Auch Kurt Glass, Vorstandsvorsitzender der gleichnamigen Aktiengesellschaft, hat sich Gedanken über den richtigen Umgang mit der Feuchtemessung gemacht. Der Unternehmer spricht Klartext.
Ist es Betrug oder sind es Unkenntnisse?
Eingangs muss festgestellt werden, dass Aussagen des Estrichlegers an den Bauherrn oder Architekten bezüglich seines Gewerks zugesicherte Eigenschaften sind. Diese Zusicherung hat einzig und allein der Estrichleger zu vertreten und steht somit in der Haftung. Zugesicherte Eigenschaften sind zum Beispiel Angaben über die Belegreife des Estrichs. Denn der Estrichleger ist nicht nur Verleger, sondern auch Hersteller und gibt meistens eine entsprechende Garantie für die Austrocknung des Estrichs ab.
Als Stand der Technik empfiehlt zum Beispiel der Bundesverband Estrich und Belag (BEB) die CM-Messung. Abgesehen davon ist diese Art Messung auch für die Heizestriche in den DIN-Vorschriften verankert.
Russisch Roulette:
CM-Wert minus ein Prozent
Jeder Estrichleger, der Angaben der Lieferanten folgt und vom Ergebnis der CM-Messung zur Ermittlung der Belegreife ein Prozent abzieht, hat im Schadensfall das Nachsehen. Er wird von jedem Gutachter auf die Norm der Verbandsvorschrift und auf die vom Verband empfohlene Messweise hingewiesen und voll haftbar gemacht. Ob sich derartige Lieferanten, wenn sie den Abzug von einem Prozent empfohlen haben, in einen Schadensfall einbinden lassen, ist äußerst zweifelhaft. Die Erfahrung zeigt, dass dies nicht der Fall ist.
Fälschlicherweise werden Superverflüssiger beziehungsweise Verflüssiger als Schnellestrichzusatzmittel angepriesen. Dabei ist festzustellen, dass ein Verflüssiger kaum Einfluss auf den Abbinde-/Austrocknungsprozess hat. Anders verhält es sich bei Schnellestrichzement, welcher eine chemische Reaktion hervorruft und tatsächlich den Erhärtungs- und Austrocknungsprozess wesentlich beschleunigt. Selbst bei guten Schnellzementprodukten werden die angegebenen Werte nicht immer erreicht, da hier die Luftfeuchtigkeit und die Raumtemperatur für den Erfolg mit entscheidend sind. Doch bei derartigem Schnellzement sind die Hersteller noch nicht auf die zweifelhafte Idee gekommen, vom Ergebnis einer CM-Messung könne hinsichtlich der Belegreife ein Prozent abgezogen werden.
Wir haben im Labor so genannte Schnellestrichadditive und Zusatzmittel für die schnell härtenden Estriche geprüft und dabei festgestellt, dass die Festigkeitswerte und vor allen Dingen auch die Austrocknungswerte weitestgehend mit einer Nullmischung vergleichbar waren. Abgesehen davon, dass natürlich so genannte Superverflüssiger, die unkorrekt als Austrocknungsbeschleuniger bezeichnet werden, naturgemäß durch Wassereinsparung bessere Austrocknungswerte erreichen. In diesen Fällen liegt keine Bindung von Kristallwasser vor.
Es bleibt jedem Estrichleger überlassen, ob er ein derartiges Risiko eingeht, wenn er sowohl die Norm als auch die vom Verband herausgegebene Empfehlung nicht beachtet. Die Argumentation, zur Benennung des Belegreifewerts vom Ergebnis der CM-Messung ein Prozent abzuziehen, halte ich für vergleichbar mit einem russischen Roulette. Motto: Zwar trifft es nicht immer, aber es kann jederzeit treffen.
Die Mitteilung des BEB und der Bundesfachgruppe Estrich und Belag vom Januar 2007 enthält die folgende Feststellung: „Die Wasserbindung im Zementstein ist unterschiedlich. Ein großer Teil des Wassers wird während der Hydration chemisch eingebunden. Das chemisch eingebundene Wasser kann nur durch hohe Temperaturen zum Teil entfernt werden, was weitestgehend zur Zerstörung des Hydrationsproduktes führt. Für die vollständige Hydration des Portlandzementes wird bekanntlich ein W/Z-Wert von ca. 0,35 benötigt. Nach Ablauf der Hydration sind zirka zwei Prozent chemisch in den Hydrationsprozess eingebunden. Auf die Gelporen entfallen zirka 15 Prozent. Der Wasseranteil ist für die vollständige Hydration erforderlich. Der Wassergehalt im Estrich ist von den Umgebungsbedingungen vor allen Dingen von der Temperatur und Luftfeuchtigkeit abhängig. Ein erheblicher Teil des zur Verarbeitung nötigen Anmachwassers wird bei abnehmender Raumfeuchte abgegeben und bei zunehmender Raumfeuchte wieder aufgenommen. Dieser Prozess hat Einfluss auf das Schwindverhalten des Estrichs. Wir unterscheiden besonders zwischen Gelwasser und Kristallwasser. Allerdings ist eine klare Trennung nicht möglich. Ein Teil des freien Wassers gehört zum Feststoff als so genanntes Zwischenwasser und ein Teil des Gelwassers befindet sich in den feinen Poren und wird diese nur bei hohen Temperaturen verlassen.“
Was passiert bei der
CM-Messung?
Carbid und Wasser müssen sich berühren. Entweder in fester, flüssiger oder gasförmiger Form, wobei die Luft als Transportmittel dienen kann. Aus den Gelporen steht so gut wie kein Gelwasser für die Reaktion mit dem Carbid zur Verfügung.
Völlig abwegig ist die Behauptung einiger Zusatzmittellieferanten, dass ihre Produkte eine Wasserbindung hervorrufen, die es gestattet, nach der CM-Messung ein Prozent des Ergebnisses zur Ermittlung der Belegreife in Abzug zu bringen. Es handelt sich bei diesen Produkten um nichts anderes als um Verflüssiger beziehungsweise Superverflüssiger, die zu erheblicher Wassereinsparung führen können.
Bekanntlich ist eine Wassereinsparung in der Beton- und Estrichtechnologie besonders positiv zu bewerten, sofern nicht mehr Wasser eingespart wird als die Hydration des Estrichs erforderlich macht. Die behauptete Wasserbindung ist jedoch rein physikalisch. Es handelt sich hierbei um Wasser, das in den Gelporen eingelagert ist und nicht austrocknet. Völlig abwegig sind Behauptungen, es handle sich um chemische Reaktionen oder gar um die Bindung besonders großer Mengen Kristallwasser.
Milchmädchenrechnung
Die Bezeichnung „Schnellestrich” ist für die Estriche, die mit Verflüssiger hergestellt werden, irreführend. Denn es wird durch eine geringere Anmachwassermenge bei der Hydration weniger Wasser durch Austrocknung abgegeben. Ganz anders verhält sich zum Beispiel ein mit einem Schnellzement hergestellter Estrich. Derartige Zemente enthalten Calziumsulfat, das erhebliche Mengen Zugabewasser zusätzlich in Form von Kristallwasser bindet. Hier findet also tatsächlich eine chemische Reaktion statt. Die schnelle Hydration führt bei diesen Systemen nicht nur zu einer schnelleren Festigkeit, sondern durch chemische Bindung des Kristallwassers auch zu einer schnelleren Belegreife.
Die Behauptung, bei der CM-Messung reagiere ein Prozent des Gelwassers mit dem Carbid das ursprünglich nicht aus dem Estrich entweicht ist falsch. Der einfache Beweis dafür ist, dass nur bei der Darrmethode eine Differenz von 1,0 bis 1,5 Prozent mehr an Wasser gemessen wird. Dies ist darauf zurückzuführen, dass das Gelwasser das bei der CM-Messung nicht zur Verfügung steht erst bei den sehr hohen Temperaturen der Darrmessung entweicht.
Bekannt ist freilich, dass die Haushaltfeuchte eines Estrichs also die Feuchtigkeit, die immer in einem Estrich verbleibt zwischen 1,0 und 1,5 Prozent liegen muss.
Es dürfte jedoch jedem, der nur geringe Fachkenntnis besitzt, einleuchten, dass die Empfehlung, ein Prozent zur Ermittlung der Belegreife vom Ergebnis der CM-Messung zu subtrahieren, eine Milchmädchenrechnung ist. Jeder Estrichleger, der sich solchen Argumenten anschließt, arbeitet ohne jeglichen Sicherheitsfaktor, das heißt ohne Netz und doppelten Boden.
Kurt Glass ist Vorstandsvorsitzender der Kurt Glass AG