verlaufen in radialer Richtung. Holz trocknet am schnellsten über die Hirnflächen aus, dort entstehen dann die typischen Endrisse. Die schnelle Austrocknung übers Hirn kann durch diffusionsdichte Anstriche gebremst werden und ebenfalls durch langsames Austrocknen über die Seitenflächen. Insbesondere bei sehr dichten und zumeist stark schwindenden Exotenhölzern wie zum Beispiel Massaranduba sind Wachsanstriche an den Stirnseiten von erheblichem Nutzen. Innerhalb der Parkettfertigung ist es wichtig, Holz mit den nicht sehr tiefen Hirnrissen immer weit genug zurückzukappen. Geschieht das nicht, ist später mit unschönen Hirnrissen zu rechnen, wenn eine weitere Trocknung des Holzes, zum Beispiel beim Einsatz auf einer Fußbodenheizung, auftritt und die spätere Reinigung und Pflege für dunkle Rissbilder innerhalb der Stabelemente oder Lamellen sorgt.
Das kann auch geschehen, wenn nur sehr schwer und aufwändig zu trocknende Exotenhölzer zu schnell diesen Bearbeitungsprozess durchlaufen. Kleine Oberflächenrisse auf den Friesen können die Folge sein, die selbst nach dem Hobeln kaum erkennbar sind und in der späteren Nutzung Probleme bereiten.
Ein Begriff, der im Zusammenhang mit Parkett immer wieder auftaucht, ist der der Windrisse. Dieser etwas irreführende Name wird in Fachkreisen immer noch verwandt. Es handelt sich dabei um Trockenrisse, die im Zuge der Lufttrocknung entstehen und in ihrem Ausmaß in der Sortierung schwer abzuschätzen sind. In der Regel werden diese Risse, deren Erscheinungsbild am augenfälligsten bei Mosaikparkett ist, aber auch bei anderen massiven Parketten vorkommen kann, erst dann sichtbar, wenn der Boden geschliffen sowie fertig versiegelt worden ist.
Gefahr erkannt, Gefahr gebannt
Vermeidbar sind diese Trockenrisse in einer Fußbodenfläche aus naturgegebenem Holz niemals. Deshalb sind sie auch in einem gewissen Umfang hinnehmbar, wenn sie nach der Versiegelung leicht aufwölben. Wird die Bretttrocknung der Rohfriesenherstellung vorangestellt, wie zumeist üblich, sind sie selten. Als Sanierungsmaßnahme für den Handwerker bleibt meist nur das rechtzeitige Herausstemmen der geschädigten Elemente vor der eigentlichen Oberflächenbehandlung. Je eher man Windrisse erkennt, desto einfacher ist die Reparatur, daher sollte man rechtzeitig ein kritisches Auge auf den Boden werfen. Die Normung unterscheidet nach Größe und Lage der Risse. Je nach Produktgattung und Sortierung lässt sie Haarrisse oder feine Endrisse zu, limitiert freilich deren Größe.
Eine Rissursache, die bei Parkett keine nennenswerte Rolle spielt, aber im Zuge der Mode breiter und dicker Massivdielen und auch der Terrassendielen in den Vordergrund rückt, ist die Missachtung der Unterschiede beim Trocknen rechts- bzw. linksseitigen Holzes. Da die tangentiale Schwindung größer ist als die radiale, wirkt sich die Trocknung so aus, dass die rechte, d.h. dem Kern zugewandte Brettseite konvex schwindet, die linke, dem Herz abgewandte sich konkav verformt. Bei Outdoordielen hat das den positiven Effekt, dass Bretter, die ihre rechte Seite als Lauffläche präsentieren, weniger rissanfällig sind und aufgrund ihrer Wölbung das Wasser besser ablaufen lassen. Wichtig ist das nicht nur, weil stehendes Wasser Holz belasten könnte, sondern auch hinsichtlich des Rutschverhaltens. Vor allem Nadelhölzer neigen jedoch zu Schilfer- bzw. Ringrissen mit entsprechender Verletzungsgefahr, so gibt es Hersteller, die ihre Dielen derart profilieren, dass die linke Seite oben liegt. Für was man sich entscheidet, bleibt jedem überlassen, eine Einheitlichkeit der Auswahl ist jedoch gerade von Vorteil, wenn man solche Dielenbretter in Längsrichtung stößt. Stolperkanten werden damit weitestgehend reduziert. Es sollte aber darauf hingewiesen werden, dass bei der werksmäßigen Produktion die beschriebenen holztechnischen Zusammenhänge nicht relevant sein können, weshalb nach allgemeinen Regeln des Fachs keine Selektion vorgenommen wirdWalter Pitt walter.pitt@t-online.de