Verlegepraxis: Bedenken anmelden bei ungeeignetem Raumklima Zwischen Sauna und Eisschrank

Ideale raumklimatische Bedingungen herrschen auf den wenigsten Baustellen. Wie kann der Bodenleger das Risiko bei Abweichungen von Temperatur und Luftfeuchtigkeit richtig einschätzen? Welche Schäden können auftreten?

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    © Bilder: Wollenberg
    2 Geöffnete Naht bei einem Nadelvliesbelag.
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    © Wollenberg
    1 Verschiedene Geräte zur Lufttemperatur- und Luftfeuchtigkeitsmessung.

Zwischen Sauna und Eisschrank

SerieBedenken anmelden, Teil X

In den einschlägigen Kommentaren wird für das Verlegen von Bodenbelägen zu der Unterbodentemperatur von mindestens 15 Grad Celsius eine Lufttemperatur von 18 Grad Celsius bei einer relativen Luftfeuchtigkeit < 65 Prozent als Idealklima gefordert. Ergänzend dazu wird geschrieben, dass die Luftfeuchtigkeit maximal 75 Prozent haben darf.

Die Lufttemperatur und die relative Luftfeuchtigkeit in einem Bauvorhaben können schnell mit elektronischen Messinstrumenten ermittelt werden. Die Frage ist: Was bedeutet eigentlich „relative Luftfeuchtigkeit“?

Luft kann nur eine begrenzte Menge Wasser in Gasform aufnehmen. Diese Menge ist sehr stark von der Temperatur abhängig. Bei einer Temperatur von z.B. 20 Grad Celsius kann ein Kubikmeter Luft max. 17,3 Gramm Wasser aufnehmen. Wenn dieser Kubikmeter Luft 17,3 Gramm Wasser aufgenommen hat, beträgt die relative Luftfeuchtigkeit bei dieser Temperatur 100 Prozent.

Das heißt im Umkehrschluss, dass bei einer Temperatur von 20 Grad Celsius - bei idealen Verlegebedingungen von 50 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit - nur 8,65 Gramm Wasser in der Luft enthalten sind.

Erdgeschoss ja, Keller nein

Wenn in einem Bauvorhaben die Luft jetzt nicht 20, sondern nur zehn Grad Celsius warm ist, wie z.B. bei einem Temperatursprung zwischen Erdgeschoss und Untergeschoss, entsprechen diese 8,65 Gramm Wassergehalt per Kubikmeter Luft im Untergeschoss dann einer relativen Luftfeuchte von ca. 85 Prozent.

Das bedeutet, dass ein Bodenleger seine Arbeiten sehr wohl im Erdgeschoss, nicht jedoch im Keller gefahrlos ausführen darf. Im Keller wäre die Raumtemperatur zu niedrig und die relative Luftfeuchtigkeit zu hoch.

Wenn in dem gleichen Gebäude, dann im schlecht isolierten Dachgeschoss, die Temperatur aufgrund von Sonneneinstrahlung 30 Grad Celsius beträgt und damit um zehn Grad Celsius höher wäre als im Erdgeschoss, bedeutet dies, dass die 8,65 Gramm Wasser per Kubikmeter Luft bei 30 Grad Celsius Temperatur einer relativen Luftfeuchte von etwa 30 Prozent entsprächen. Verlegearbeiten im Dachgeschoss wären damit möglich. Der Bodenleger muss aber damit rechnen, dass aufgrund der hohen Temperaturen, in Verbindung mit der niedrigen relativen Luftfeuchtigkeit, die Abbindeprozesse der eingesetzten Hilfsstoffe wesentlich beschleunigt werden.

Aus vorstehend erklärten physikalischen Gegebenheiten sollten kalte Räume wie Keller im Sommer nicht gelüftet werden. Wenn warme Luft mit einem hohen Wassergehalt in kalte Kellerräume geleitet wird, kühlt die Luft sehr stark ab und die relative Luftfeuchtigkeit kann ggf. über 100 Prozent steigen. Das hat zur Folge, dass sich Schwitzwasser bildet, das sich an den Wänden und am Boden absetzen kann.

Bei den heute eingesetzten Hilfsstoffen, die meist wasserverdünnt sind, führt die relativ hohe Luftfeuchtigkeit dazu, dass Abbindeprozesse verlangsamt werden oder nicht mehr stattfinden. Das in den Hilfsstoffen vorhandene Wasser hat keine Möglichkeit mehr, bei hohen „relativen Luftfeuchten“ von der Luft aufgenommen zu werden. Hier helfen, auch im Sommer, eigentlich nur Zwangstrocknungsmaßnahmen.

Umgekehrt ist das in den Wintermonaten. Bei zehn Grad Celsius Außentemperatur und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent sind in einem Kubikmeter Luft etwa 4,7 Gramm Wasser enthalten. Wenn diese kalte Luft dann durch Lüften in ein auf 20 Grad Celsius beheiztes Bauvorhaben geleitet wird, kann diese Luft bis zur 100-prozentigen Sättigung etwa 12,6 Gramm Wasser aufnehmen. Aus diesem Grund hilft Stoßlüften in den Wintermonaten sehr gut zur Entfeuchtung von Bauvorhaben.

Auch für die von dem Bodenleger zu verlegenden Beläge ist es wichtig, dass diese dem Raumklima angepasst werden. Ein Nadelvlies ist z.B. in der Lage, bis zu sieben Prozent Feuchtigkeit aufzunehmen. Wenn so ein zu feucht gelagerter Bodenbelag bei einem ungünstigen, zu feuchten Raumklima womöglich noch mit einem weichplastisch abbindenden Dispersionsklebstoff geklebt wird, sind Beanstandungen vorprogrammiert. Stellt sich in solch einem Bau dann ein normales Raumklima ein, gibt das Nadelvlies die aufgenommene Feuchtigkeit ab. Dies führt zu Volumenverlusten und dieses führt wiederum zu offenen Nähten. Derartige Schäden sind dann nur schwer reparabel.

In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass in Bauvorhaben, die eigentlich schon ausreichend getrocknet waren, durch andere Handwerker wie Maler und Putzer oder auch durch ungünstige raumklimatische Bedingungen, evtl. hervorgerufen durch Heizungsausfall oder ähnlichem, eigentlich schon trockene Estriche wieder auffeuchten können. In solchen Fällen helfen, wie vorstehend beschrieben, nur ausreichendes Lüften oder Zwangstrocknungsmaßnahmen.

Fazit: Es liegt an der Erfahrung und der Risikobereitschaft des ausführenden Bodenlegers, ob er gewillt ist, bei ungünstigen raumklimatischen Bedingungen seine Arbeit aufzunehmen, oder ob er lieber Bedenken anmeldet.Ralf Wollenberg wollenberg@sv-fbt.de