60 Jahre Spiegelbild der Fußbodenbranche. Ein Rückblick von Walter Pitt. Welche Produkte prägten die Bodenbelagsbranche? Welche Entwicklungen nahmen Handwerk, Handel und Industrie seit Mitte des 20. Jahrhunderts? Worin lagen die jeweiligen Herausforderungen für die Marktteilnehmer und wo stehen wir heute?
1954 – Das Wunder von Bern mit dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft schreibt mehr als nur deutsche Sportgeschichte, die Besatzungszeit ist zu Ende, West-Berlins Sicherheit wird garantiert, Deutschland tritt der Nato bei und begrüßt nach langer Zeit wieder zahlreiche ausländische Politiker und Staatsgäste. „Man ist wieder wer.“ Die Schlote rauchen, die Wirtschaft floriert, gleichzeitig ist der Bauboom der Nachkriegsjahre in vollem Gange.
In diese Zeit hineingeboren wird boden wand decke, genauer gesagt damals noch boden und decke als „Fachzeitschrift und Offertenblatt“ für Planung und Ausführung, wie sie sich damals vorstellte. Versandstandort ist Bad Wörishofen. Die Zeitschrift erscheint am 15. jeden Monats, kostet zwei Mark (zuzüglich drei Doppelpfennig Postzustellgebühr), kann durch alle Postämter bezogen werden und verfügt lt. Impressum damals über Vertretungen in London, Paris, Oslo, Stockholm, Zürich, Luxemburg, Wien und Helsinki. Thematisiert werden Bodenbeläge wie die Klassiker Parkett und Linoleum, aber auch Steinholz, Stragula, Asbest-Tiles, Schichtpressplatten, Spachtelböden oder Gussbeläge aus Asphalt.
Aber das ist nur ein Aspekt. Der soziale Wohnungsbau treibt die Konjunktur an und grundsätzliche Baufragen jener Zeit wie Schallschutz und Wärmedämmung stehen über allem. Nicht nur schalltechnische Begriffe und Probleme im Zusammenhang mit Fußböden, sondern ganz grundsätzliche Aufbauempfehlungen von Decken, Zwischen- und Trennwänden oder gar des kompletten Geschosswohnungsbaus werden ingenieurgemäß abgehandelt. Der Fußboden bleibt aber im Fokus.
Schwimmende Estriche mit all ihren Konstruktionsprinzipien und Anfangsproblemen sind Themen der Zeit wie der Wandel vom Stab- zum Mosaikparkett, vom Wachs zur Versiegelung oder vom traditionellen Linoleum zu modernen Kunststoffböden. Genau in diesem spannenden „Experimentierfeld Boden und Decke“ setzt die neue Fachzeitschrift aus dem Allgäu an, mit fundierten und sehr detaillierten Berichten von Wissenschaftlern, Ingenieuren, Chemikern, Architekten, Bauexperten oder ausgewiesenen Fachleuten aus der Industrie sowie eigenen Redakteuren, die das Metier technisch und fachjournalistisch perfekt beherrschen.
Zu schade für den Papierkorb
Bereits in der 3. Ausgabe kann man von einem erfreulichen „Widerhall“ der „Spezialfachzeitschrift“ berichten und sieht die positive Resonanz seitens der Redaktion als erfreuliches Zeichen dafür, mit dem neuen Medium auf dem rechten Weg zu sein. Die zahlreichen zustimmenden Äußerungen und Bestellungen überraschen die Initiatoren, denn die Leser konstatieren unisono, dass die Zeitschrift für den „Papierkorb zu schade“ ist. Der ausdrückliche redaktionelle Hinweis, dass boden und decke eine Fachzeitschrift ist, deren Bezugsgebühr als steuerlich abzugsfähige Betriebsausgabe verbucht werden kann, ist ein weiteres Benefit, wie man heute sagen würde, aber auch nicht mehr.
bwd weicht in den nachfolgenden 60 Jahren nur wenig vom Prinzip der Anfangszeit ab. Zwar wechselt das Layout dem jeweiligen Anspruch der Zeit folgend, ebenso wie der immer wieder leicht modifizierte Name, das Themenportfolio erlebt ebenfalls Anpassungen, die Schwerpunkte werden unterschiedlich gesetzt, die Ziel- und Produktgruppen variiert, aber eine Gemeinsamkeit zieht sich durch alle Jahre und ist auch bis heute oberste Maxime: Die fachlich fundierte Information steht seit jeher an alleroberster Stelle und das Wohl des Handwerks wird niemals aus den Augen verloren.
Schaut man einmal auf die chronologische Abfolge der richtungsweisenden Beiträge in bwd, spiegelt sich darin sehr unmittelbar die Entwicklung des fußbodenlegenden Handwerks mit allen industriellen Vorgaben und Reaktionen, den technischen Anpassungen bzw. den rechtlichen sowie verbandspolitischen Rahmenbedingungen wider. Zu allen Zeiten wird das Branchengeschehen umfassend und neutral beschrieben und immer wieder mit maßgeblichen Inhalten unterstützt und teilweise sogar wegbereitend begleitet, wobei das Hauptgewicht immer und zu allen Zeiten auf fundierter Anwendungstechnik, denn auf unreflektierter PR liegt.
Die 50er Jahre
Ein Schwerpunkt ist immer auch die Handwerkspolitik. Schon in einer der ersten Ausgaben wird eine Stellungnahme des Deutschen Handwerkskammertages zur Eintragung in die Handwerksrolle veröffentlicht „diejenigen Personen betreffend, die sich mit dem Verlegen von Kunstharzböden beschäftigen“. Hier geht es insbesondere um die gewerbliche Zuordnung der Herstellung von Spachtelböden, wobei im gleichen Zusammenhang die Verlegung des Linoleumbelages als Teiltätigkeit des Polster- oder Dekorateurhandwerks bezeichnet wird und für die Verlegung von „Korkplatten, Linoleumfliesen, Plastikfliesen, Floorasbestplatten oder Marleyplatten keine besonderen darüber hinausgehenden Fertigkeiten“ als erforderlich angesehen werden. Die Parkettverlegung gilt noch als wesentliche Teiltätigkeit des Tischlerhandwerks, wobei allerdings bereits Bestrebungen, die „Parkettlegerei“ als selbständiges Handwerk anzuerkennen, im Gange sind. Dabei haben technische Veränderungen der Produkte, Materialien und Verlegemethoden den Beruf eines Fußbodenlegers immer notwendiger gemacht, weil gerade der Faktor Zeit bei handwerklichen Leistungen im Zuge der kurzfristigeren Fertigstellungstermine immer wichtiger wird, wie Ing. Obleser von den damaligen Pfälzischen Plastikwerken in einem bemerkenswerten Artikel in Ausgabe 1/1956 detailliert erläutert. Er untermauert die Forderung nach einem spezialisierten Fußbodenlegerberuf mit vielen stichhaltigen Argumenten und stellt die Wichtigkeit der Kenntnisse von Zusammenhängen zwischen Untergrundprüfung und Feuchteschäden heraus. „Das Bestreben, vor allem die Trocknungszeiten der Estriche herabzusetzen, führte zur Erfindung von vielen Zusätzen, die sich auch in der Praxis teilweise sehr gut bewährten. Leider ist es eine Tatsache, dass die angegebenen Werte dieser präparierten Estriche nicht immer mit der Praxis übereinstimmen“, bedauert Pegulanexperte Obleser. „Dies mag an den örtlich gewonnen Zuschlagstoffen liegen, aber vielleicht auch an der etwas optimistischen Beurteilung durch den Hersteller. Der Verleger hat nun laut VOB die undankbare Aufgabe, ja sogar die Pflicht, die Brauchbarkeit des Estrichs zu prüfen und daraufhin zu entscheiden, ob nun eine Verlegung erfolgen kann oder nicht.“ Genau dieses Problem der Zusatzmittel thematisiert der Architekt Dipl.-Ing. H. Hanusch in Heft 3/1955 „Schwimmender Estrich mit Zusatzmitteln“ „... diese Zementestriche aufgrund qualifizierter Fachkräfte und qualifizierter Arbeit teurer werden, als sie heute angeboten werden, da Hinz und Kunz meinen, zehn Eimer Sand und ein Eimer Zement ergäben einen erstklassigen schwimmenden Estrich .... Der beliebteste Weg zur Verbesserung des Zementestrichs wird heute vielfach in der lauten Propagierung von Zusatzmitteln gesehen. Klangvolle Phantasiebezeichnungen sollen der überraschten Fachwelt einhämmern, dass das neue Produkt nun kein üblicher Zementestrich mehr mit mannighaften Tücken sei, sondern etwas viel besseres, das noch nie da war. Dieser Estrich heißt dann auch nicht mehr Zementestrich, sondern xyz-Estrich. Solche heute in großer Zahl angepriesenen Wundermittel kommen der menschlichen Schwäche, das Brett dort zu bohren, wo es am dünnsten ist, entgegen …. Die festgestellte Sachunkenntnis ist eine Hauptursache dafür, dass der schwimmende Estrich u.a. zu einem Tummelplatz von Wundermitteln geworden ist.“
Evergreen Feuchtigkeitsprüfung
Der Estrich, dessen Feuchtigkeitsprüfung und die Belegfähigkeit, ist einer dieser Evergreens, zu der Zeit vorgetragen von dem sehr engagierten Dipl.-Ing H. Hanusch oder zum Beispiel auch von Kurt Kretschmer, der für die CM-Prüfung eines Zementestrichs Höchstgehalte von 2,5 bis 3,5 CM-% angibt. Er beschäftigte sich übrigens schon damals mit alternativen Messmethoden bzw. Behelfsprüfungen.
M Durchschlagpapier zusammengeknüllt über Nacht auf den Unterboden legen und mit etwa einem Quadratmeter Belag bedecken. Knistert das Papier am nächsten Morgen, so kann man annehmen, dass der Boden trocken ist.
M Kopierstiftstriche auf den Boden ziehen. Sind diese Striche am nächsten Tag ausgelaufen oder blau verfärbt, so ist der Boden noch feucht.
M Bei alkalischen Unterböden kann eine einprozentige Phenolphtaleinlösung aufgetropft werden. Diese Lösung zeigt, je nach Feuchtigkeitsgehalt, eine stärkere oder schwächere Rotfärbung.
bwd ist schon damals praktischen Tipps gegenüber sehr aufgeschlossen. Diese Aufgeschlossenheit gilt natürlich nicht nur den Entwicklungen der Untergründe, sondern insbesondere auch den Belägen.
Parkett ist deshalb auf dem Vormarsch, weil es dem damaligen Empfinden nach „down gegraded“ wird. So wird dem in der Schweiz entwickelten Mosaikparkett auch in Deutschland sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt und schon 1954 erläutert E. Kuhle in einem sehr fundierten Beitrag die Vorteile der neuen Produktgeneration gegenüber dem bisher vorherrschenden Stabparkett. „Ein Entwicklungsprogramm von vordringlicher Bedeutung“, schreibt damals bwd in weiser Voraussicht, um der Wichtigkeit der neuen Fertigungs- und Verlegetechnik, die seit einiger Zeit von sich reden macht, Nachdruck zu verleihen. Mit den Grundsätzen der Materialintensität (Ausbeute), der Weiterentwicklung technologischer Eigenschaften des Holzes (Reduzierung der Quell- und Schwindeigenschaften der „Verbilligung der Verlegung am Bau“), Argumenten, die später von der Generation der Fertigparketthersteller lediglich mit anderen Worten vorgetragen werden, schafft Mosaikparkett für sich genau die richtigen Voraussetzungen, zu jener Zeit erfolgreich zu sein. Parallel dazu beschäftigt sich Lackspezialist Helmut Sallinger in Heft 2/1954 mit neuen Möglichkeiten der Parkettversiegelung. Er beschreibt, dass ölmodifizierte Kunstharze die sehr pflegeaufwendigen Bohnerwachse Stück für Stück in die Ecke drängen, und weil die Fachzeitschrift sich schon damals nicht mit den Ausführungen eines einzigen Protagonisten zufrieden gibt, werden in der gleichen Ausgabe durch den Luxemburger Spezialisten Bob Frommes noch umfassende Prüfungsergebnisse von Versiegelungstest nachgeschoben.
Doch nicht nur der Parkettboden verändert sich, das gilt insbesondere auch für den Kunststoffboden. Treiber dafür ist der florierende und allseits geförderte soziale Wohnungsbau, aber auch technische „Verbesserungen“. Hätte Dr. Ing. A. Foulon damals schon in die Zukunft schauen können, hätte er nicht 1957 ausgeführt, dass die Fußbodenplatten durch „den Zusatz von Asbestfasern zum Kunststoff Fußbodenbeläge in wesentlich geringerer Dicke hergestellt werden konnten, als dies früher der Fall war“. Das, was hier mit rein technischem Hintergrund und aus heutiger Sicht unbedarft vermittelt wird, gerät später zu einer der größten Herausforderungen der Fußbodenbranche. Asbest ist eines der technischen Wundermittel, die manche Hersteller nach gigantischen Anfangserfolgen später an die Existenzgrenze bringen werden. „Offensichtlich befindet sich das Tuftingverfahren, das in Deutschland erst seit kurzer Zeit und bisher nur durch Außenseiter angewandt wurde, im Durchbruch,“ schreibt bwd in der Septemberausgabe 1959. „In der relativ kurzen Zeit von drei Jahren, seitdem das Tufting in der Bundesrepublik industriell Eingang gefunden hat, hat sich diese Verfahrensart in der Herstellung von textilen Fußbodenbelägen bereits einen beträchtlichen Anteil von 10 bis 15 Prozent gesichert und die Kapazitäten wachsen weiter, auch weil klassische Teppichhersteller dazu übergehen. … In Deutschland gibt es zurzeit drei größere Betriebe. Neben der Tuftex in Hameln sind dies die Tufton in Emsdetten und die vor drei Jahren gegründete Dura Tufting GmbH in Fulda. Letzteres Werk, das heute bereits mit einem jährlichen Umsatz von rund 15 Millionen DM arbeitet, wird in Kürze durch Verdoppelung seiner Kapazitäten zum größten Tufter des europäischen Kontinents werden. Wenn man weiß, dass einer Repräsentativerhebung zufolge heute in der Bundesrepublik rd. 47 Prozent aller Haushaltungen keinen Teppich besitzen, jedoch 4,2 Millionen Haushalte in den nächsten zwei Jahren vorhaben, sich einen solchen zu kaufen“, heißt es in dem Artikel weiter, „kann man sich den Optimismus der deutschen Tufter, der sich vor allem in der Ausweitung ihrer Kapazitäten äußert, recht gut vorstellen.“
Teppichböden sind Ende der 50er Jahre auf dem Vormarsch und bwd ist mittendrin. Dass das auch für „Lino“ gilt, geht aus einer einseitigen DLW-Anzeige im gleichen Heft hervor. „Weit über 150.000 Quadratmeter dieses Traditionsbelages werden demnach in den Wohngebäuden der VW-Stadt Wolfsburg verlegt. Das nach neuesten städtebaulichen Gesichtspunkten geplante Gemeinwesen wird in seiner endgültigen Gestalt 90.000 Einwohner beherbergen.“
In der Folgezeit machen insbesondere die Kunststoffbeläge von sich reden. Schaut man auf die Verbrauchsgraphiken jener Jahre, hat Parkett leichte Zuwächse, Linoleum stagniert, Gummibeläge sind rückläufig, aber Kunststoffböden boomen. 1961 werden von 77,1 Mio. Quadratmeter Bodenbelag 37,9 Mio. Quadratmeter, das sind beachtliche 49,2%, also nahezu die Hälfte, aus Kunststoff produziert. 1957, um Vergleichszahlen zu nennen, waren es noch 13,7 Mio. von insgesamt 48 Mio. Quadratmeter, also erst ein Anteil von 28,5% am Gesamtangebot. Dabei sind die Teppichböden in diesen Statistiken noch gar nicht enthalten.
Die 60er Jahre
Es spielen sich im Markt der Bodenbeläge in diesen Jahren revolutionäre Vorgänge ab und weitere kündigen sich an, heißt es in einer Ausgabe dieser Jahre. Außergewöhnlich ist zum Beispiel der Erfolg der PVC-Beläge und der Vinyl-Asbest-Fliesen, wobei die bis dahin vorherrschenden Asphalt-Tiles zunehmend durch Flexfliesen verdrängt werden. Auch der Vormarsch der PVC- Beläge auf Trägerschicht ist beachtlich. Die „Plastikfilzbeläge“, zunächst vornehmlich aus französischen Produktionen, reiten Anfang der 60er auf einer wahren Erfolgswelle, so dass auch deutsche Hersteller auf dieses Produktsegment aufspringen und im Jahre 1962 bereits 17 Fertigungsstätten vermelden können. 1963 gibt es deren gar 28 in der Bundesrepublik. Und ein weiterer neuer Belag drängt auf den Markt: Der mengenversprechende Nadelfilzbelag.
Anfangs weiß man zwar noch nicht, wie man diese Neuheit einordnen soll und nach Auffassung mancher Hersteller ist sie eine eigene Gattung, die mitten zwischen weichen Teppichböden und harten Bodenbelägen liegt. Bei vielen überwiegt dann doch aber die Meinung, die Zuordnung zum Teppich wäre angemessen. Auch bei dieser Neuentwicklung kommen die ersten Varianten aus dem französischen Nachbarland. Ob der Nadelfilzbelag überhaupt langfristig erfolgreich sein würde, beobachtet man zunächst noch mit einer gesunden Skepsis, denn Teppichböden stehen erst am Anfang ihres Siegeszuges, allerdings mit stark zunehmender Tendenz. Marktübersichten in bwd aus 1961 zeugen von 161 Qualitäten, 1964 sind es 354 (250 inländische und 104 ausländische). Nicht nur innerhalb des gesamten Bodenbelagsmarktes, sondern auch innerhalb des Segmentes der Teppichböden spielen sich in diesen Jahren beachtliche Vorgänge ab, denn auch was das Material angeht, ist ein „massiver Vorstoß der synthetischen Chemiefasern wie Dupont 501 und Allyn 707 zu verzeichnen“, heißt es in einem bwd- Blick auf die ferigungstechnischen Entwicklungen.
Für diejenigen, die die Produkte auf den Boden bringen sollen, gibt es ebenfalls neue Herausforderungen. Die Bodenleger müssen nicht nur ihr Handwerk beherrschen, sondern sie müssen die Produktvielfalt kennen, die sie ihrem Kunden empfehlen können. Kaufmännisches Geschick und Verhalten gewinnt zunehmend an Bedeutung. Unerlässlich ist in diesem Zusammenhang auch die Anforderung an die Hersteller, über die Eigenschaften und Anwendungsgebiete ihrer Beläge dem Verarbeiter sachliche Informationen zu liefern, und zwar über die „große Werbung in der Öffentlichkeit“ hinaus. Die ist in der Tat außergewöhnlich im Verhältnis zu dem, was man zu dem Zeitpunkt von anderen Belägen kennt. So wirbt zum Beispiel das Redaktionsurgestein von bwd, Wolfgang Hart, damals noch in der Industrie tätig und später weit über 40 Jahre für das bwd aktiv, 1963 ganzseitig für die Vorzüge von DLW-Linoleum im Politmagazin „Der Spiegel“.
Derartige Maßnahmen der kapitalkräftigen Bodenbelagsindustrie beklagt insbesondere die schon damals durch Zurückhaltung gekennzeichnete Parkettbranche. Die Teppichbodenprotagonisten nutzen die ganze Bandbreite ihrer Möglichkeiten. In bwd 2/1963 erscheint ein Beitrag von Ernst Butenand, in dem der Autor eine Klassifizierung der Böden nach dem Verwendungszweck fordert. Er erläutert in der Sprache jener Zeit die Vorzüge der neuen Belagsgeneration: „Um wieviel geselliger wirkt eine Sitzgruppe, wenn sie auf einem Teppich steht. Ein Teppichboden vermittelt das Gefühl des Geborgenseins. Je nach Farbe kann sogar eine festliche Atmosphäre geschaffen werden. Die Gehgeräusche werden gedämpft. Man kann sagen, dass vom Teppichboden eine positive psychologische Wirkung ausgeht, die ihn zu einer marktfreundlichen Ware macht und, und, und ….“ Butenandt macht allerdings auch zwei Defizite aus. Die in den Augen der Verbraucher vorhandene Skepsis der mangelnden Hygiene, die mit Überzeugungsarbeit allerdings ausgeräumt werden könne, und die Lebensdauer. Gerade dafür wäre eine Klassifizierung die richtige Maßnahme, denn wenn der richtige Teppich am richtigen Ort liege, wäre das Wagnis der Verlegung im Hinblick auf seine Dauerhaftigkeit wesentlich geringer. Vorausschauend wurden vier Gruppen von leichter bis mittlerer zu schwerer und schwerster Beanspruchung in dieser Arbeit empfohlen.
Bodenleger-Pfuscher-Ausgleichskasse
Das Thema Schall- und Wärmeschutz durch Teppichböden wird ebenfalls in vielen Veröffentlichungen behandelt. Schon in der Februarausgabe spricht Dipl.-Ing Hans W. Bobran 1962 von den erheblichen Vorteilen des Teppichbodens, was die Minderung des Gehschalls anbelangt, ein Begriff, der erst im Zuge des störenden Laminatsounds über 40 Jahre später wieder in die Ohren der Branche dringt.
Die neuen Belagsarten verlangen neue Normen und Vorschriften. So berichtet Dipl.-Volkswirt Dietrich Wentz ebenfalls im Februar 1962, dass die DIN 18365 Bodenbelagsarbeiten kurz vor der Veröffentlichung steht. Erstmals liegt damit ein Werk vor, dass von DIN-Normen zur Prüfung von Bodenbelägen und RAL-Registrierungen von Gütebestimmungen für die einzelnen Belagsarten bis hin zu technischen Ausführungsbestimmungen für Aufträge nach VOB reicht. Die Grundlagen dieser Norm in die Köpfe der bodenlegenden Fachzeitschriftenleserschaft zu bringen, übernimmt der damalige Präsident des Bundesverbandes des Bodenlegerhandwerks e. V. (BVB) Erich Rosenbaum mit einer ausführlichen Serie zur „VOB und Bodenlegerpraxis“, die 1968 in bwd läuft.
Rosenbaum ist schon damals die Triebfeder, die den Bodenlegern auf dem Wege zur Anerkennung als Vollhandwerker den notwendigen Schwung verleiten soll. So schreibt er in einem Leitartikel im September 1966: „Das Bodenlegen kann von jedem, der etwas oder vielleicht auch gar nichts davon versteht, betrieben werden. Dass es im Grunde aber eine handwerkliche Tätigkeit ist, wer möchte das bestreiten.
Die allgemeinen technischen Vorschriften der DIN 18365 Bodenbelagsarbeiten verlangen vom Verarbeiter die gleichen Voraussetzungen im Hinblick auf Umfang, Genauigkeit, Wissen und Erfahrungen, wie das bei den anderen Fußboden-Vollhandwerkern der Fall ist. Ob Estrichleger, Parkettleger, Raumausstatter oder Maler, sie sitzen alle in einem Boot. Solange es möglich ist, das Bodenlegen wild zu betreiben, solange zahlen alle – ob Industrie, Handel oder Handwerk und natürlich auch die Verbraucher – in ein und dieselbe Bodenleger- Pfuscher-Ausgleichskasse.“ Für eine Neuordnung im gesamten Bereich des Fußboden-Handwerks zu sorgen, sollte deshalb das Anliegen und auch die Verpflichtung aller Beteiligten sein, setzt sich Rosenbaum damals wie in den folgenden Jahrzehnten vehement für die Anerkennung des Bodenlegerhandwerks ein.
Schubfeste Parkettverlegung und Estriche ist ein branchenübergreifendes Thema, das die gesamten 60er Jahre bewegt. Die spannungsübertragende Verklebung des hygroskopischen Parkettholzes mit seinen riesigen Kräften direkt auf den Estrich stellt den Estrichhersteller vor Probleme, die er bisher bei anderen Belägen gar nicht oder doch nur in ganz in unbedeutendem Maße kennengelernt hatte. Obering. Wilhelm Schütze fordert in bwd 9/1963 Estrichleger und Parketthandwerker sollten sich nicht streiten, sondern verständigen.
Das ist nicht ganz einfach, denn man hat in jenen Jahren zunächst sehr eifrig über die grundsätzliche Eignung schwimmender Estrichkonstruktionen diskutiert, die im Zuge immer weiter verbesserten Wärme- und Schallschutzmaßnahmen in den Gebäuden an Bedeutung gewinnen. Letztlich steht auch die Qualität in der Kritik, vor allem seitens des Parketthandwerks, die die zu schwache Oberflächenfestigkeit moniert. Es gibt zahlreiche gerichtliche Auseinandersetzungen, die letztlich in dem sogenannten „Kieler Prozess“ enden. Der bekannte Holzforscher Prof. Dr. Keylwerth hält auf der Mitgliederversammlung des deutschen Parketthandwerks im Februar 1968 ein richtungsweisendes Referat, in dem er nachweist, dass nach seinen Untersuchungen die gefundenen Werte der freien ungehinderten Quellung und nicht der schubfesten Verklebung entsprechen. Damit steht fest: „Das Quell- und Schwindverhalten beansprucht den Estrich nicht in dem Maße, wie von der Unterbodenfraktion vermutet.“ All dieses ist im April 1968 in bwd nachzulesen, wobei man allerdings zugestehen muss, dass das Thema Parkett zu dieser Zeit nicht die Seiten der Zeitschrift füllt.
Die Berichterstattung steht eindeutig im Zeichen der Teppichböden und der Ausweitung der Produktionskapazitäten. Tendenzen aus diesem Segment: Getuftete Ware ist auf der Überholspur genauso wie Rollenware. Vollsynthetische Produkte übertreffen diejenigen auf Jutegewebe, die Farben werden heller, neue bedruckte Muster kommen auf und der Glatt- und Kompaktschaumrücken macht sich zunehmend breit.
Auch die redaktionelle Herangehensweise an Themen ändert sich in bwd zu dieser Zeit. Es geht nicht mehr um grundsätzliche Dinge wie Schall, Wärme und Oberflächenfestigkeiten, sondern ganz konkret um Beläge, Kleber oder Maschinen. Definitionen und grundsätzliche Klarstellungen in Beiträgen wie einem Fußboden-ABC machen einen beträchtlichen Teil des Redaktionsvolumens in jenen Jahren aus. Das informative Thema Schadensfälle nimmt in der Zeitschrift zu. Auch hier steht der umtriebige Rosenbaum für fachlich fundierte Informationen rund um das Fußbodenlegergewerk. „Typische Verlegefehler“ heißt die Serie, die im November 1966 ihren Anfang macht und in verschiedensten Facetten bis heute fortgesetzt wird. Was noch auffällt: Endlich werden in der Zeitschrift Gesichter gezeigt, was bis dato zugunsten sachlicher Information über technische Zusammenhänge eher verpönt ist. Lediglich bei Todesfällen erscheint einmal ein Bild des Betroffenen. bwd wird bunter. „So verkauft man Bodenbeläge“, „Varianten der Teppichpräsentation“, „Verkaufshilfen“, „Definitionen von Zielgruppen“ lauten die Themen. Die Unternehmen haben gute Jahre hinter sich. Es wird verlegt, verlegt und verlegt. Die Objekte weisen bisweilen gigantische Größenordnungen auf. Die baulichen Strukturen und Lagerkapazitäten reichen nicht mehr aus. Viele Unternehmen platzen aus ihren Nähten. Das Kundenverhalten verändert sich. Ein von der Rolle abgeschnittener Teppichzipfel reicht nicht mehr, um einen Auftrag einzufahren. Die Branche befindet sich im Wandel, geschuldet dem Teppichboom, denn dieser Belag benötigt Raum für die vier Meter breiten Bahnen, um gesehen zu werden.
Die 70er Jahre
bwd trägt dem Rechnung: In einer mehrteiligen und sehr ausführlichen Serie geht es um das Lagern, Präsentieren, Schneiden und Transportieren von Bodenbelägen (2/1972). Ohne Paternoster geht nichts mehr. Max Janser gibt im Februar 1972 den aufstrebenden Unternehmen dieser Zeit tatkräftige Hilfe an die Hand. Anfang der 70er Jahre ist die Teppichwelt in wunderbarer Ordnung. In einem Beitrag zur Frankfurter Heimtextilmesse schwärmt Dr. Franz Wilhelm ebenfalls in der Februarausgabe 1972 von phantastischen Branchenaussichten, die durch den bevorstehenden Zusammenschluss der europäischen Wirtschaftsblöcke EWG und EFTA zusätzlichen Schwung bekommen würden.
„Durch den Wegfall der Zollmauer wird es zu einer Konfrontation der Teppichgroßmärkte Deutschland und England auf diesem gemeinsamen Markt kommen, und es mag vielleicht heute schon interessant sein, eine Vorschau zu geben, wie sich dies in der Praxis auswirken wird; denn dieser Markt ist ja nicht nur das arithmetische Addieren von derzeitiger Produktions- und Konsumkraft, die zu einer Produktion und einem Verbrauch von ungefähr 200 Millionen Quadratmeter Teppichwaren führt, sondern es wird ein dynamischer Effekt ausgelöst, der durch die verbesserten Einkaufsmöglichkeiten jeweils dem technisch fortschrittlichsten Betrieb auch wieder die wesentlich verbesserte Chance bietet.“
Teppichwahn und Wirklichkeit
Wilhelm hält es zu dem Zeitpunkt für möglich, in amerikanische Größenordnungen hineinzuwachsen. „Wir haben in Großeuropa ungefähr 700 Tuftingmaschinen mit 200 Mio. Quadratmeter Kapazität, in den USA haben wir 2.500 Tuftingmaschinen mit 600 Mio. Quadratmeter Kapazität, was einem ungefähren Pro-Kopf-Verbrauch von drei Quadratmeter entspricht. Kluge Marketingexperten sagen, dass wir 1975 doppelt so viel verkaufen werden.“ Wilhelm erwartet die Stunde des Großhandels. „Für die Industrie wird es wahrscheinlich unmöglich sein, ohne große Distributionsfirmen diesen Raum gebührend zu organisieren. Dem Großhandel wird daher eine neue Rolle zufallen, um so mehr, als die Entwicklung auf dem Gebiet des Teppichbodens über die Möglichkeiten einer Fabrik hinausgeht und das Erbringen von Serviceleistungen erforderlich macht. Von den fachlichen Notwendigkeiten her wird der Grossist geradezu auf den Plan gerufen. Man müsste ihn aus dem Boden stampfen, wenn er nicht schon existiert.“
Wilhelm sieht nach der Ess- und Bekleidungswelle jetzt die Wohnwelle auf die Verbraucher zukommen, von der insbesondere der Teppichboden profitieren dürfte. Noch im ersten Halbjahr 1973 erscheinen Prognosen und Vorausschätzungen namhafter Institute und von Marktforschungsabteilungen etwa internationaler Faserkonzerne, die für die Bundesrepublik auf das Ende der 70er Jahre ein Marktangebot an Teppich und Teppichboden von 300 Mio. Quadratmeter und damit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 4,9 m² verkünden. Doch es kommt anders.
Wer die Situation mit einem kritischen Blick verfolgt, wie Dr. Rudolf Blocher in bwd 12/1974 hat erkannt, dass schon der Verlauf des Teppichgeschäfts in der zweiten Jahreshälfte erste Ermüdungserscheinungen erkennen lässt. Der Umsatzwert ergibt erstmals in der Nachkriegszeit ein Minus. Darüber hinaus: „Das sensationelle Wachstum der Tuftingindustrie, speziell in den Jahren nach 1970, ist sicherlich zu einem ganz entscheidenden Anteil eine Funktion des Preises. Die Herstellerabgabepreise fielen von 1965 mit 17,20 DM/qm auf 13,60 DM/qm 1971, mit dem Tiefstand bei 12,50 DM/qm 1973.“ Das sind Entwicklungen, die zum Teil auch zu Lasten der Qualität gehen, übrigens einer der Gründe, dass das Teppichsiegel der Europäischen Teppichgemeinschaft für Deutschland sowie die damit verbundene Prüfung und Bestätigung durch das Deutsche Teppichforschungsinstitut in Aachen ins Leben gerufen wird. In dieser Zeit, die von der dramatischen Erdölkrise mit allen ihren negativen konjunkturellen Folgen überlagert wird, nehmen nicht alle die Zeichen der Zeit wahr. Trotz des Drucks der Verhältnisse wird der Kapazitätsaufbau bei Tuftingbelägen nicht beendet. Das ganze Jahr 1974 über ist von neuaufgestellten oder noch bestellten Tuftingmaschinen und Druckanlagen bis zu Werksneubauten zu hören. „Das alles trotz Preisdruck, Preisschleuderei, überhöhten Lagerbeständen, Sonderangeboten und schließlich Kurzarbeit“, moniert Blocher. Die Schwächephase hält an.
Dürrejahre sind zu überstehen, das gilt für die dominierenden Teppichbeläge, aber noch mehr für die Wettbewerber um die Fußbodenflächen. Parkett schreibt in dieser Zeit, als in bwd keramische Fliesen, Wandbekleidung, Sonnenschutz und Farben einen respektablen redaktionellen Anteil haben, besonders schlechte Zahlen. Bemerkenswert ist der allmähliche, mit viel Widerstand aus dem Handwerk begleitete Markteintritt des Fertigparketts aus schwedischen Quellen. Zwar ist das Produkt in Deutschland nicht gänzlich unbekannt, weil es über Lizenznehmer schon sehr frühzeitig eingeführt war, aber wahrgenommen wird die revolutionäre Innovation auf breiter Front erst zu Beginn der Siebziger.
Die Ölkrise und die Folgen für die Branche
Eine technische Entwicklung, die die Fußbodenbranche auch heute noch genauso intensiv bewegt wie damals, ist die der Fußbodenheizung. Quasi als Folge der einschneidenden Erdölkrise wird in Deutschland das Thema Energiesparen plötzlich hochaktuell. Hat man bisher überhaupt noch nicht über Heizkosten nachgedacht, gilt es jetzt an Lösungen dieser Probleme zu arbeiten. Eine dieser Lösungen ist die flächige Heizung via Boden, auf die sich die gesamte Belagsbranche einzustellen hat. Das gilt gleichermaßen für das Handwerk: Alfred Chini nimmt in der Januarausgabe 1980 im Fachteil „estrich+ belag“ das Thema auf.
Dabei geht es um ein neues Merkblatt. Unter dem gemeinsamen Dach des Zentralverbandes des deutschen Baugewerbes hat die Bundesfachschule Fliesen erstmals zusammen mit der Bundesfachgruppe Estrich und Bodenbeläge eine gemeinsame technische Vorschrift erarbeitet und „zwar in Zusammenarbeit mit zehn weiteren Bundesverbänden, die alle bereit sind, die vielen differierenden eigenen Vorschriften und Empfehlungen in Zukunft durch dieses Merkblatt zu ersetzen“, schreibt Chini. „Damit wird dieses Blatt in der Praxis eine stärkere Wirkung haben als eine DIN-Vorschrift.“ Schon damals wird die beheizte Fußbodenkonstruktion als das klassische Beispiel notwendiger echter Kooperation verschiedener Gewerke bei der Herstellung eines Bauteils, des Fußbodens, gesehen.
Seit Ende der 70er geht es in der Branche wieder aufwärts. Die Heimtextil in Frankfurt registriert das Messegeschehen als erste Bestätigung der damals bescheidenen Ansprüche. „Es wurde gut verkauft und zwar nicht nur über den Preis, sondern auch über Qualität“, schreibt bwd in einem Messebilderbogen. Die Baubiologie wird zum zarten Pflänzchen auch im Fußbodenwesen. Erstmals widmet sich die Zeitschrift anlässlich einer Reise nach Portugal dem Werkstoff Kork.
Die 80er Jahre
Anfang der 80er Jahre startet bwd eine großangelegte Umfrage im Bodenbelagsgroßhandel mit sehr aufschlussreichen Ergebnissen für die Branche. Die Fragen sind in folgende Bereiche unterteilt: Markt und Umfeld, Vertrieb, Technik und Betrieb, Produktgestaltung und Innovation und Zusatznutzen. Mengenzuwachs bei gleichzeitigem Preisverfall, industrielle Rationalisierungsprozesse versus Kollektionierung und Bemusterung, Tuftingtechnologie weiterhin konkurrenzlos marktbeherrschend, begrenzte Variabilität in der Gestaltungsmöglichkeit trotz vorhandenem Kundeninteresse und Innovationen wie Antishading-Behandlung und Fluorcarbonausrüstung zur Verbesserung der Pflegeleichtigkeit sind schlagwortartig die Themen, die analysiert werden. Eine Antwort aus der Umfrage, nämlich die, dass „die größte und dem Teppich dienlichste Verbesserung wäre, wenn alle Ware unterhalb der Schmutz- und Schundgrenze verschwände“, steht für die Situation, in der die Branche zu dieser Zeit steckt. Die Überschriften in bwd lauten: „Textilmarkt: Halbzeitbilanz ist nicht erfreulich“, „Der Tuftingexport zeigt negative Tendenz“, „Berg- und Talfahrt der Konjunktur“ oder „Bei den elastischen erzielten nur die Objektbeläge einen Zuwachs“.
Auf dem Weg zum Vollhandwerk
„Endlich ist der Weg frei“, formuliert Ortwin Baumann im Fachteil „Parkett und Fußbodentechnik“ im November 1982, in dem auch die Mitteilungen des Zentralverbandes Parkett- und Fußbodentechnik veröffentlicht werden.
„Es war ein langer und steiniger Weg, den staatlich anerkannten geprüften Bodenleger/geprüfte Bodenlegerin zu erreichen. Wenn auch das ursprüngliche Ziel des Bodenlegervollberufes nicht erreicht werden konnte, so ist das doch für alle die Männer und Frauen, die aus dem Bodenleger-Hilfsarbeiterstatus herauswollen, über diese Regelung festgelegt worden, dass sie sich aus der Masse der anderen tätigen Bodenleger deutlich sichtbar abheben, ausgestattet mit allen sozialen Vorteilen aller anderen staatlich anerkannter Berufe. Ein wichtiger Baustein auf dem Weg dorthin war die Einrichtung der Bundesfachschule der Bodenbelagswirtschaft an der Handwerkskammer Koblenz. Insbesondere Erich Rosenbaum hat dazu beigetragen, dass viele Bodenleger zwischenzeitlich freiwillig den Bodenlegerbrief erwarben und dass zwischen Herstellern, Handwerk und den Verbänden eine Basis zur Erarbeitung der staatlichen Anerkennung Geprüfter vorhanden war, die auch dem Stand der Technik entspricht“, lobt Baumann seinen Kollegen und langjährigen Weggefährten. Rosenbaum, wegen seiner scharfen Zunge auch der „Max Merkel“ der Bodenbelagsbranche genannt, macht sich daneben zusammen mit seinem Mitarbeiter Norbert Strehle immer wieder um das Vermitteln Technischer Inhalte verdient.
Die beiden Experten verfassen im März 1984 eine grundlegende Arbeit zu bauphysikalischen Schutzmaßnahmen im Zusammenhang mit Fußbodenarbeiten, in der die erforderlichen Abdichtungsvarianten in Abhängigkeit von den baulichen Voraussetzungen beschrieben werden.
Eine ebenso wegweisende und auch heute noch in Sachverständigen und Fachveranstaltungen immer wieder zitierte Arbeit veröffentlichte Werner Schnell. „Zur Ermittlung von Belegreife und Ausgleichsfeuchte von mineralisch gebundenen Estrichen“ lautet die Überschrift eines Artikels zu einem Forschungsvorhaben, in der die Zusammenhänge zwischen der Belegreife und den Sorptionsisothermen verschiedener Estriche, ihrer Messmethoden und der Abhängigkeiten ihrer Ergebnisse fundiert erläutert werden. Keine Sorptionsisothermen und Vergleichskurven zwischen CM- und Darrprüfung sind wohl in der Fußbodenfachwelt so oft zitiert, wie jene aus Schnells Beitrag in bwd 1/1985.
Während der Teppichbodenmarkt Mitte der 80 Jahre (bwd 7/1984: „Der Teppichboden wird gekauft und deckt Wohnflächen ab, die für hochwertige Ware verloren sind“) durch Einflussfaktoren wie Importe, sinkende Durchschnittserlöse, geringere Gewinnmargen, Qualitätsverfall durch billige Rohstoffe, Verringerung des Floreinsatzgewichtes und der Dicke des Schaumes, Kaufzurückhaltung und eine beginnende Marktsättigung gekennzeichnet ist, kommt ganz allmählich das Parkett, wenn auch im Vergleich zu Teppichböden auf recht bescheidenem Niveau, wieder ins Spiel.
Seit Beginn der 80er Jahre ist der Inlandsverbrauch stetig gewachsen, die Konjunktur ist wieder ausgelastet und vor allem der Import erheblich angestiegen. Das liegt vor allem an Kooperationen mit ausländischen Herstellern und der Übernahme von Handelswaren von skandinavischen Fertigparkettproduzenten. 1985 beträgt der Inlandsabsatz etwa fünf Mio. Quadratmeter, mit etwa zehn Prozent Stabparkettanteil, 60 Prozent Mosaik- und 30 Prozent Fertigparkett, wobei Letzteres stetig wächst. Bemerkenswerterweise steigen nicht nur die Mengen, sondern auch die Preise. „Dass es den Herstellern und Verbänden gelungen ist, den Markt stabil zu halten, Preisdisziplin zu wahren, zukünftige Entwicklungen (wie das Anwachsen des Renovierungsanteils am Baumarkt) zu sehen und richtig darauf zu reagieren, das stimmt hoffnungsvoll und ist auch der Gemeinschaftswerbung zu verdanken“, heißt es in im Oktober 1986 in bwd. Die Fachzeitschrift nimmt das Thema Parkett in halbjährlichen Schwerpunktausgaben wieder auf und berichtet dann über die aktuellen Entwicklungen, die da lauten: Wasserlack, der Trend zu hellen Hölzern wie Birke und zunehmend Dispersionskleber.
Lösemittelklebstoffe werden verharmlost
Das ist insofern von Bedeutung, als bei den Parkettklebstoffen ein Umdenken angezeigt ist. Nach Verlautbarungen des Fachverbandes der Deutschen Klebstoffindustrie (Düsseldorf) werden im Jahr 1986 noch rund fünfzig Prozent aller Kunstharz-Klebstoffe als Lösemittel-Klebstoffe hergestellt. Diese Situation steht in krassem Widerspruch zu den Bestimmungen der Gefahrstoffverordnung vom Oktober 1986. Danach sind in allen Fällen dort umweltfreundlichere und weniger gesundheitsgefährdende Klebstoffe einzusetzen und zu verarbeiten, also Kunstharzdispersionsklebstoffe, wo dies ohne besondere Nachteile möglich ist.
Der gesetzlich geforderte Substitutionsprozess der damals noch methanolgelösten Klebstoffe ist eingeleitet, wird aber noch viele Jahre in Anspruch nehmen, bis er in allen seinen Möglichkeiten in die greifbare Umsetzungsphase geht. Die ist allerdings nicht ohne Tücken. Anfang 1988 erscheint eine notwendige, aber, wie sich später herausstellt, nicht zutreffende Information über die Funktionsfähigkeit eines Pulverklebers im Zusammenhang mit Holzpflaster. Nahezu gleichzeitig wird in bwd über ein Urteil berichtet, das sich nach fünf ähnlichen Gutachten zur nachstoßenden Feuchte aus Rohbetondecken mit den Folgen fürs Parkett auseinandersetzt. Ein Parkettleger darf sich darauf verlassen, dass sich unter dem Estrich ein ordnungsgemäßer Beton befindet. Dass allerdings der Estrich sich nachträglich verändert, steht auf einem anderen Blatt. Erheblicher Forschungsbedarf besteht, diese Diskrepanz zu lösen. bwd ist in den Folgejahren hautnah dabei, wobei Andreas Rapp, damals noch nicht promoviert, geschweige denn habilitiert, fundamentale Unterstützung bietet, wie er auch später mit exklusiven bwd-Beiträgen wie zur Ausgleichsfeuchte von Holz, zur Räuchereiche oder Thermobehandlung den Parkettlegern weiterhilft.
Die Estrichthemen kreisen zu der Zeit rund um Fließestriche, die immer mehr an Bedeutung gewinnen, und ganz speziell um die Oberflächenbehandlung von Anhyditfließestrichen. Nicht nur die Technik, sondern die Verantwortung in der Gewerkekette wird zum Dauerthema. Wer macht was, wird es bezahlt und von wem, lauten die Fragen.
Seit 1987 gibt es innerhalb der boden wand decke das Österreichische Bodenlegerforum. Die „Zeitschrift in der Zeitschrift“ ist, und das übrigens bis heute, das offizille Organ der Bundesinnung der Bodenleger Österreichs. Zahllose, auch in Deutschland vielbeachtete Beiträge der sehr praxisorientierten Fußbodenexperten aus dem südlichen Nachbarland bereichern seitdem das bwd-Portfolio. Exemplarisch sei eine wichtige Untersuchung des österreichischen Textilforschungsinstituts über produktionsbedingte Konstruktions- und Musterungstoleranzen bei textilen Fußbodenbelägen von Ing. Hanspeter Bauer genannt, der in seinem Forschungsvorhaben Informationen darüber gewinnt, was technisch machbar und vor allem welche Abweichungen zu tolerieren sind.
Die 90er Jahre
Anfang der 90er Jahre wird die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten gefeiert. Die Sympathie für diesen geschichtlich einmaligen Erfolg ist grenzenlos. Sie löst nicht nur in der Industrie, sondern auch im Handel und in den Verbänden zahllose Aktivitäten aus, von denen vor allem im Handwerk beide Seiten durch Partnerschaften sowie neu gewonnenes Wissen profitieren. Kooperationen, Zusammenschlüsse, Integrationen und Eingliederungen, aber mindestens genauso viel „feindliche“ Übernahmen, Schließungen oder Zerschlagungen folgen. Wie es von der „freien und sozialen“ – die Betonung liegt in dieser Zeit auf frei – Marktwirtschaft erwartet wird, hat die durch die sozialistische Mangelwirtschaft ökonomisch und technisch schwächer gestellte ostdeutsche Seite der Belagindustrie das Nachsehen. Aber auch die alten Länder sind betroffen. Deutlich gemacht sei das anhand einer bwd-Situationsbeschreibung aus Sicht der Heimtextilbranche: „Vor der Wiedervereinigung gab es in der alten Bundesrepublik rund dreihundert Hersteller, die sich mit der Fertigung von Heim- und Haustextilien befassten“, heißt es dort. „Die zur Verfügung stehenden Kapazitäten waren weit größer als der Inlandsmarkt, denn die meisten Hersteller exportierten im Schnitt zwischen 20 und 25 Prozent ihrer Produktion. Schon vor der Wiedervereinigung war klar, dass bei zu erwartendem abnehmenden Export die bestehenden Kapazitäten verringert werden mussten. Der durch die Zusammenführung mit den neuen Ländern entstandene Inlandmarkt hätte allein von den Kapazitäten in den alten Bundesländern nicht abgedeckt werden können, wenn es ausschließlich nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage gegangen wäre.
Ein Fiasko droht
Dass es aber allein danach nicht gehen konnte, war offensichtlich, denn in den neuen Ländern stand ebenfalls eine umfangreiche Textilindustrie, die unter allen Umständen – zumindest in Teilen – erhalten werden musste. Allerdings ist der Weg, wie die Produktionskapazitäten in den neuen Bundesländern erhalten werden, gegen alle Regeln der freien und sozialen Marktwirtschaft. Er wird für weitere Betriebe in den alten wie in den neuen Ländern mit einem Fiasko enden. Warum, das ist schnell erklärt. Es sind zusätzliche Textilveredelungskapazitäten entstanden, die der Inlandsmarkt nicht braucht. Weil in einer Marktwirtschaft niemand an der Nachfrage vorbeiproduzieren kann, werden diese Kapazitäten, ob nun im Osten oder im Westen, irgendwann wieder abgebaut werden müssen. Verschärft wird diese Situation durch Wettbewerbsverzerrungen. Im Osten wurde der Maschinenpark der Betriebe durch die Treuhand weitgehend erneuert, während in den alten Bundesländern in den meisten Betrieben diese Erneuerung nicht mit der gleichen Konsequenz erfolgte. Das ist ein Nachteil, der aber dadurch erheblich ausgeglichen wird, dass diese Unternehmen im Gegensatz zu den ostdeutschen Herstellern ihre angestammten Märkte erhalten konnten. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass sich die Wettbewerbsbedingungen für die Firmen in den alten Bundesländern wegen nicht vergleichbarer Investitionsanreize und Subventionen sowie zahlreicher anderer Vergünstigungen in den neuen Bundesländern, seien es niedrige Lohnkosten oder günstigere Umweltauflagen, erheblich verschlechtert haben.“
Für die Teppichbodenbranche hat sich die Lage nur unwesentlich gerändert. Es ist wieder einmal die Zeit der Preisstrategen. Statt sich mit Produktvorteilen, sprich warm, weich, gemütlich usw. gegen seine konkurrierenden Bodenbeläge abzugrenzen, bemüht die Branche die technischen Vorzüge. Angaben über x-hunderttausend Noppen und y-hunderttausend Gramm Poleinsatzgewicht, ergänzt um weitere physikalische Eigenschaften, flankiert von einem Preis, der nach unten kaum eine Grenze hat, werden zitiert. „Der Verbraucher versteht allerdings die Technik nicht, er will Schönheit und Anmutung kaufen, aber er kapiert den Preis. Der Teppichboden hat sich zum Baustoff reduziert, er ist ein Last-Interest- Produkt geworden,“ beklagt sich der damalige Vorwerk-Geschäftsführer Dieter Böttcher im Juli 1994 in bwd. Die Sorgen sind verständlich, denn der Wettbewerb ruht nicht. Im Gegenteil, Naturprodukte boomen. Gegenüber dem Teppichboden, der unter dem Imageverlust und der immer größer werdenden Umweltdiskussion zunehmend und scheinbar ohne Gegenwehr leidet, ist Parkett nicht nur Trend, sondern gar Megatrend, obwohl deren Befürworter immer noch mit dem Fernrohr auf die Verbrauchszahlen der textilen Bodenbeläge schauen. Parkett wird in dieser Zeit schon fast eine Weltanschauung, heißt es in einem Kommentar in bwd. Folglich setzt man in der Werbung auf Individualität, Ausstrahlung, Charakter, Emotion, Image und Ökologie. Die Parkettbranche macht den Marketingprotagonisten der Teppichindustrie etwas vor, verkehrt ist die Welt.
Fertigparkettkapazitäten entstehen, nicht nur in Deutschland. Der Inlandsverbrauch steigt mit gigantischen Schritten, der Export findet weltweit neue Abnehmer deutscher Qualitätsware und Ostdeutschland sorgt mit einem Bauboom zumindest zeitweise für eine hervorragende Auslastung des Handwerks. Es läuft wie geschnitten Brot.
Laminat grüßt erstmals aus der Ferne
Anfang der 90er startet die Domotex in Hannover. Das bringt der Fußbodenszene zwei ganz entscheidende Veränderungen. Die bis dahin auf der Interzum in Köln mit globalem Anspruch aufgestellte Parkettszene überlegt nach Hannover zu gehen, was sie in den nächsten Jahren auch recht kompromisslos in die Tat umsetzt. Und es präsentiert sich ein weiterer Belag. Erstmals betritt der Laminatboden die Bühne, der zuvor in der schwedischen Ferne seine Daseinsberechtigung ausgekundschaftet hatte. Der Auftritt ist ebenso spektakulär wie bahnbrechend. Von nun an geht’s bergauf – mit der Gehpappe, wie das traditionelle Handwerk aus Angst vor der aufkommenden Konkurrenz zunächst den Belag bezeichnet, denn dessen Weg zum flächenfressenden DIY-Markt ist trotz anfänglicher Mondpreise im Produkt angelegt. Technisch gibt zunächst für die Fachpresse über Laminatverlegung wenig zu berichten, außer einiger Schadensfälle. Erst als die Sache wegen verschiedener Schwächen richtig in die Hose zu gehen scheint, setzt man sich zusammen. Das allerdings mit der ganzen vorhandenen Kompetenz, zielgerichtet und auch äußerst erfolgreich. Es wird genormt, gütezertifiziert, gehschallverbessert und feuchteresistenter ausgestattet. Die herannahenden Klickwogen türmen sich auf, werden zu einer riesigen Welle und brechen einige Jahre später ebenfalls in Hannover fast wie ein Tsunami in die Phalanx der bestehenden Bodenbeläge ein. Die gesamte Branche ist perplex.
Zwei weitere Fußböden machen noch von sich reden, wenn auch mit etwas weniger Brimborium. Der Traditionsbelag Linoleum, der seit den vierziger Jahren von damals sagenhaften 270 Mio. Quadratmeter zu Beginn der 90er bis auf ca. 10 Mio. Quadratmeter geschrumpft ist, gewinnt im Zuge der Hinwendung zu Naturstoffen wieder an Fahrt. Auch neue Dessins jenseits des Marmorlooks helfen dem Belag wieder auf die Sprünge.
Das kann man von PVC-Belägen nicht berichten. Nach einer Brandkatastrophe mit verheerendem Ausgang wird das im Belag enthaltene Chlor bzw. dessen freigesetzte Emissionen mit den Todesfällen in Verbindung gebracht. So etwas sitzt, wie häufig in so einem Falle unreflektiert. Chlorfreie Alternativen müssen her. Polyolefinebeläge scheinen welche zu sein, bleiben aber nicht dauerhaft so am Boden kleben, als dass man sie in Erinnerung behalten müsste, meint man jedenfalls zu diesem Zeitpunkt. Es gibt zudem eine intensive Permethrindiskussion über Wollteppiche, die fast zu einer Panikmache gerät und trotz nicht nachgewiesener Gesundheitsgefährdung die gesamte Textilbranche in Mitleidenschaft zieht. Die Teppichbranche ist gefordert, positive Signale zu setzen. Recycling ist ein Gebot der Stunde, das man sehr frühzeitig für sich nutzt. Schon seit 1993 ist man an dem Thema dran und entschließt sich in der sogenannten Vaalser Erklärung, zukünftig auf die Deponierung und die klassische Müllverbrennung als Methode der Teppichentsorgung zu verzichten. Stattdessen soll kurzfristig auf die thermische Nutzung umgestellt, mittelfristig allerdings der stofflichen Verwertung der absolute Vorrang eingeräumt werden. Ökologie ist in, Ökobilanzen der eingesetzten Materialien werden erstellt, wobei diejenigen, die auf dem Weg von der Wiege zur Bahre am wenigsten Fußabdrücke hinterlassen, am besten abschneiden. Ein klares Ranking bleibt aber schwierig, weil es Einflussfaktoren gibt, die nicht sachlich bzw. zahlenmäßig zu erfassen sind, sondern Auslegungsspielräume gewähren, die jeder nach seiner Facon nutzt. Die Beschäftigung mit dem Thema tut jedoch der Fußbodensache gut. Vor dem gleichen Hintergrund machen neben den Flüssigklebstoffen zunehmend neue Befestigungssysteme für Teppiche von sich reden: die Verklettung und das Vertacken. Selbstklebende Folien oder Bänder werden auf den Untergrund geklebt. Sie sind mit Millionen von Haken und Ankern ausgestattet, die sich im Rücken der daraufgelegten Bodenbeläge verkrallen. Entweder begünstigt ein speziell ausgestattetes Backing die Verbindung, oder es verkrallen sich die mikroskopisch feinen Anker in fast jedem gängigen Vliesrücken. Die so verlegten Textilbeläge können problemlos innerhalb weniger Minuten ausgewechselt oder partiell durch Einsetzen neuer Stücke repariert werden.
Die Techniken werden mit viel Vorschusslorbeeren versehen, obwohl sich diese Verlegesysteme wegen der höheren Anfangsinvestitionen erst nach mehrmaligem Belagwechsel finanziell rechnen. Vliesrückenteppiche machen von sich reden.
Unter neuer Flagge – für das Handwerk
1996 verkauft bwd-Herausgeber Max Rauscher boden wand decke an Holzmann Medien (damals noch Holzmann Verlag). Der Holzmann Verlag ist mit seinen Zeitschriften traditionell im Handwerk verankert. Unter der Holzmann-Flagge wird deshalb das redaktionelle Angebot für die Zielgruppe bodenlegendes Handwerk massiv ausgebaut. Binnen kurzer Zeit schnellt denn auch die Aboquote nach oben – getragen von Festbeziehern aus dem Handwerk.
In den 90er Jahren verändert bwd auch seine redaktionellen Schwerpunkte und intensiviert dem Trend der Zeit entsprechend das Thema Holzfußböden merklich. Demgegenüber fährt die Redaktion das über 20 Jahre mit sehr viel Engagement begleitete Sonnenschutz- und Dekorationsstoffsegment zurück und wird zu einer sehr konzentrierten Fachzeitschrift, die den Fokus nahezu ausschließlich auf den Boden lenkt. Da tut sich weiterhin auch sehr viel, was es nicht nur von der technischen sondern auch von der kaufmännischen Seite zu diskutieren gilt. In Dezemberausgabe 1997 beispielsweise tauschen sich Experten leidenschaftlich über Emotionen im Verkauf aus. Die harten Beläge wie Laminat und Parkett legen bis zur Jahrtausendwende weiterhin erheblich zu, wobei das Holzimitat in Bereiche vorstößt, dass dem Teppich angst und bange wird. Hersteller wie Meister, Parador, Terhürne oder Witex, allesamt im Westfälischen beheimatet, widmen sich mit ihrer ganzen Produktions- und Vermarktungskompetenz dem Fußboden, zunächst dem Laminat, dann dem Parkett und viele Jahre später den Designbelägen, jeder mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Unternehmen dieser Größenordnung sorgen für eine große Schubkraft und fordern andere heraus. Konkurrenz belebt das Geschäft, im Bereich der Hartbeläge zugunsten aller.
Die Entwicklung der Klickbeläge ist in vollstem Gange. Laminat setzt sich durch das eindeutig verbesserte Verhalten am Boden, das in genialer Weise durch die Selbstverleger-Argumente der einfachen, billigen und schnellen Verlegung gepusht wird, endgültig auf das DIY-Gleis, das sich als mengenmäßige Erfolgsspur entpuppt. Ein Hersteller versucht sich mit einem Flüsterkleber, um auch das Handwerk von dem Produkt zu begeistern. Das schafft aber eher Denkansätze für einen Wiederaufnahmekleber. Die junge Laminatindustrie ist technisch höchstmodern ausgestattet und angriffslustig. Die Oberfläche wird verbessert und immer authentischer. Synchronpore wird zum Stichwort, man will partout so aussehen wie das Vorbild. Und es gibt pfiffige Köpfe in der Laminatindustrie, die genau wissen, dass man Innovationen patentieren lassen kann, nicht nur um andere daran zu hindern, sie nachzubauen, sondern zu allererst, um Lizenzgebühren zu erheben.
Es entwickelt sich ein gigantischer Streit mit einer Prozesswelle, die die Fußbodenbranche noch nicht gesehen hat. Jeder ruft dasjenige Gericht an, an dem er sich die besten Chancen ausrechnet. Die Justiz bekommt eine neue Einnahmequelle, die Anwälte lachen sich ins Fäustchen. Die Zahl der Streithähne reduziert sich immer mehr auf zwei der größten Protagonisten. Der Höhepunkt wird 2007 erfolgen. Faus(t) schlag von Unilin titelt bwd in im Februar 2007, als wenige Minuten nach Eröffnung der Domotex die Belgier den Stand des spanischen Laminatherstellers Faus vor aller Augen abräumen lassen, im Nachhinein eine denkbar schlechte Entscheidung, die der gesamten Branche viele Sympathien kostet.
Die Laminatkapazitäten übersteigen zunehmend die Verbrauchsmengen. Je größer das Delta, je geringer werden die Preise. Es deutet sich schon recht früh an, dass die Laminatindustrie den gleichen Weg gehen wird wie mit einem Zeitvorsprung von etwa 25–30 Jahren die Teppichbodenhersteller. Der Holzhandel ziert sich deshalb, Laminat überhaupt anzufassen, und hält die Zurückhaltung so lange durch, bis die Variationsbreite in diesem Segment durch viele technische Neuerungen, Formate, Oberflächen und Zusatznutzen verbesserte Verkaufsargumente anbietet. Da ist es aber schon recht spät. Laminatböden verlieren mittlerweile immer mehr ihre Ausstrahlungskraft, weil Baumarktpreise von 3,99 Euro/Quadratmeter für den Fachhandwerker schlichtweg unseriös sind. Man hat es zwar geschafft, eine eigene Fußbodengattung zu etablieren, aber nicht vom Vorwurf des Plagiats wegzukommen. Man kopiert trotz beachtenswerter neuer Drucktechniken munter weiter. Auskömmlichkeit gelingt denjenigen leidlich, die ein entsprechendes Vertriebsnetz aufweisen, in dem man Differenzierungen deutlich machen kann, aber diejenigen, die für die Absatzmenge verantwortlich sind, bleiben Gefangene des eigenen Outputs.
Die 2000er Jahre
Die Parallelen zum Teppichboden sind unübersehbar, der dreischichtige Schiffsboden bleibt von diesen Entwicklungen nicht ausgenommen. Die Schere im Markt geht zunehmend auseinander, dabei schaffen es Spezialisten immer mehr, etwas vom großen Kuchen abzubekommen. Das gilt für Fertigung und Verarbeitung gleichermaßen. Deutschland importiert zu Beginn des 21. Jahrhunderts Parkett aus allen Teilen der Erde, der Tropenholzanteil ist relativ hoch, Zertifizierungssysteme tragen nachhaltigere ökologischere Früchte und bwd-Redakteure treten immer wieder Reisen an, um ausführlich über die neuen Hölzer und deren Herkunft zu berichten. Lieferländer wie Bolivien, Malaysia, Thailand, Indonesien, Australien, Brasilien, Chile, Surinam oder nordamerikanische Regionen werden besucht (11/2008).
Ein uralter Werkstoff aus China klopft im Fußbodenbereich an und wird mit allen seinen Eigenschaften wissenschaftlich unterstützt vorgestellt. Mehrere Recherche-Reisen in das Reich der Mitte und ausführliche Berichte über Bambus unterstützen den Markteinstieg des Wundergrases. Die Verbindung zur Wissenschaft wird intensiviert. In Zusammenarbeit mit dem Zentralverband Parkett- und Fußbodentechnik lässt bwd die plastische Verformung von Holz bei behinderter Quellung untersuchen, ein Phänomen, das im Zusammenhang mit der holztypischen Fugenbildung weitere abgesicherte Daten bringt (12/1999).
Um die Jahrtausendwende beschäftigen Themen wie europäische Normung, CE-Kennzeichnung und auch Innenraumbelastungen die Branche. Die Verwaltungsaufgaben für die Marktbetreiber werden immer höher, Vorschriften wachsen ins uferlose und Europa setzt viele Vorgaben, die nach und nach in nationales Recht umgesetzt werden müssen. Für das Handwerk werden die bürokratischen Herausforderungen immer größer.
Die Handwerksnovellierung geht über diese Benachteiligungen hinweg. Estrich- und Parkettleger verlieren die Meisterpflicht, jetzt kann jeder, der einen Gewerbeschein erwirbt, die Arbeiten anbieten, ohne nachgewiesene Kenntnisse und Auflagen. Die Menge der neuen zumeist Ein-Mann-Betriebe steigt unverhältnismäßig, die Zahl der Mitarbeiter in den traditionellen Unternehmen sinkt in nahezu gleichem Maße.
Ein Thema, das als der Dauerbrenner der vergangenen 60 Jahre gekürt werden könnte, kocht wieder hoch. Es geht um die Feststellung der Estrichbelegreife. Bei bestimmten Estrichen ergeben sich unerklärliche Schadensfälle, unerklärlich deshalb, weil die Belegreife mit dem CM- Gerät nachweislich überprüft worden war und dennoch Feuchteeinflüsse von der Unterseite die Fußböden schädigten. Schadensfälle, die exklusiv und sehr ausführlich in bwd veröffentlicht werden, thematisieren die Problematik. Es stellt sich heraus, dass beschleunigte Estriche eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen und die traditionellen Messungen nicht immer brauchbare Ergebnisse bringen.
Die Industrie reagiert mit eigenen Vorgaben für die Prüfungen und mutete der Branche individuelle Rechenexempel zu, um ein Ergebnis zu verifizieren. Das Sachverständigenwesen sieht sich folgerichtig nach neuen Feuchtemessmethoden um und wird im Ausland bei der korrespondierenden Luftfeuchtemessung fündig, ohne bereits aussagefähige Grenzwerte zu kennen.
Zusätzlich gibt es Änderungen bei den Zementen, die der Vielfalt der Einflussgrößen noch eins drauf setzen. Der Bodenleger ist mit der Beurteilung der Vorleistung zunehmend überfordert und verlangt Sicherheit durch das Vorgewerk mit entsprechender Verschiebung der Verantwortlichkeiten.
Allianzen in Berufsfamilien
Allianzen von Berufsfamilien sind in dieser Zeit existentiell, deren Zusammenhalt allerdings durch vorgenannte Abhängigkeiten umgehend auf den Prüfstand gelangen. Parkett-, Boden- bzw. Estrichleger und Raumausstatter, allein ist jeder für sich viel zu schwach, um gehört zu werden. Das hat 50 Jahre vorher schon Rosenbaum formuliert. Alle am Fußboden Beteiligten sollen ins gleiche Boot, am besten noch die Maler mit ihren beachtenswerten Fußbodenverlegeangebot dazu. Es gibt viele Treffen, Sitzungen, Gespräche, allein den vom gemeinsamem Credo getragenen Zusammenschluss aller dieser Gewerke gibt es nicht, weil sich immer wieder Hinderungsgründe offenbaren. Der Druck in den Innungen steigt, denn deren Mitgliederzahl wird in dieser Zeit nicht größer, im Gegenteil, die Zahlen sinken. Weiterer Druck kommt aus dem eigenen Land. Die bauaufsichtliche Zulassung, lange vielleicht etwas in ihrer Auswirkung nicht richtig eingeschätzt, mit ihren neuen Regelungen für Klebstoffe, Parkett und Parkettbeschichtungen, verwaltet vom DIBt, nervt die Branche (9/2011). Noch weniger vorbereitet als das Handwerk ist die Behörde selbst, die sich, wie man im September 2011 in bwd nachlesen kann, scheinbar erst in die Materie einarbeitet, nachdem sie die Regelliste erstellt hat. Das Handwerk sorgt sich um den Nachwuchs, Fachkräfte fehlen. Endlich gibt es Allianzen, auch mit der Industrie, die sich mit viel Engagement um die Zukunftssicherung kümmern.
Ein Belag beherrscht die vergangenen Jahre, zumindest in der Aufmerksamkeit des Fachpublikums: der PVC- bzw. der Designbelag. Lange Zeit ist es ruhig um ihn gewesen, aber dank Drucktechnik, geringer Materialdicke, technischer Performance und vor allem der euphemistischen Namensgebung verschaffen sich die PVC-Beläage als LVTs Eingang in viele Bereiche, in denen sie sich als sehr wettbewerbsfähige Alternative zu den etablierten Belägen erweisen. Zudem gibt es beachtenswerte Entwicklungen in dessen Umfeld. Dass mit Vorwerk ein Teppichbodenhersteller in dieses Geschäft eingestiegen ist, ist ein genauso bemerkenswertes Zeichen wie auf der Materialseite der Ansatz, nachwachsende Rohstoffe wie Rizinusöl vermehrt in den Fokus zu rücken. Man kann anhand der PVC-freien Alternativen erahnen, was die chemische Industrie in Sachen Kunst- und Naturstoffe in Zukunft noch alles leisten kann. Auch deshalb sind die Entwicklungen im Bereich der Designbeläge in den letzten Jahren beeindruckend, die zahlenmäßig noch beeindruckender werden dürften, wenn den lose über Klicktechnologie verbundenen Böden ein noch breiterer Weg geebnet wird. Das Tor dorthin ist geöffnet. Jedoch: Das verflixte Teppichboden-Laminatsyndrom könnte spätestens dann auch bei Designbelägen zuschlagen, befürchtet Stefan Heinze in einem Kommentar 2013. Wie jene teuflische Spirale aus Überkapazitäten, Preisverfall und Qualitätsverlust ausgeht, ist – Teppichboden und Laminat lassen grüßen – müßig, nochmals darzustellen. Deshalb ist aktuell auch die gesunde Skepsis gegenüber der neuen und durchaus willkommenen Generation der mehrschichtig, modularen Fußböden (MMF), die bwd gewohnt frühzeitig unter die kritischen Augen nimmt, nicht unbegründet.