Mit einem nicht zu erwartenden Optimismus präsentierte sich die Bodenbelagbranche auf der Münchener Messe Bau und der Hannoveraner Domotex. Trotzreaktion, Zweckoptimismus, begündete Zuversicht? Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.
Auf der Suche nach der Krise
Ja, wir haben von der Krise gehört. Aber wir haben beschlossen, dabei nicht mitzumachen.“ So wie Domo-CEO Gregory De Clerck entschieden sich offenbar die überwiegende Mehrzahl der Aussteller und Besucher auf den Messen Bau und Domotex. Die Stimmung in München und Hannover war durchwegs positiv. Und das ist die ganz große Überraschung zum Jahresauftakt. Zwischen der Lektüre der Horrormeldungen in der Morgenzeitung und den negativen Kommentaren der abendlichen Tagesschau herrschte in den Messehallen Zuversicht.
Dieses Stimmungsbild allein mit Zweckoptimismus zu beschreiben, greift zu kurz. Kaum jemand verschließt die Augen vor der Realität. Restriktive Reisebedingungen in Unternehmen und generelle Sparzwänge sorgten beispielsweise auf der Domotex dafür, dass diesmal deutlich weniger Fachbesucher kamen und so mancher Stand in diesem Jahr wesentlich kleiner ausfiel. Aber: Die meisten Aussteller konnten ihren Optimismus überwiegend mit zum Teil eindrucksvollen Zahlen belegen.
„2008 war umsatzmäßig unser bestes Jahr in Deutschland und 2009 legen wir noch etwas oben drauf“, sagt Timzo-Geschäftsführer Wim Rietmann. Der niederländische Spezialist für Schlingenteppichböden aus Polypropylen produziert mit 80 Mitarbeiten jährlich rund 20 Millionen Quadratmeter Teppichboden. Davon geht rund ein Drittel nach Deutschland.
Am oberen Ende der Preisskala bilanziert Vorwerk-Geschäftsführer Johannes Schulte ein Wachstum von gut vier Prozent. „Von Depression und Pessimismus ist an unserem Stand nichts zu spüren“, sagt Schulte und bleibt gelassen „Das hochwertige Wohnsegment dürfte auch 2009 stabil bleiben.“ Schulte rechnet eher im Billigsegment mit Rückgängen.
Damit scheint wohl auch Yves Bonne von der Beaulieu International Group zu rechnen. Das Unternehmen hat die Zukunft möglicherweise schon antizipiert und im Zuge von massiven Umstrukturierungen das Personal von 480 auf 300 Mitarbeiter reduziert. Neu aufgestellt will der belgische Bodenbelagkonzern bei Teppichböden künftig mehr auf Fachmärkte und Großhändler setzen, als auf den Discountbereich.
Unberührt von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen scheinen hingegen bei Infloor in Herzebrock die Geschäfte zu laufen. Mit einem einstelligen Umsatzplus schloss Infloor 2008 ab. Die Schwesterfirma Girlon verbucht gar ein zweistelliges Umsatzwachstum. Das sind für die geschäftsführende Gesellschafterin Stefanie Ritterbach die richtigen Voraussetzungen für weitere Investitionen. In sechs Wochen soll die neue Chromojetanlage mit einer neuen Düsengeneration anlaufen, die eine Million Pixel pro Quadratmeter drucken kann.
Auch bei Objektspezialist Anker hat sich der Auftragseingang bisher nicht verändert, gibt Firmeninhaber Markus Schoeller zu. Und ganz sicher stimmt, was Balta-Marketing-Direktor Geert Vanden Bossche sagt: „Jetzt ist die Zeit für Differenzierung. Die Produktentwicklung ist maßgeblich, wenn man als Unternehmen weiter wachsen möchte“, sprach’s und zeigte auf seinem Stand 60 Prozent Neuheiten.
Jetzt darf man freilich nicht den Fehler machen und Neuheiten mit Innovationen gleichsetzen. Echte Innovationen gibt es nicht und das ist ein Dilemma: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten werden Innovationen am dringendsten benötig. Gleichzeitig regiert in diesen Zeiten aber in den Entwicklungsabteilungen die Vorsicht. Bloß kein allzu großes Risiko eingehen, lautet die Devise und dabei immer schön flexibel bleiben.
Flexibilität war ein Schlagwort auf den diesjährigen Januarmessen und das kann durchaus als Antwort auf eine letztlich doch vorhandene Unsicherheit interpretiert werden. Standardlösungen garniert mit ein wenig flexibler Individualität. Das soll bei Beaulieu beispielsweise die neue Chromojet-Hotelkollektion „Carus“ bieten. Im neuen Woolmaster-Koffer von Balta dominieren stückgefärbte Qualitäten. „Das macht uns flexibler“, sagt Vanden Bossche.
Wer kann schon sagen, wie sich der Bodenbelagmarkt im nächsten Jahr wirklich entwickelt. Dem gefühlten Optimismus zum Trotz, so mancher lauert insgeheim eben doch darauf, dass die negativen Rahmenbedingungen richtig auf die Innenausstattungsbranche durchschlagen. „Kleiner, manövrierfähiger und schneller“ heißt deshalb auch die Losung bei Findeisen-Geschäftsführer Stephan Naacke. Fakt ist: Die Bau- und davon abhängig die Innenausstattungsbranche wird von einer Rezession in der Regel als eine der letzten Branchen erfasst. Was noch als einigermaßen gesichert gelten dürfte, ist das laufende Objektgeschäft. Zumindest in Deutschland sieht es gegenwärtig nicht so aus, als ob laufende Wirtschaftbauten oder Bauvorhaben im öffentlichen Bereich gestoppt würden. Im ersten Halbjahr 2009 sollte das Objektgeschäft deshalb berechenbar bleiben.
Wie sich das Handelsgeschäft bei textilen Belägen entwickelt, ist da schon fraglicher. Und das hat nicht nur mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten zu tun. Man muss heute konstatieren, dass der Teppichboden aus den Wohnzimmern dieser Nation immer mehr verschwindet. Vielleicht war es ja zu früh, von einer Teppichboden-Renaissance zu sprechen. „Würde man aus den üblichen Statistiken zum Gesamtverbrauch von getufteten Teppichböden das Objekt- und Automobilgeschäft, Grasteppiche und getuftete Badteppiche seriös herausrechnen, stünde am Ende eine Zahl, die so manchem Teppichbodenverfechter Tränen in die Augen treiben würde“, sagt Marktforscher Hans Kuipers. Dazu passt: Dura, Deutschlands größter Tufter mit jahrzehntelanger Handelsorientierung, hat 2008 erstmals im Objektgeschäft mehr Umsatz erzielt.
Heute liegt im Wohnbereich mehr Laminat als Teppichboden. Und die Anbieter von Designbelägen reklamieren inzwischen ebenfalls einen Teil vom Wohnbelagkuchen. „Der Endverbraucher und damit der Handel werden für uns immer wichtiger“, sagt Annika Windmöller. Bei Windmöller Flooring ist man sich sicher, dass Designbeläge inzwischen dem Laminatsegment im Wohnbereich Anteile wegnehmen und prognostiziert weiter ein jährlich zweistelliges Wachstum für diese Produktgattung. Bessere Eigenschaften im Hinblick auf die Akustik sowie die Unempfindlichkeit gegenüber Feuchtigkeit bringt Windmöller als Vorzüge für Designbeläge ins Spiel.
Am Ende – und das ist die Kehrseite der Medaille – wird der Designbelag die gleiche Entwicklung nehmen wie Laminat. Wo der Endverbraucher als wichtigste Zielgruppe ausgemacht ist, geht die Entwicklung in Richtung Großfläche und DIY. Designbeläge werden irgendwann überwiegend geklickt und ganz nebenbei verfallen dann die Preise. Jede Wette, dass sich diese Entwicklung schneller vollzieht als bei Laminat. Bis es so weit ist, wollen alle noch ganz schnell mitverdienen. Kein Wunder also, dass sich inzwischen nahezu jeder CV-Hersteller zum Designbelaganbieter geadelt hat. Dabei war 2008 für CV-Hersteller noch ein ganz passables Jahr. Filiepe Vermeulen, Geschäftsführer von IVC, stellt fest, dass sein Unternehmen von der Krise 2008 noch nicht betroffen war. IVC verbucht ein einstelliges Umsatzplus – allerdings bei zunehmend schrumpfenden Margen. Hohe Transportkosten und gestiegene Rohstoffpreise schmälern die Erlöse.
Also doch Bangemachen? Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Horrorszenarien, Zweckoptimismus und begründetem, häufig von der eigenen Firmenkonjunktur getriebenem Optimismus. „2009 wird ein Jahr für Profis“, sagt Eberhard Lotz von Objectflor. Da kann man sich nur wünschen, dass in der Branche genügend Profis zu Gange sind.
Stefan Heinze
stefan.heinze@holzmannverlag.de
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