Vier Mädels entschieden sich dafür, am Girls'Day 2015 die Arbeit des Parkettlegers näher kennenzulernen. Sie erhielten Einblicke in eine Arbeitswelt, in der Frauen bisher noch unterrepräsentiert sind und zeigten ihr handwerkliches Geschick. Von Jessica Baker
„So, wer ist die erste? Nur keine Angst, es ist einfacher als es aussieht.“ Die zwölfjährige Vanessa Beeh meldet sich. Sie läuft rüber zur Hummel, schaltet die Maschine ein und schiebt das ratternde Gerät vorsichtig, aber gleichmäßig übers Parkett. Nach den ersten skeptischen Sekunden hellt sich ihr Gesicht auf und sie lenkt die Schleifmaschine über die kleine Übungsfläche im Trainingsraum der Firma Lägler. Danach sind das Handschleifgerät und die Trio dran. Wie die wohl funktionieren?
Vanessa ist eine von vier Teilnehmerinnen am Girls'Day Projekt des Parkettlegerbetriebs von Ingrid und Markus Rathgeber aus Kusterdingen-Mähringen. Die beiden haben die Mädchen am 23. April mit zur Firma Lägler nach Güglingen-Frauenzimmern genommen, wo sie ihre Schleifmaschinen beziehen. Dort lernten die Teilnehmerinnen an einem Tag nicht nur die Firma kennen, sondern erhielten auch praktische Einblicke in die Arbeit eines Parkettlegers. Das Schleiftraining am Nachmittag war das Highlight des Programms.
Parkettlegen ist nicht nur was für Männer
„Wir haben bereits im letzten Jahr einen Girls'Day bei uns im Betrieb durchgeführt. Wir möchten zeigen, dass Parkettlegen nicht nur was für Männer ist. Unsere Branche wird von Männern dominiert und manche meinen, dass Frauen für den Job nicht geeignet sind. Das sehen wir anders“, erklärt Ingrid Rathgeber. Letztes Jahr seien die Mädchen begeistert gewesen von der praktischen Arbeitserfahrung. Dieses Jahr wollten die Rathgebers den Mädchen mit dem Schleiftraining etwas Neues anbieten.
Doch bevor die Schülerinnen ihr handwerkliches Geschick zeigen durften, war etwas theoretischer Input gefragt. Roland Schleif, Verkaufsleiter bei Lägler für Deutschland und Österreich erklärte, was es mit den Schleifmaschinen und den Schleifpapieren auf sich hat. So können zum Beispiel die Schleifkörner aus unterschiedlichen Materialien bestehen. Mit einer kleinen Skizze verdeutlicht er die Struktur von Korund im Vergleich zu Zirkonkorund: „Zirkon hat den Vorteil, dass beim Schleifen immer neue Bruchkanten entstehen. Das ist wie ein selbstschärfender Effekt und macht das Schleifpapier viel effektiver.“
„Schleiftraining hat uns neugierig gemacht.“
Vanessa und ihre „Kolleginnen“ Lina Dittus, Lilian Breuer und Xenia Kley lauschen aufmerksam dem kurzweiligen Vortrag und ertasten die verschiedenen Strukturen der runden Schleifpapiere, die ihnen der Dozent als Musterstücke reicht. Dass die vier beim Parkettschleifen gelandet sind, ist kein Zufall. Sie haben sich gezielt bei den Rathgebers für das Projekt beworben. Obwohl die Schülerinnen noch etwas Zeit haben, bis sie sich für einen Beruf entscheiden müssen - sie sind zwischen 11 und 13 Jahren alt -, versuchen sie schon früh ihre Interessen herauszufinden. „Lina, Lilian und ich, wir saßen zu dritt vor dem PC und haben nach einer Aktion am Girls'Day gesucht. Den Beruf Parkettleger kannten wir nicht und das Schleiftraining hat uns neugierig gemacht“, erklärt Vanessa.
Für die Mädels ist es der erste Girls'Day. Dieser deutschlandweite Aktionstag wird seit 2001 veranstaltet, um Mädchen technische und naturwissenschaftliche Berufe näher zu bringen. Teilnehmen können alle Schülerinnen ab der fünften Klasse. Betrieben, die sich im kommenden Jahr auch beteiligen möchten, rät Rathgeber, den Tag möglichst praxisorientiert zu gestalten. Je kleiner der Betrieb und je praktischer die Arbeit, desto mehr Spaß hätten die Mädchen. „Es lohnt sich etwas Zeit und Geld in die Hand zu nehmen, um unseren Beruf den Schülerinnen näher zu bringen“, sagt Rathgeber.

Wunsch: Mädchen als Azubi
Die vier jungen Schülerinnen sind mittlerweile mit ihrem Leiter in der Werkshalle angekommen. Sie laufen an riesigen Stanzmaschinen, hohen Regalen mit Werkzeug, Arbeitsplätzen mit Metallrohlingen und fertigen Schleifmaschinen vorbei.
Lägler bietet zu den einzelnen Produkten auch Seminare an, damit die Parkettleger lernen, wie sie die Maschinen richtig bedienen. Der praktische Teil erfolgt dann im Übungsraum neben den Werkshallen. Dort testen auch die vier Schülerinnen ihr Geschick beim Schleifen.
Ingrid Rathgeber schaut den Mädchen aufmerksam zu und motiviert sie: „Parkettschleifen, das kann jede Frau. Auf die Technik kommt es an.“ Ihr liegt die Arbeit mit den Schülerinnen sehr am Herzen: „Mein größter Wunsch wäre es, mal ein Mädchen als Azubi zu haben.“
Ob eine der vier Schülerinnen später Parkettlegerin wird, das wissen sie nach dem Tag noch nicht. Ihr Fazit fällt dementsprechend zurückhaltend, aber positiv aus. „Das Schleifen war cool. Das Arbeiten mit der Trio fand ich am einfachsten“, sagt Lina. „Ich fand es aufregend, aber auch schwierig, die Maschine dahin zu fahren, wohin ich will“, meint Lilian.
Um den Mädchen zu zeigen, dass das Parkettlgerhandwerk noch viel mehr beinhaltet als Schleifen, haben alle vereinbart, sich im Sommer nochmals zu treffen. Diesmal zum Parkettverlegen. Vielleicht springt dann der Funke bei einer Teilnehmerin über. Ingrid Rathgeber würde sich freuen.
