Deutsches Handwerk hilft Zehn Helden für Kinder

Im rumänischen Dorf Radeln entsteht ein Kinderferienheim für benachteiligte Kinder. Fünf Parkettlegermeister und fünf Azubis fuhren hin und packten unentgeltlich eine Woche lang mit an. Ein Besuch vor Ort.

Packten an zum Wohle der Kinder: untere Reihe, v.l.: Cristian Adrian Dumitrache, Arnold Schmidt, Daniel Bauer, Willi Anisimov. Mittlere Reihe, v.l.: Dimitri Woronzow, Manuel Krischel, Stefan Schweisgut. Oben, v.l.: Ernst Müller, Egon Schmidt, Dieter Heil. - © Göpel

Zehn Helden für Kinder

Dass das hier Rumänien ist, bekommen die Männer gleich am Abend der Ankunft zu spüren. Die Augenlider hängen auf Halbmast, die 1.600 km der letzten beiden Tage stecken in den Knochen. Es schüttet in Strömen, Regen und Dunkelheit schlagen auf die Stimmung. Trotzdem ist jetzt noch mal Konzentration gefragt. Auf dem Weg, der den Konvoi von drei Kleintransportern und einem Pkw die letzten Meter nach Radeln führt, gibt es keine Straßenlaternen und genau genommen auch keine Straße. Stattdessen schlägt eine schmale Schotterpiste eine Schneise durch kniehohes Gras, Rittersporn und Farngewächse. Dann fällt das Scheinwerferlicht auf eine halbverfallene Ruine zwischen Häusern mit zerplatzten Fassaden. Die zehn Parkettleger der Innung Baden-Württemberg Nord sind am Ziel.

Deutsches Handwerk hilft in Rumänien


Dieses kleine Dorf mit knapp 300 Einwohnern, ohne Kanalisation, ohne fließend Wasser und fernab von Telefonanschluss oder Gasleitungen ist Radeln. Mitten im rumänischen Siebenbürgen, von Wäldern und unberührter Natur umgeben, liegt der Ort, an dem traumatisierte und benachteiligte Kinder in Zukunft Ferien von ihrem Schicksal nehmen werden. Holzmann Medien, herausgebender Verlag von boden wand decke und der Deutschen Handwerks Zeitung , unterstützt hier mit seiner Charity-Aktion Deutsches Handwerk hilft die Peter Maffay Stiftung beim Aufbau eines Kinderferienheims.


Improvisiertes Bettenlager mit Nadelvlies

Im Moment aber ist alles, was jeder der fünf Meister und fünf Azubis braucht, ein Bett. Aber das werden sie heute nicht mehr bekommen. Statt Betten liegen in den zwei Schlafräumen der Handwerkerunterkunft ein paar Matratzen. Es sind zu wenig. Und sie sind nass. Die Ursache ist schnell ausgemacht: Das Fenster steht weit offen und der Regen klatscht ungeschützt auf die Matten. Aber die Parkettleger wären keine echten Handwerker, wenn sie sich jetzt nicht zu helfen wüssten.


Also weg mit den triefnassen Matratzen und den Teppichboden aus dem Wagen geholt, den man für alle Fälle zwischen Linorollen, Klebstoffen und Schleifmaschinen noch eingepackt hatte. Nadelvlies ausrollen, Isomatte und Schlafsack drauf, fertig ist das Bettenlager. Heute Nacht heißt es Kräfte sammeln. Schließlich wartet auf die Parkettleger aus Schwaben eine Woche voller Arbeit und Entbehrungen. Unbezahlt. Freiwillig. Und für einen guten Zweck.

Das Abenteuer war programmiert

„Es war klar, dass das hier abenteuerlich wird“, sagt Dieter Heil in breitem schwäbisch, legt die OSB-Platten für einen kurzen Moment zur Seite und klopft sich den Sägestaub vom schwarzen Shirt. „Aber für uns ist es völlig in Ordnung, einfach zu wohnen.“ Einfach heißt in diesem Fall: Eine Dusche, die sich die zehn mit drei Restauratoren aus Ungarn teilen. Plus ein Plumpsklo im Garten für alle.


Dieter Heil, 50, ist Parkettlegermeister und Lehrlingswart der Innung Baden-Württemberg Nord. Mit drei Azubis und seinem Innungskollegen Stefan Schweisgut verpasst er dem künftigen Ärztehaus in Radeln einen neuen Linoleumboden.


Als die fünf am Montagmorgen die Treppen der Holzveranda des seit Jahre leerstehenden Hauses hochstiegen, fanden sie bodenlose Räume vor. Statt dessen quoll ihnen braune Schafswolle zwischen nackten Balken entgegen. Bis acht Uhr abends haben sie gestern noch geschuftet, die erste Lage Sperrholzplatten, die den Unterboden bilden werden, ist bereits fertig. Heute, am Tag zwei in Radeln, kommt kreuzweise verklebt die zweite Lage drauf. Und wenn alles gut geht, verlegen die fünf heute auch schon die ersten Meter graublaues Lino.


Kindern mit der eigenen Arbeitskraft helfen

Dass hier ein Team zu Gange ist, erkennt man gleich: Alle aus der Helfergruppe tragen ein schwarzes T-Shirt mit weißem Druck. Vorne steht: „Innung Parkett- und Fußbodentechnik Baden-Württemberg“. Hinten: „Peter Maffay Stiftung, Radeln 2011“. Und auch auf den zweiten Blick ist sofort klar: Ohne viele Worte arbeiten hier alle Hand in Hand. Jeder weiß, was er zu tun hat – egal ob Meister oder Azubi. Alle haben ein gemeinsames Ziel: Ehrenamtlich sind die zehn Parkettleger hier eine Woche vor Ort und helfen, ein Kinderferienheim der Peter Maffay Stiftung aufzubauen.


Dieter Heil war es, der die Idee hatte, nach Radeln zu fahren und dort Material und die eigene Arbeitskraft zu spenden. Inspiriert hat ihn dazu ein Artikel aus der Deutschen Handwerks Zeitung, die über die Aktion "Deutsches Handwerk hilft" von Holzmann Medien berichtete.


Etwa 120 Quadratmeter Linoleum, Oberflächenmaterialien wie Parkettöle sowie Klebstoffe stifteten verschiedene Hersteller. Werkzeuge und Maschinen packten die Handwerker selbst mit ein. Das Geld für Anfahrt und Verpflegung sollte ebenfalls über Spenden zusammenkommen – allerdings reicht das bisher gesammelte Geld dafür nicht aus. „Ich hatte die letzten Wochen schlaflose Nächte“, erzählt Heil. Die Kosten übersteigen die Spenden bisher bei Weitem. Aus finanziellen Gründen die Aktion abzublasen, stand aber nie zur Debatte. „Die Kinder sind halt nun mal das schwächste Glied in unserer Gesellschaft“, sagt Heil. „Als ich den Artikel über das Kinderferienheim gelesen habe, dachte ich sofort: Das wäre toll, wenn auch wir Parkettleger da mithelfen könnten! Also habe ich angerufen und gefragt, ob Bedarf da ist.“ Und ob der da war.


Diese Truppe ist ein Glücksfall

Auf dem Weg zum Haus des Architekten riecht es nach Kuhdung, hinter einem morschen Holzzaun kläfft ein Hund. Drinnen verrät Sebastian Szaktilla bei starkem Kaffee aus Blechbechern, was er von der Einsatztruppe aus Deutschland hält.


„Die Parkettlegergruppe ist für uns ein Glücksfall“, schwärmt der Architekt und Projektleiter des Kinderferienheims. „Eine Gruppe, die hier mit Material und Werkzeug vor Ort erscheint und eine geschlossene Leistung erbringt, ist das Beste, was dieser Aktion passieren kann.“


Wenn die Parkettleger abreisen, sind die Sanierungsarbeiten des Pfarr- und Ärztehauses pünktlich zur Eröffnung des Kinderferienheims abgeschlossen. Die Arbeiten in Radeln seien damit aber längst nicht beendet. In den kommenden Jahren sollen weitere Häuser und Höfe des verfallenen Dorfs nach und nach hergerichtet werden – so ist etwa der Aufbau eines Biobauernhofs und die Sanierung der historischen Kirchenburg geplant. Die Hilfe von engagierten Handwerkern ist weiterhin willkommen.


Der Zwischenschliff im Pfarrhaus fordert Daniel Bauers ganze Konzentration. Der drahtige Junge mit den zerzausten Strähnen kniet auf den etwa 140 Jahre alten Fichtedielen, sein Blick tastet nach kleinen Kratzern und Schleifspuren. Heute ist der Azubi im zweiten Lehrjahr der Mann fürs Feine, die altgedienten Meister arbeiten ihm zu und saugen den Holzstaub weg. Noch am gleichen Abend wird der Dielenboden in diesem Raum, der bald ein Spielzimmer für die Kinder sein wird, in neuem Glanz erstrahlen. Der 23-Jährige ist von der Arbeit begeistert: „Bei uns im Team sind alle gleichberechtigt, das macht echt Spaß und gleichzeitig lerne ich eine Menge. Außerdem macht es mich total stolz, dass wir diese Aktion gemeinsam für die Kinder durchziehen.“


Mit abgelaufenem Pass über die Grenze

Als sich sein Berufschullehrer Ernst Müller, der auch in Radeln mit anpackt, vor die Klasse gestellt hat und fragte, wer mitkommen will, musste Daniel nicht lange überlegen. Weil er rumänische Wurzeln hat, spricht er die Landessprache fast ebenso fließend wie Deutsch. Das kommt der ganzen Gruppe zugute, zum Beispiel beim Einkaufen. Oder wenn es Probleme gibt, wie an der Grenze von Ungarn nach Rumänien. Weil der Pass eines Azubis schon vor zwei Jahren abgelaufen war, wollten ihn die Grenzbeamte erst nicht ins Land lassen. Daniel und sein Azubikollege Cristian Adrian Dumitrache, der 26 Jahre lang in Rumänien gelebt hat, schärften dem Beamten den Zweck ihrer Reise ein. Diskutierten und dolmetschten. Ließen nicht eher locker, bis sich der Grenzbeamte erweichen ließ und alle über die Landesgrenze winkte – ob mit Pass oder ohne.


„Die Aufforderung war ganz klar: Viel Arbeit, wenig Brot, keine Kultur, nur malochen.“ Ernst Müller grinst in die Runde. Als er seine Schüler fragte, wer nach Rumänien mitkommen will, haben sich auf Anhieb fünf Azubis gemeldet. Auch deren Chefs gaben sofort ihre Zustimmung. Für Müller ist es nicht das erste gemeinnützige Projekt, für das er sich engagiert. Gemeinsam mit Berufsschülern hat er im vergangenen Jahr den Fußboden eines „Tafel“-Ladens renoviert, in dem Bedürftige Essen erhalten. Dass er jetzt in Siebenbürgen wieder auf die Hilfe seiner Schüler zählen kann, macht ihn stolz: „Die leisten hier hervorragende Arbeit.“ Er selbst plant schon den nächsten Einsatz. „Wenn die Stiftung in Radeln nächstes Jahr wieder Hilfe braucht, bin ich dabei“, sagt er und blickt ernst über den Rand seiner Brille.


Bei den Dielen hilft nur rausreißen

Aber jetzt brauchen die Parkettleger erst mal selber Hilfe. „Der Zustand der Dielen ist katastrophal, sowas habe ich noch nie gesehen.“ Während Arnold Schmidt das sagt, gräbt sich eine tiefe Furche quer über seine Stirn. Vor ihm klafft im Boden des Pfarrhauses ein Loch von etwa zehn Quadratmetern. An dieser Stelle waren die alten, zum Teil zusammengeleimten Dielen nur noch knapp einen Zentimeter dick. Viel zu dünn, um sie abzuschleifen. Da half nur noch rausreißen.


Ratlosigkeit unter den Parkettlegern, die jetzt zur Untätigkeit verdonnert sind. Zwei starren ungläubig auf das Loch. Schmidt wandert unruhig den Gang auf und ab. Er wartet auf den Architekten. Nur der kann jetzt sagen, wie es weitergeht. Auf Schleifarbeiten waren die Parkettleger vorbereitet. Neue Dielen haben sie aber nicht im Gepäck. Und selbst wenn, könnten sie die jetzt nicht verlegen. Schrauben haben sie nicht mitgebracht und der Klebstoff reicht nur mehr für das Lino im Ärztehaus. Das fehlende Material droht den Zeitplan durcheinanderzuwirbeln. Endlich. Da kommt Sebastian Szaktilla. Binnen Minuten sondiert er die Lage. „Schreibt mir zusammen, was ihr braucht“, fordert er die Truppe auf, „bis spätestens morgen sollte alles hier sein.“ Erleichtertes Aufschnaufen. Schließlich ist man nicht zur Erholung hier.


Luxus: Eine Dusche für 13 Mann

Hinter dem Pfarrhaus flimmert die Luft. Auf dem Feldweg zum Dorfbrunnen wirbeln Pferdehufe die Steine auf. Der Braune zieht einen mit Heuballen beladenen Holzwagen hinter sich her, darauf ein junger Mann, nur mit Jeans und Sonnenbrille bekleidet. „Wir tun was wir können, aber das hier ist Rumänien.“ Sebastian Szaktilla lebt zwei Tage die Woche in dem Dorf, das hauptsächlich von Sinti und Roma bewohnt wird. Hier sagt man Zigeuner. Er weiß, dass man für viele Dinge deutlich mehr Geduld braucht, als in Deutschland. Das hat nicht unbedingt nur mit überbordender deutscher Tüchtigkeit zu tun. Sondern ist vor allem auch eine Geldfrage. Wer in Radeln wohnt, muss das Wort Luxus neu definieren. So mag sich eine Dusche für 13 Mann wenig anhören. Aber die Unterkunft der Handwerker ist bisher das einzige Haus, das überhaupt eine Dusche besitzt.


Mittagspause. Katie serviert das Essen. Die blonde Mitvierzigjährige wohnt seit Geburt hier im Dorf. Sie ist eine Nachfahrin der wenigen verbliebenen Siebenbürger Sachsen, die Radeln, auf rumänisch „Roades“, dereinst gründeten. Heute gibt es gesäuerte Suppe mit Fleischklößen und Nudeln. Die Parkettleger aus Baden-Württemberg und der Architekt sitzen an einem langgezogenen Holztisch. In der Ecke des Raums zieht die Feuchte an den Wänden hoch. In das Klappern der Löffel hinein erzählt Szaktilla etwas zur Geschichte des Dorfs. Von der Gründung vor 850 Jahren. Von der Kirchenburg aus dem 14. Jahrhundert, die die Bewohner vor den Angriffen der Osmanen bewahrte. Und von dem Weggang der Siebenbürger Sachsen vor etwa 20 Jahren.


„Mit dem was wir hier tun, wollen wir auch etwas von der alten Pracht des Dorfs zurückholen“, berichtet er. Als ihm die Parkettleger von der Misere mit den nassen Matrazen erzählen, zieht er die Augenbrauen zusammen. So hatte er sich die Ankunft der Handwerker nicht vorgestellt. „Ich kann euch anbieten, dass wir zur Entschädigung heute Abend grillen“, ruft er in die Runde. Zustimmendes Nicken. „Schwamm drüber“, sagt Heil später, „solche Erlebnisse schweißen zusammen.“ Elisabeth Göpel

elisabeth.goepel@holzmann-medien.de


Mehr Impressionen in der bwd-Bildergalerie>>