CEM-II-Zemente, elastische Beläge mit werkseitig aufgebrachten Oberflächenbeschichtungen, Terrassendielen: Es liegt im ureigenen Interesse der Verarbeiter, sich über aktuelle Entwicklungen zu informieren. Eine gute Möglichkeit dazu bietet das von bwd und Deutsche Messe AG veranstaltete Forum Handwerk auf der Domotex.
Für den Handwerker „gefährlich“ sind Marketingaussagen, wenn die Diskrepanz zwischen Versprechen und Ergebnis zu groß wird und auf den Ausführenden zurückfällt. Beispiele dafür hat Referent Karsten Krause, Bodenbelagexperte des ZVPF und deutschlandweit tätiger Objekteur, zuhauf gefunden. Sein Thema sind werkseitig aufgebrachte Oberflächenbeschichtungen bei elastischen Bodenbelägen. Noch immer argumentieren Hersteller, Reinigung und Pflege würden etwa durch PUR-Siegel vereinfacht, die so genannten Lebensdauerkosten dadurch gesenkt. Krause redet Klartext: „Um welche Lebensdauer geht es denn, um die des Belags, der Vergütung oder des Auftraggebers?“ Die Ankündigungen der Industrie nennt er angesichts viel zu dünner Siegelaufträge von 6 bis 15 e teilweise „haarsträubend“. Der Sachverständige berichtet von einem Krankenhausbetreiber, dessen 10.000 m2 Belagfläche vom Hersteller kostenfrei saniert und nachträglich beschichtet wurde. Er hatte sich einer siebenstelligen Schadenersatzforderung entgegengesehen, da sich die versprochenen Kostensenkungen nicht mal ansatzweise hatten realisieren lassen.
Um Reinigungsfähigkeit geht es auch im wechselseitig auf Englisch und Deutsch gehaltenen Vortrag von Prof. Dr. Andreas Rapp. Der Inhaber eines Lehrstuhls an der Uni Hannover beschäftigt sich mit dem Trendthema Terrassendielen, deren Beliebtheit für Parkettleger längst ein lukratives Zusatzgeschäft bedeuten. „Es ist der Anspruch von Referenten und Veranstaltern, beim Forum Handwerk aktuell zu sein, was technische Probleme und Schadenshäufungen angeht. Dabei helfen unsere Sachverständigenerfahrungen“, sagt Moderatoren-Urgestein Norbert Strehle. Rapp stellt diverse Terrassendielenhölzer mit den jeweiligen materialspezifischen Eigenschaften vor. Dass thermobehandelte Hölzer abgesehen von ihrer nicht vorhandenen Eignung für Erdkontakt sensibler auf schlagartige Beanspruchung reagieren, unterstreicht der Wissenschaftler mit spektakulären Bildern von einem Gewehrversuch. Immer wieder entspinnen sich auf und vor der Bühne lebhafte Diskussionen. So weist CEO Jürgen Jordan der Espen Timber AG darauf hin, dass geriffelte Terrassendielenoberflächen schlechter zu reinigen und bei Nässe keineswegs rutschsicherer seien.
Will der Estrichleger sichergehen, was Trocknungsgeschwindigkeit oder Festigkeit der von ihm eingebrachten Tragschicht betrifft, kommt mit der großenteils vollzogenen Umstellung auf CEM-II-Zemente eine wesentlich größere Verantwortung auf ihn zu. Das postuliert Oliver Erning, der am von ihm geleiteten Verbandsinstitut für Baustoffprüfung und Fußbodenforschung in Troisdorf derzeit diese Zemente untersucht. Seine Warnung: „Meiden Sie CEM-II/B-M-Zemente!“ Schadensunauffällig, aber nur regional verfügbar sei Riteno 4, ein Portlandschieferzement (CEM-II/B-T 42,5 N) der Firma Holcim. Dem Bodenleger empfiehlt der Experte, sich die Konformitätserklärung des für den Estrich zuständigen Verarbeiters zeigen zu lassen. Reinhold Kober
reinhold.kober@holzmannverlag.de
Vor der Bühne Die Vorträge im Praktikercheck
Ehrlich begeistert

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Raumausstatter Patric Preßl.
Bild: Kober
An den Messeständen der Aussteller erhalten Verarbeiter die Produktinformationen der Hersteller. Wie wichtig für sie flankierend dazu das unabhängige Informationsangebot zu technischen Themen auf dem von bwd und Deutsche Messe AG veranstalteten Forum Handwerk ist, zeigt diese Blitzumfrage zu den Vorträgen.
Ein brandheißes Thema behandelt nach Einschätzung von Raumausstatter Patric Preßl der Vortrag von Oliver Erning zur Umstellung auf CEM-II-Zemente. Der Geschäftsführer der Wohnkultur Preßl GmbH in Nürnberg, der mit vier Beschäftigten im hochwertigen Privatbereich und in Objekten bis 2.000 Quadratmeter Textilbeläge, Parkett, Lino, homo-/ heterogenes PVC verlegt, macht erst gar kein Hehl daraus, dass er lieber die CEM-I-Zemente zurückhätte. Sein Problem als Nachunternehmer: „Wenn ich auf die Baustelle komme, weiß ich gar nicht, welcher Zement zur Anwendung kam. Und Anfragen nach Datenblättern bleiben zu 99 Prozent unbeantwortet“, sagt er.
Lob für die ganze Veranstaltung gibt es von Bodenleger Stefan Reichelt aus dem hessischen Ortenberg. Der PVC-Spezialist („Macht bei mir 90 Prozent aus.“) ist zufällig auf das Vortragsprogramm in Halle 8 aufmerksam geworden: „Das Forum kann ich nur jedem Handwerker empfehlen“, sagt er. „Fast schon begeistert“, wie er es selbst formuliert, hat ihn der Vortrag von Karsten Krause. Grund: „Ich war beinahe schockiert angesichts der Offenheit, mit der der Referent Beispiele dafür genannt hat, wie Hersteller den Endkunden mit Marketingaussagen über werkseitig aufgebrachte Oberflächenbeschichtungen bei elastischen Belägen in die Irre führen. Dessen Reklamationen landen dann beim Handwerker“, weiß er um das Dilemma. Nicht selten würden riesige Sauberlaufzonen annähernd die Hälfte der Bodenfläche bedecken, wenn diese durch die angeblich problemlose Reinigung in Anbetracht der zu dünnen werkseitigen Beschichtung sichtlich gelitten habe. Und das trotz der Warnung des Handwerkers: „Der Verwaltungsangestellte eines Krankenhauses lässt sich nicht davon abbringen, wenn er sich einen Belag in den Kopf gesetzt hat.“ Warne er, Reichelt, vor mangelnder Eignung im vorliegenden Anwendungsfall, zeige sein Gegenüber just auf die umstrittenen Marketingtexte der Industrie. Tenor: „Aber hier steht’s doch.“
Willi Nürnberger, Inhaber des gleichnamigen Parkettverlegebetriebs aus Bonn und Obermeister der Innung Köln-Bonn-Aachen, hat auf dem Forum Handwerk den Ausführungen von Prof. Dr. Andreas Rapp gelauscht. Zwar gehören Terrassendielen aktuell noch nicht zu seinem Dienstleistungsportfolio, doch der Handwerksfunktionär verschließt sich Neuem nicht: „Ich wollte mich informieren, weil ich bisher keine eigenen Erfahrungen mit dem Thema habe. Die Kompetenz des Vortrags zeigte sich für mich dadurch, dass stets der belegbare wissenschaftliche Hintergrund aller Fakten mitgeliefert wurde.“