bwd im Gespräch: Alexander S. Israel, geschäftsführender Gesellschafter Wulff Lösungen für weniger Muskelkraft

Die neue Klebstoffgeneration bringt für den Verleger nicht nur Erleichterungen mit sich. Der Klebstoffexperte Alexander S. Israel sprach mit bwd über technische Hintergründe und die Bestrebungen der Industrie, festen Halt und leichte Entfernbarkeit zu verquicken.

Alexander S. Israel, geschäftsführender Gesellschafter Wulff. - © Pitt

Lösungen für weniger Muskelkraft

bwd Herr Israel, kann das spätere Entfernen von verklebten Parkettböden im Zuge einer Renovierung oder eines Belagswechsels zum Problem werden?

Israel Die Verklebung von Parkett war schon immer eine Herausforderung für den Bodenleger. Schließlich galt es die Eigenschaften des Holzes, bei klimatischen Raumluftveränderungen entsprechend mit Maßänderungen zu reagieren, in den Griff zu bekommen. Anfangs wurde Parkett mit Bitumen- oder Teerklebstoff verklebt, später mit Kunstharzklebstoffen, die wegen ihres Lösungsmittelgehalts von Dispersionsklebstoffen teilweise abgelöst wurden. In den letzten Jahren gewannen immer mehr die reaktiven ein- und zwei- komponentigen Polyurethan- oder Hybridklebstoffe die Oberhand. Diese bringen für den Verleger nicht immer nur Erleichterung mit sich. Machten die alten spröden Kunstharz- und Bitumenklebstoffe im Sanierungsfall relativ wenig Mühe, das Parkett vom Untergrund abzuscheren, bereiten die reaktiven Systeme dem Handwerker heute zunehmend Probleme bei der Entfernung des verklebten Parketts.

bwd Hochelastische Klebstoffe sind also schwerer zu entfernen?

Israel Man kann wohl grundsätzlich davon ausgehen, dass all diejenigen Klebstoffe, die eine harte bis hartelastische Klebstofffuge besitzen, leichter zu entfernen sind als jene mit hochelastischer Einstellung. Je elastischer ein Klebstoffsystem ist, desto mehr werden die mechanischen „Angriffe“ bei den Ablöseversuchen vom Klebstoff abgefangen. Der Versuch, mit Hammer und Meißel einen Parkettstab zu entfernen, ist deshalb deutlich aufwendiger als in alten Zeiten. Bei den elastischer eingestellten Klebstoffen ist in der Regel ein Einschneiden des Parketts in kleinere Einheiten unumgänglich, um dann mit Elektromeißeln eine Trennung herbeiführen zu können. Verbleibende Klebstoffreste sind anschließend mit geeigneten langsam drehenden Horizontalfräsen zu entfernen.

bwd Kann ein Klebstoffhersteller seine Produkte so einstellen, dass eine spätere Wiederaufnahme erleichtert wird?

Israel Bei der Entwicklung eines Klebstoffes denken wir erst einmal daran, dass der Klebstoff den jeweils zu verklebenden Belag mit seinen Eigenschaften sicher und dauerhaft arretieren kann. Immerhin muss der Verarbeiter die Zeit der Gewährleistung schadensfrei überstehen. Unsere Kunden erwarten, dass die Produkte den zu verklebenden Belag ohne erkennbare Maßänderungen (Fugen oder Stippnähte bei Teppichböden oder elastischen Belägen oder Fugen und Aufwölbung bei Parkett) und sonstige Beeinträchtigungen viele Jahre schadensfrei am Boden halten.

»Der Einsatz von Spaltklebstoffen muss sorgfältig abgewägt werden.«

bwd Aber es gibt diese Möglichkeiten?

Israel Natürlich gibt es für Klebstoffhersteller die Möglichkeit, Klebstoffsysteme nicht „ganz so fest“ einzustellen, damit eine Wiederaufnahme erleichtert wird, dies ist jedoch ein schmaler Grad. Zu allererst wird vom Verarbeiter erwartet, dass der verklebte Belag völlig schadensfrei seine Lebensdauer übersteht. Dass bei einer anschließenden Renovierung die Entfernung oder Wiederaufnahme nicht immer einfach ist, ist sicher auch mit ein Grund dafür, dass zunehmend lose verlegte Belagsysteme die Märkte in den letzten Jahren mehr und mehr erobert haben.

bwd Da wären zum Beispiel?

Israel Im Bereich der textilen Beläge haben die sogenannten „Fixierungen“ oder „Rutschbremsen“ in bestimmten Marktsegmenten Einzug gehalten. Besonders im privaten Bereich werden Teppichböden fixiert, um sie im Renovierungsfall leichter wieder aufzunehmen. Diese Systeme sind häufig reemulgierbar eingestellt, so dass sie mit Wasser leichter anzulösen sind. Kritisch kann es werden, wenn die Fixierungen auf alten Nutzböden eingesetzt wurden und durch Verfärbungen oder bei PVC durch Weichmacherwanderungen den alten Untergrund negativ verändert haben. Im Bereich von Doppelbodenkonstruktionen werden häufig auch leicht wieder aufnehmbare Fixiersysteme eingesetzt, die jedoch das Problem der Maßänderungen von Bodenbelägen nicht in den Griff bekommen können, weil die Klebstofffuge keine ausreichende Kohäsion hat, um die im Belag vorhandenen Spannungen abzufangen. Eine weitere Möglichkeit sind sogenannte „Spaltklebstoffe“, die nur eine sehr geringe innere Festigkeit im Klebstofffilm haben. Auch hier muss der Einsatzbereich vorher sorgfältig abgewägt werden, damit es nicht während der Nutzungsdauer zu Delaminierung im System kommt.

bwd Gutachter sind bei Schadensfällen damit konfrontiert, bei der Erarbeitung eines Sanierungsvorschlages die Kosten einzuschätzen. Wird dieses Problem von der Klebstoffindustrie erkannt?

Israel Die Klebstoffindustrie hat in vielfältiger Weise auf dieses Problem auch als Chance reagiert, indem sie eine Reihe von speziellen Sanierungssystemen auf dem Markt brachte. Je nach vorhandenen Untergrundarten gibt es heute ein breites Programm ausgereifter Systeme, um Altuntergründe sicher zu sanieren. Angefangen bei speziellen Grundierungen mit hohem Feststoffgehalt für schnelles Arbeiten über hochelastische Spachtelmassen bis hin zu faserverstärkten oder mit Fasermatten ausgestatteten Spachtelmassen für leicht bewegliche oder weniger tragfähige Untergründe, gibt es eine breite Palette, um auf fast alle Sanierungsfragen eine Antwort zu geben. In allen Fällen muss abgewogen werden, ob eine Sanierung preislich akzeptabel oder ein kompletter Neuaufbau des Untergrundes erforderlich und bezahlbar ist. Häufig spricht aber auch der zeitliche Faktor wesentlich für ein modernes Renovierungssystem.

»Eine Verklebung ist auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit völlig vertretbar.«

bwd Ist es aus Gründen der Arbeitsergonomie überhaupt vertretbar, Klebstoffe herzustellen, die sich nur mit sehr viel körperlichem Einsatz manuell wieder entfernen lassen?

Israel Gerade im Bereich der Parkettverklebung lasse ich dieses Argument am wenigsten gelten. Ein gutes Parkett, das mit hochwertigen Klebstoffen sicher und langlebig verklebt werden kann, hat in aller Regel eine Lebensdauer von vielen Jahrzenten. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass Parkett mehrfach wieder abgeschliffen und neu oberflächenbehandelt werden kann, ist eine Verklebung gerade mit den modernen Hybridklebstoffen auch unter dem heute so gerne zitierten Aspekt der Nachhaltigkeit absolut vertretbar. Hinzu kommt, dass sich natürlich auch die Industrie mit immer leistungsfähigeren Maschinen darauf eingestellt hat, die Entfernung von Altbelägen für den Bodenleger zu erleichtern.

bwd Unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit ist ein Klebstoff absolut akzeptabel, der möglichst fest ist, weil er die Lebensdauer des Bodens erhöht. Doch gehört zum Nachhaltigkeitsgedanken nicht auch, über Probleme der späteren Entfernung nachzudenken?

Israel Wie bereits erwähnt, liegt das primäre Interesse eines Klebstoffherstellers sicherlich erst einmal in einer sicheren, dauerhaften, festen Verklebung eines Systems. Wegen der angesprochenen Problematik beim Entfernen der Beläge hat es aber auch immer wieder Versuche gegeben, Lösungen für eine leichtere Wiederaufnahme zu kreieren.

bwd Welche waren das?

Israel Vor etwa 20 Jahren waren etwa die sogenannten Wiederaufnahmeklebstoffe auf Basis von SBR-Latices eine vorübergehende Erscheinung, die sich aber nicht durchgesetzt hat. Kombiniert mit entsprechenden Vorstrichen erzielte man unter optimalen Umständen eine leichtere Wiederaufnahme. Magnetische Systeme mit eisenhaltigen Spachtelmassen waren ein weiterer Versuch, sich dieser Thematik zu stellen. Inwieweit unter Umständen ein System, das sich z.B. durch UV-Strahlung nicht nur vernetzt, sondern auch wieder trennt, in Zukunft eine Lösung sein kann, muss die Entwicklung zeigen. Bisher hat sich die Klebstoffindustrie immer etwas Neues einfallen lassen. Deshalb bin ich auch hier zuversichtlich, dass es eines Tages eine praktikable Lösung geben wird, die für den Verleger mit weniger Muskelkraft verbunden ist, als das heute noch häufig der Fall ist.

Walter Pitt walter.pitt@t-online.de