Teamzusammenstellung entscheidet laut Tobias Schweinsteiger mehr über dauerhaften Erfolg als individuelle Klasse. Der Ex-Profi und langjährige Trainer erklärt, welche drei Rollen jedes dauerhaft erfolgreiche Team braucht – Führungsspieler, Arbeiter und Individualisten –, wie die Faustregel 25-55-20 auch in einer Fünfergruppe funktioniert und was eine zugesperrte Kabinenküche in Osnabrück damit zu tun hat. Mit konkretem Rat für kleine Betriebe.
Was unterscheidet Mannschaften, die einmal einen Titel holen und dann wieder in der Versenkung verschwinden, von solchen, die über Jahre konstant gewinnen? Für Tobias Schweinsteiger – Ex-Profi, langjähriger Trainer und heute TV-Experte und Unternehmer – liegt die Antwort weniger in der individuellen Klasse als in der Teamzusammenstellung. In seinem Vortrag zum Thema "Serial Winning Teams" skizziert er ein Rollenmodell, das sich von der Fußballkabine auf Betriebe und Abteilungen übertragen lässt.
Erfolg, der geplant wurde: Die Basketball-Weltmeister von 2023
Als Einstiegsbeispiel wählt Schweinsteiger bewusst keine Fußballmannschaft, sondern die deutschen Basketball-Weltmeister von 2023 unter Trainer Gordon Herbert. Für ihn ist das Team "eigentlich ein Musterbeispiel, in dem Erfolg geplant wurde". Die Entwicklung sei darauf ausgerichtet gewesen, nicht die individuell beste Mannschaft zu nominieren, sondern viele Spieler über einen langen Zeitraum zusammenzuhalten – ohne bei schwächeren Phasen einzelner sofort auszutauschen. "Diese Teamdynamik wurde in den Vordergrund gestellt", so Schweinsteiger.
Vom Skirennfahrer zum Aufstiegstrainer: Schweinsteigers eigener Weg
Schweinsteigers eigener Weg ist ungewöhnlich: Bis zu seinem 20. Lebensjahr war er hauptsächlich alpiner Skirennfahrer, bestritt bei der Junioren-Weltmeisterschaft alle vier Disziplinen und absolvierte eine Polizeiausbildung. Erst danach begann er in der Bezirksliga mit Fußball, arbeitete sich bis in die dritte und zweite Liga hoch und war elf Jahre Profi – zuletzt als Führungsspieler bei der zweiten Mannschaft des FC Bayern München. Es folgten zehn Jahre als Trainer, unter anderem in der Bayern-U17, als Co-Trainer beim HSV und in Nürnberg sowie als Cheftrainer in Osnabrück, wo er die auf Platz 16 übernommene Mannschaft zum Aufstieg führte.
Drei Rollen, ein Ziel: Führungsspieler, Arbeiter und Individualisten
Kern des Vortrags ist eine einfache Typologie. Jedes erfolgreiche Team besteht laut Schweinsteiger aus drei festen Rollenzuweisungen:
- Führungsspieler, die Weg und Ziel vorgeben,
- Arbeiter, die das Rückgrat bilden,
- Individualisten, die "diese letzten entscheidenden Prozent rauskitzeln".
Als Referenzbild dient ihm die Champions-League-Siegermannschaft des FC Bayern von 2013 – ein Team, das im Jahr zuvor noch wichtige Endspiele verloren hatte. "Eine Mannschaft, die eigentlich schon bei 98, 99 Prozent war und dann aber die 100 gebraucht hat, um das Triple zu gewinnen." Der Unterschied habe nicht in der fußballerischen Qualität gelegen, sondern in der Rollenverteilung.
| Rolle | Kennzeichen laut Schweinsteiger | Beispiele aus dem Vortrag | Entwicklung der Rolle |
| Führungsspieler | Geben Weg und Ziel vor; prägen das Teamklima in jedem Moment; Ansprechpartner für den Trainer; lösen kritische Momente selbst; müssen sich die Rolle über ihre Arbeitseinstellung verdienen | Sergio Ramos; Neuer, Lahm, Schweinsteiger (Triple 2013) | Extern kaum zu bekommen – intern Raum schaffen; können in die Arbeiterrolle zurücktreten (Alaba, Pippen) |
| Arbeiter | „Das Wir deutlich vor dem Ich“; sich keiner Aufgabe zu schade; das Rückgrat jedes Teams | Casemiro; Mandžukić, Javi Martínez; Alaba, Boateng, Müller (Triple 2013) | Können zu Führungsspielern wachsen (Thomas Müller) |
| Individualisten | Freigeister mit Flair und Kreativität; entscheiden Spiele; haben vor nichts Angst; „das Ich vor dem Wir. Immer.“ | Cristiano Ronaldo, Toni Kroos; Robben, Ribéry (Triple 2013) | Werden nie Führungspersönlichkeit, auch nicht mit Kapitänsbinde |
Führungsspieler: Kritische Momente meistern
Ohne Führungspersönlichkeiten gebe es „keinen Weg, kein Ziel“, sagt Schweinsteiger. Sie beeinflussten das Teamklima in jedem Moment – ist die Laune der Leitfiguren schlecht, merken es alle anderen. Für den Trainer seien sie zudem die wichtigsten Zugänge zur Gruppe: „Wenn du einen Zugriff auf eine Gruppe haben willst, brauchst du einfach zwei oder drei Ansprechpartner.“
Besonders deutlich werde ihr Wert in kritischen Momenten. Als Beispiel nennt er das Champions-League-Finale 2013 in Wembley: In der ersten halben Stunde habe Dortmund dominiert, Trainer Jupp Heynckes habe von außen keinen Einfluss nehmen können. „Die beiden haben das Spiel verändert“, so Schweinsteiger über die Führungsspieler auf dem Feld. Seine Schlussfolgerung für Unternehmen: „Wenn du es schaffst, dass die Gruppe Sachen selber lösen kann, bist du schon mal halb aus dem Schneider.“
Als Paradebeispiel zeigt er Sergio Ramos im Finale gegen Atlético Madrid: Beim Eckball in der Nachspielzeit habe Ramos seinen Mitspielern angekündigt, den Ball einzuköpfen – und es getan. Entscheidend sei die Wirkung auf die anderen gewesen, die mit völlig anderer Dynamik in ihre Zweikämpfe gegangen seien.
Führung muss man sich verdienen
Führungspersönlichkeiten müssten sich ihre Rolle allerdings auch verdienen: „Du bist keine Führungspersönlichkeit, wenn du diese Arbeitseinstellung nicht hast. Du kannst reden, reden, reden, aber du brauchst auch eine Arbeitseinstellung.“ Weil Führungspersönlichkeiten extern kaum zu bekommen seien, rät er, intern Raum zu schaffen. In Osnabrück nahm er dafür einer Vereinslegende die Kapitänsrolle, damit ein anderer Spieler hineinwachsen konnte.
Arbeiter: Das Rückgrat jedes Teams
Arbeiter stellten „das Wir deutlich vor dem Ich“ und seien sich keiner Aufgabe zu schade – etwa die herrenlose Kaffeetasse auf dem Weg in die Küche mitzunehmen. Genau das mache sie wertvoller, als man zunächst denke. Der Brasilianer Casemiro sei dafür ein typischer Vertreter: mehrfacher Champions-League-Sieger, aber „egal wo der hingeht, es ist ein Arbeiter“. Auch mit Kapitänsbinde werde er kein Führungsspieler.
Wie viel Clubs bereit sind, für diese Rolle auszugeben, zeige der FC Bayern: Mario Mandžukić kam laut Schweinsteiger für eine damals extrem hohe Millionen-Summe aus Wolfsburg, Javi Martínez für circa 40 Millionen Euro aus Bilbao – beide klassische Arbeiter. Mandžukić habe zwar nur halb so viele Tore geschossen wie sein Vorgänger Mario Gomez, sei aber „für den Teamerfolg deutlich wichtiger“ gewesen. Dass Bayern nach den verlorenen Finals 2012 gezielt in fehlende Arbeiter investierte, hält Schweinsteiger für „einen der smartesten Moves, die Bayern München die letzten 30 Jahre gemacht hat“.
Individualisten: Das Ich vor dem Wir
Ganz anders die Individualisten: Freigeister mit Flair und Kreativität, „für die ein Viereck rund ist“. Sie entscheiden Spiele, haben vor nichts Angst und treten jeden Freistoß – auch nach hundert Fehlschüssen. Doch für sie gilt: „Beim Individualisten heißt es immer das Ich vor dem Wir. Immer.“ Deshalb werde ein Individualist auch nie Führungspersönlichkeit, selbst mit Kapitänsbinde.
Cristiano Ronaldo sei dafür ebenso ein Beispiel wie Toni Kroos – ein ruhiger, aber „absoluter Individualist“, der sein Ding mit enormer Qualität mache.
Nur mit Individualisten funktioniert es nicht
Paris Saint-Germain habe es mit Messi, Neymar und Mbappé versucht und erst nach einem Umbau mit weniger Individualisten, mehr Führungsspielern und mehr Arbeitern den großen Erfolg gehabt. Und wer sich trotz Qualität nicht ins Gefüge einfügen lässt, müsse ausgewechselt werden.
Wie Integration gelingen kann, zeigt die Geschichte von Arjen Robben und Franck Ribéry, die sich anfangs kein Tor gegönnt hätten. Führungsspieler hätten beiden nacheinander vorgeführt, wie das Stadion jubelt, wenn der jeweils andere nach hinten arbeitet. „Und dann hat das so eine Eigendynamik bekommen“, erzählt Schweinsteiger: Beide holten sich fortan auch defensiv ihren Applaus – und das Team kassierte weniger Gegentore.
Die Küche von Osnabrück: Das Rollenmodell im Alltag
Dass das Modell auch im Alltag greift, illustriert Schweinsteiger mit einer Anekdote. In Osnabrück waren Küchen- und Materialdienst in Zweiergruppen organisiert – mit stets wechselnden Problemen: Zwei Arbeiter erledigten alles, zwei Individualisten nichts, bei gemischten Paaren gab es Streit. Zwei Spieltage vor der Winterpause ließ er die Küche kurzerhand zusperren.
In der Winterpause wurde auf einen Wochendienst mit fünf Spielern umgestellt – groß genug, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Führungsspieler, Arbeiter und Individualist vertreten sind. Das Ergebnis: eine stets saubere Kabine, harmonischere Gruppen und sportlicher Erfolg in der Rückrunde.
Die Formel 25 – 55 – 20: Faustregel für die Teamzusammenstellung
Als Faustregel nennt Schweinsteiger eine Verteilung von 25 Prozent Führungsspielern, 55 Prozent Arbeitern und 20 Prozent Individualisten. In einer Fünfergruppe bedeutet das: ein Führungsspieler, drei Arbeiter, ein Individualist. Zwei Individualisten in einer Fünfergruppe seien „grenzwertig“ – dann brauche es einen Regulator von außen.
Die Triple-Mannschaft von 2013 bestätigt das Muster nahezu exakt: sechs Arbeiter (u. a. Alaba, Boateng, Müller, Martínez), drei Führungsspieler (Neuer, Lahm, Schweinsteiger) und zwei Individualisten (Robben, Ribéry).
| Rolle | Faustregel | Fünfergruppe | Triple-Mannschaft 2013 |
| Führungsspieler | 25 Prozent | 1 | 3 (Neuer, Lahm, Schweinsteiger) |
| Arbeiter | 55 Prozent | 3 | 6 (u. a. Alaba, Boateng, Müller, Martínez) |
| Individualisten | 20 Prozent | 1 | 2 (Robben, Ribéry) |
Rollen sind nicht statisch
Wichtig sei dabei, dass Rollen nicht statisch sind. Führungsspieler könnten in die Arbeiterrolle zurücktreten, wenn der Führungsraum besetzt ist – David Alaba sei bei Bayern Arbeiter, in Österreichs Nationalteam Führungsspieler. Ebenso Scottie Pippen bei den Chicago Bulls, der neben Michael Jordan die Arbeiterrolle einnahm und in dessen Abwesenheit zur Führungspersönlichkeit wurde.
Arbeiter wie Thomas Müller können zu Führungsspielern wachsen. „Das ist beim Individualisten gar nicht der Fall.“
Was kleine Teams aus der Teamzusammenstellung mitnehmen
In der anschließenden Diskussion ging es um die Übertragung auf Betriebe mit nur wenigen Mitarbeitenden. Schweinsteigers Rat: Einen Individualisten immer mit einer starken Führungspersönlichkeit kombinieren – „Arbeiter und Individualisten werden nicht matchen“. In kleinen Firmen müsse der Chef die Führungsrolle meist selbst ausfüllen.
Für den Umgang mit Individualisten empfiehlt er viel Betreuung und eine wertschätzende Herangehensweise: „Ich habe nie eine Videoanalyse mit einem Individualisten gemacht, wo ich anfange und ihm seine Fehler zeige.“ Stattdessen setze er auf die sozialen Bindungen im Team – etwa den Hinweis, dass der beste Kumpel wegen eines Fehlers hinterhersprinten muss. Denn auch Individualisten wollen gesehen und von ihren Freunden gemocht werden.
Checkliste: Das Rollenmodell im kleinen Betrieb
- Einen Individualisten immer mit einer starken Führungspersönlichkeit kombinieren
- Arbeiter und Individualisten nicht ohne Führung zusammenspannen – sie „werden nicht matchen“
- In kleinen Firmen die Führungsrolle als Chef meist selbst ausfüllen
- Zwei Individualisten in einer Fünfergruppe: Regulator von außen einplanen
- Gruppen so groß bilden, dass Führungsspieler, Arbeiter und Individualist vertreten sind – wie beim Wochendienst mit fünf Spielern in Osnabrück
- Individualisten eng betreuen und wertschätzend führen, keine Fehlerschau per Videoanalyse
- Die sozialen Bindungen im Team nutzen
- Führungspersönlichkeiten intern entwickeln und dafür Raum schaffen
- Den Wert und das Potenzial der Arbeiter erkennen
Fazit: Die Balance aus drei Rollen ist unverzichtbar
Drei Punkte bleiben als Essenz: Teamzusammenhalt und Teamzusammenstellung sind entscheidend für langfristigen Erfolg, starke Führung entsteht über die Qualität der Führungspersönlichkeiten – und die Balance aus allen drei Rollen ist unverzichtbar. Oder in Schweinsteigers Worten: Man solle den Wert in einem Arbeiter erkennen „und auch das Potenzial in einem Arbeiter, eine Führungspersönlichkeit zu werden“.

