bwd on tour Hausbesuch bei Luis Vogl Werkzeuge für die Verspanntechnik: Wie auf Wolken gehen

In vielen Ländern hat er über Jahrzehnte mit Menschen über seine Leidenschaft, dem Verspannen von Teppichboden, gesprochen. Mit achtzig Jahren ist Luis Vogl wieder zu Hause in München und leitet ein Unternehmen. Das Verspannen beschäftigt ihn weiter.

Heute führt Luis Vogl ein Unternehmen, das Werkzeuge für die Verspanntechnik anbietet – und darüber hinaus alles, was der Profi zum Verspannen braucht. - © Radziwill

Teppichboden verspannen ist in den USA und Großbritannien traditionell weit verbreitet. Und in Deutschland? Kommt die Technik heute noch in gehobenen Hotels, manchmal auch mal bei einem Privatkunden zum Einsatz. Aber: Das ist schon deutlich weniger geworden. Einer, der das Verspannen Jahre und Jahrzehnte praktiziert und vor allem intensiv geschult hat, ist Luis Vogl aus München. Seit den Neunzigern war er auf Messen mit dem Thema sehr präsent. Über die Jahrzehnte hat er mehrere Hundert Bodenleger im Rahmen seiner Verspann-Seminare weitergebildet. Viele, die bei Luis Vogl in die Technik eingeführt wurden, bieten das Verspannen von Teppichböden bis heute ihren Kunden an. Und manche davon tragen sie auch weiter an ihre Auszubildenden.

Wird das Verspannen von Teppichboden denn nachgefragt?

Luis Vogl: Nein, man muss es schon aktiv anbieten. Die meisten Menschen kennen Teppichverspannen nicht. Fragen Sie tausend Leute, ob sie es kennen, da sagen ­vielleicht zwei, drei ja. Ich habe das auch immer bei meinen Seminaren gelehrt: Man muss die Leute motivieren, man muss aktiv und wertig verkaufen. Raumausstatter können das, die können beraten.

2008 hat Luis Vogl gemeinsam mit der boden wand decke ein Buch erarbeitet, in dem die zentralen Elemente der Technik beschrieben werden: „Verspannen von Teppichböden in Wort und Bild“, lautet der Titel. Es hätte auch heißen können: „Wie man verspannten Teppichboden verkauft“, denn ums aktive Verkaufen geht es darin ebenso wie ums Verspannen.

Ab nach Amerika

Die Technik des Verspannens war lange Zeit eine Domäne der Raumausstatter, wie Richard A. Kille in seinem Vorwort ausführt. Und genau das war Luis Vogl Mitte, Ende der siebziger Jahre, als es ihn von München aus in die USA zog. Gelernt hatte er im ­elterlichen Betrieb, es folgten Gesellen- und Meisterprüfung und die Selbständigkeit. Dann: Amerika, Kalifornien.

Was hat Sie 1978 dazu gebracht, in die USA auszuwandern?

Luis Vogl: Die Mutter meiner inzwischen verstorbenen Frau Annelie hat damals dort gelebt. Sie war hier zu Besuch und fragte uns, ob wir nicht mitkommen wollten nach Kalifornien. Und das haben wir gemacht. Da war ich vorher noch nie gewesen und konnte damals auch noch gar kein Englisch. Ich war zwar Raumausstatter und musste bei der Meisterprüfung auch verspannen, aber so richtig habe ich das erst in den USA gelernt.

„Call Luis“

Drüben angekommen kam er durch einen Freund an eine große Firma, aber mit dem, was die zahlten, „hätte ich nicht überleben können“, erinnert sich Vogl. Ein Kollege aus Mexiko erklärte ihm mehr über das Verspannen, aber so richtig habe auch der ihm all seine Fragen nicht beantworten können. Luis Vogl berichtet: „Das kam mit der Zeit, das alles selbst herauszufinden. Ich habe dann in San Diego viele Quadratmeter ­verspannt; zu 99 Prozent in Privathäusern. Damals hatte ich eine Werbung geschaltet, ‚Carpet installer – call Luis‘, daraufhin meldete sich jemand aus dem Ort Idlewild, oben auf dem Berg, auf 1.700 Metern Höhe. Dort oben kamen zu Feiertagen wie dem 4. Juli bis zu 70.000 Menschen zusammen. Einige Menschen in Idlewild waren wohl­habend. Nicht alle, aber viele dort hatten eigene Häuser, bei denen zu Hause habe ich dann Teppichboden verspannt. So waren die ersten Jahre.“

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    Über die Jahrzehnte hat Vogl mehrere Hundert Bodenleger im Rahmen seiner Verspann-Seminare weitergebildet und die Technik immer wieder unter anderem auf Messen demonstriert.
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    Im In- und Ausland hat Luis Vogl immer wieder Praxis-Vorführungen zum Verspannen gestaltet. Angefangen hat er damit auf der Heimtextil in Frankfurt/Main, dann kamen die Seminare, die ihn in viele Länder führten.
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    Luis Vogl mit seiner zweiten Ehefrau Anita Vogl in München: Dort führt er zwar keine Seminare mehr durch, betreibt aber einen Versandhandel.
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    2008 hat Luis Vogl gemeinsam mit der boden wand decke ein Buch erarbeitet, in dem die zentralen Elemente des Verspannens detailliert beschrieben werden.
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    Heute führt Luis Vogl ein Unternehmen, das Werkzeuge für die Verspanntechnik anbietet – und darüber hinaus alles, was der Profi zum Verspannen braucht.

Sie kamen dort an, ohne Englisch zu können und ohne das Verspannen schon wirklich zu beherrschen. Am Anfang gab es fünf Dollar die Stunde, Montag bis Samstag. Wie oft haben Sie sich gesagt: ‚Wäre ich doch bloß in München geblieben‘?

Luis Vogl: Eigentlich nie. Es hat mir Spaß gemacht. Ich hatte dann einen kleinen Laden mit Teppichmustern, für den habe ich Werbung gemacht. Und die Leute kamen. Die Amerikaner können nicht beraten. Ich bin in die Häuser und habe immer gleich gesagt: Ich weiß, was Sie brauchen. Und hab denen Teppich gezeigt. „This is what we want“, haben die dann gesagt. So wuchs die Kundschaft zur Mund-zu-Mund-Werbung. Dass ich ein Handwerker aus Deutschland war, aus Bavaria, hat sicher auch geholfen, das war gut angesehen. Dabei habe ich ­viele Erfahrungen gesammelt.“

Wie geht das eigentlich mit dem Verspannen? Grob vereinfacht, lässt es sich vielleicht so erklären: Entlang der Wand werden so genannte Nagelleisten so angebracht, dass sie die Konturen des Raums genau abbilden.

Teppichboden verspannen, klingt einfach, ist es nicht

Als Nächstes kommt eine elastische Unterlage, die tritt- und raumschalldämmend wirkt. Die Nähte des Teppichbodens werden verfestigt, dann wird der Boden verspannt. Klingt einfach. Tatsächlich ist es Profi-Arbeit. Man sieht, zumindest als Laie, nach dem Verspannen mit bloßem Auge nicht, ob ein Teppichboden verspannt oder herkömmlich verklebt wurde.

Im In- und Ausland hat Luis Vogl immer wieder Praxis-Vorführungen zum Verspannen gestaltet. Angefangen hat er damit auf der Heimtextil in Frankfurt/Main, dann kamen die Seminare, die ihn in viele Länder führten. - © privat

Beim zweiten Blick zeigt sich, dass die Ränder des Teppichbodens leicht zur Wand hin nach unten zeigen, statt genau an der Wand anzuliegen. Wer aber darüber läuft, besonders barfuß oder in Socken, bemerkt es sofort: das besondere, federnde Geh­gefühl. Nicht so extrem federnd wie ein Trampolin, eher wie man sich das Gehen auf Wolken vorstellt.

In dem kleinen Ort Idlewild fühlten sich die Vogls in den Achtzigern wohl. „Du machst das Fenster auf und die Sonne scheint. Am nächsten Tag auch und danach auch, eigentlich immer“, erinnert sich Vogl. Die Amerikaner seien freundlich, aber im Geschäftlichen „knallhart“ gewesen, berichtet er. Die Kundschaft wuchs, alles lief gut, aber nach fünf Jahren packte Vogls Frau und ihn selbst das Heimweh. Nach den Bergen, aber nicht denen in Kalifornien, sondern nach denen in Bayern.

Warum sind Sie zurück nach München?

Luis Vogl: Wir haben eine Liste gemacht: Was ist gut, was ist schlecht? Gut waren das Wetter und das Essen, wenn man die richtigen Plätze kannte. Die Menschen waren sehr nett. Wenn Ihnen jemand im Auto entgegenkam, hat der gewunken – nicht so wie bei uns. Schlecht dagegen war zum Beispiel die Krankenversicherung. Wir kamen also nach München zurück und bauten ein Geschäft auf. Ich habe das Verspannen auf den Messen gezeigt, zunächst auf der Heimtextil in Frankfurt.

Das Fernweh kommt wieder

Vogl sprach die US-Firma Roberts an, die Verspannwerkzeuge herstellte, für die machte er wenig später Seminare in ganz Deutschland. Alles lief ganz gut. Aber: „Nach vier Jahren in München hat uns dann wieder das Fernweh gepackt. Also sind wir wieder rüber, wieder nach Kalifornien. Beim zweiten Mal in den USA waren wir 15 Minuten vom Meer entfernt, nahe San Diego. Es war zu dieser Zeit viel härter, Geld zu verdienen“, sagt Luis Vogl. Anfang der Neunziger kam das Heimweh wieder. „Die Bayern sind vielleicht mehr mit dem Ort verbunden, an dem sie aufgewachsen sind. Ich habe die Amerikaner immer gefragt, wo es ihnen am besten in Deutschland gefallen habe. Ich dachte, die würden sagen Tegernsee oder Chiemsee, aber die Antwort war immer: im Schwarzwald. Black Forest, das war die Nummer eins. Aber nicht bei uns. Wir wollten nach Bayern“, sagt Vogl.

Nach drei Jahren und im zweiten Anlauf Kalifornien hatten die Vogls nun endgültig genug und gingen zurück nach Deutschland – und diesmal blieben sie in München.

Auch nach der zweiten Rückkehr aus den USA war das Verspannen hier noch immer kein großes Thema. „Da war nichts“, erinnert sich Vogl. Auf der Domotex begann er nun gemeinsam mit Siegfried Heuer, dem bekannten Berufssachverständigen und Lehrbeauftragten, Vorführungen zum Verspannen zu machen.

Luis Vogl erinnert sich: „Damals habe ich viele Seminare gemacht, zum Beispiel auch in Nigeria, in Rumänien, auf einem Schiff in Portugal. Von den Seminaren konnte ich nicht leben, aber ich wollte eben das Wissen weitergeben, weil ich vom Verspannen begeistert war.“

Auf den Rücken kommt‘s an

Die Seminare hat Luis Vogl bis vor drei Jahren angeboten, dann wurde es ihm körperlich zu viel. „I mog nimmer“, lacht Vogl. Inzwischen ist er achtzig Jahre alt. „Mir macht es immer noch Spaß und ich rede immer noch gern darüber, aber die Praxis ist etwas anderes.“

Auf youtube ist noch ein zwölf Jahre ­altes Video zu finden, das Luis Vogl in Aktion zeigt. Wer die sieben Minuten gesehen hat, ahnt: Die Seminare waren nichts, was sich locker nebenbei mitnehmen ließ. Dass das Verspannen den Profi fordert, ­haben wir auch auf der Baustelle erlebt, die das Team von Profi Mike Zimmermann aus Berlin (s. S 22–23) betreut hat.

Heute beschäftigt ihn das Verspannen noch immer, wenn auch nur noch theo­retisch. „Luis Vogl Werkzeuge für die Verspanntechnik“ heißt sein Unternehmen, das alles anbietet, was der Profi zum Verspannen braucht. Via Online-Verkauf versorgt er Kunden aus ganz Deutschland mit Werkzeugen Spannfilz, Sprühkleber und vielem mehr.

„Bei uns geht alles über Mail und Telefon“, sagt Vogl, der selbst jede Woche von Montag bis Donnerstag von 9 bis 14 Uhr im Geschäft ist. „Es rufen auch öfters Menschen an, die Fragen haben zum Verspannen. Die beantworte ich immer“, sagt er.

Was ist das Geheimnis des Verspannens? Eignet sich jeder Teppichboden dafür? Lässt sich auch eine günstige Ware verspannen? „Natürlich“, erklärt Vogl, „das geht genauso. Wichtig ist etwas anderes: Es kommt auf den Rücken an. Sie brauchen einen Doppelrücken, einen synthetischen Zweitrücken. Ein Vliesrücken eignet sich aber nicht, der ist nicht dimensionsstabil. Der Rücken darf nicht immer länger werden, wenn man ihn zieht, muss also ein Gewebe haben. Denn wenn er g’scheit eingespannt ist, muss man ihn nicht nachspannen.“

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