Knauf-Baukongress: Austrocknung von Calciumsulfatestrichen im Vergleich zu Zementestrichen Alles eine Frage der Zeit

Bauphysikalisch besteht laut Diplom-Chemiker Heinz-Dieter Altmann kein Unterschied. Doch bei zementären Estrichen dauert es länger, ehe mit der Zwangstrocknung begonnen werden kann. Außerdem kommt es häufiger zu Verformungen.

Sachverständiger Heinz-Dieter Altmann spricht beim Knauf-Baukongress über die Trocknung von Calciumsulfat- und Zementestrichen. - © Kober

Alles eine Frage der Zeit

Verantwortlich dafür sind nach Angaben des renommierten Sachverständigen eine schnelle Hydratation und ausgeprägte Volumenstabilität von Calciumsulfatestrichen. Erst vergangenes Jahr hatte sich der gleichnamige BEB-Arbeitskreis unter Mitwirkung Altmanns ausführlich mit „neuen Möglichkeiten“ von Calciumsulfatestrichen befasst und in der Folge Merkblätter zur Trocknung und dem Einsatz in höher belasteten Bereichen des Gewerbebaus herausgegeben.

Auch bei der ersten Auflage des Knauf Baukongresses am Stammsitz in Iphofen unweit von Würzburg stoßen die Ausführungen des Sachverständigen auf Interesse. Zwar, erklärt Heinz-Dieter Altmann, könnten auch zementäre Estriche grundsätzlich zwangsgetrocknet werden. Allein eine zeitliche Verzögerung ist unausweichlich. Und dass der Referent gleich zu Beginn die heutige Arbeit auf der Baustelle als fortwährenden „Kampf gegen Feuchtigkeit“ kennzeichnet, hat damit zu tun, dass jede Verzögerung sich gnadenlos wirtschaftlich niederschlägt.

Mit Schäden rechnen

Der Experte unterscheidet beim Feuchtetransport in einer Baustoffpore drei Schritte: Flüssig-, Dampf- und sorbierte Phase. Wird zum Verarbeiten erforderliches Wasser zunächst je nach Größe sowie Ausprägung der Poren aus der Estrichschicht abgesogen, nimmt die anschließende Dampfdiffusion in Abhängigkeit von relativer Luftfeuchte und -geschwindigkeit ungleich mehr Zeit in Anspruch. Grundsätzlich gilt dabei die Faustformel: Je wärmer die Luft ist, desto mehr Wasser kann sie aufnehmen: Erreicht beispielsweise die Temperatur 30 Grad Celsius, so ist die Aufnahmefähigkeit mit bis zu 30 Gramm pro Kubikmeter sehr ausgeprägt.

Der Feuchtetransport in der Luft, also Trocknungsphase drei, lässt sich durch die Anzahl der Luftwechsel beeinflussen, hängt deshalb aber immer auch von den klimatischen Gegebenheiten ab. Als Hilfsmittel für die künstlich beschleunigte Trocknung nennt Heinz-Dieter Altmann Adsorptions- und Kondenstrockner. Ersterer sei dabei auch im Falle eines Wasserschadens einsetzbar, weise aber eine negative Energiebilanz auf: „Die warme Luft wird hier rausgeblasen.“ Adsorptionstrockner sind zur Bautrocknung weniger geeignet, weil die relative Luftfeuchte ad hoc auf 10–15 Prozent gesenkt wird.

Es muss deshalb mit Schäden gerechnet werden. Altmann schildert die Erfahrungen mit Kondenstrocknern in einem Mehrfamilienhaus und zwei verschiedenen, aber jeweils 45 Millimeter dicken Calciumsulfatfließestrichen.

Der Referent zeigt frühere Versuche mit und ohne Zwangstrocknung sowie mit beheizter Zwangstrocknung. Der größte Trocknungserfolg wurde in den Versuchsreihen – laut Altmann lag der Wert nach sieben Tagen bei 0,5 CM-Prozent – bei Temperaturen zwischen 24 und 28 Grad Celsius erzielt. Wobei dabei die Luftbewegung gezielt durch Ventilatoren optimiert worden war. Versuche haben gezeigt, dass auch bei niedrigeren Temperaturen (ab 15 Grad Celsius) effektive Trocknung möglich ist, wenn zusätzliche Ventilatoren aufgestellt werden.

Zeitpunkt der Belegreife lässt sich präzise vorhersagen

Erst in der Folge scheint ein Großteil über die Temperatur abzulaufen.

Wie verhält es sich im Unterschied dazu bei zementären Estrichen? Heinz-Dieter Altmann setzt den Kongressteilnehmern auseinander, dass das Bindemittel Zement einen längeren Zeitraum zur Hydratation beansprucht. Deshalb dürften im Unterschied zu Calciumsulfatestrichen auch zementäre Estriche „allerfrühestens“ nach zehn Tagen zwangsgetrocknet werden. Weil sich die Feuchtigkeit uneinheitlich über den Estrichquerschnitt verteile, sei bei diesen Baustoffen dazu noch mit teils erheblichen Verformungen zu rechnen. Wegen ihres wesentlich höheren Hydratationsgrads trockneten auf Alpha-Halbhydrat basierende Calciumsulfatestriche dagegen schneller und könnten unmittelbar nach dem Estricheinbau in der Regel auch sofort beheizt werden.

Die Untersuchungen haben gezeigt, dass sich sämtliche Calciumsulfatestriche, von der Art des Bindemittels unabhängig, einen Tag nach dem Estricheinbau schon mit Erfolg zwangstrocknen lassen. Nach Angaben des Sachverständigen treten zudem weder Festigkeitsverluste noch Schäden, etwa Risse am Bauwerk, bei der Trocknung auf. Und die eingesetzten Trocknungsgeräte arbeiten bei Temperaturen ab 15 Grad Celsius effektiv. Der Trocknungseffekt kann durch die gezielten Luftbewegungen „gravierend“ verbessert werden. Auf hohem Niveau wird bei der Trocknung die relative Luftfeuchtigkeit in den Räumen gehalten und sinkt erst am Ende des Vorgangs ab.

Bei gleichen Estrichdicken ist eine Austrocknung der Estriche ausschließlich an die baulichen Verhältnisse gebunden. Dazu zählt etwa der Wassergehalt im Gebäude selbst. Bei dem beschriebenen Vorgehen wird nicht nur der Estrich, sondern der komplette Baukörper getrocknet. Dadurch lassen sich Feuchteschäden, wie zum Beispiel die Schwarzschimmelbildung hinter Schränken, ausschließen.

Ein weiterer Vorteil liegt in der erhöhten Planungssicherheit: So kann dem Bauherrn der Zeitpunkt der Belegreife relativ genau vorhergesagt werden, sofern auf der Baustelle diszipliniert gearbeitet wird. In dem von Sachverständigen Heinz-Dieter Altmann beim Knauf Baukongress in Iphofen geschilderten Versuchen hat er den wirtschaftlichen Vorteil einer Bauwerkstrocknung überzeugend aufgezeigt. Bereits am Rande eines Seminars im vergangenen Herbst am Institut für Baustoffprüfung und Fußbodenforschung (IBF), als beide neuen BEB-Merkblätter vorgestellt wurden, hatte der jetzige Referent einen anderen wirtschaftlichen Aspekt der bautechnischen Alternativlösung herausgestellt: Schließlich könne der Calciumsulfatestrich dank der (verglichen mit Zementestrichen) höheren Biegezugfestigkeit in geringeren Nenndicken eingebaut werden.

Berücksichtigt man dazu noch die besondere Eignung für höher belastete Bereiche gewerblichen Bauens (BEB-Merkblatt „Höher belastbare Calciumsulfatestriche im Gewerbebau“) und die Tatsache, dass Verformungen zu vernachlässigen sind, dürfte dieser Baustoff vor einer weiteren Verbreitung stehen. Als Fließestrich reichen die Einsatzmöglichkeiten dafür bis zu einer Verarbeitung auf Dämmschichten – etwa wenn es um dynamische Punktlasten, beispielsweise Gabelstapler oder Hubwagen, geht. Vor dem Befahren ist allerdings der Einbau einer Oberflächenschutzschicht nötig.

Reinhold Kober reinhold.kober@holzmannverlag.de