Erfahrungsbericht Estrich legen in England

Der Kunde hieß Aldi, das Objekt steht in Swindon. Handwerksunternehmer Alexander Unger beschreibt, wie er mit seiner Kolonne in England anrückte und zahlreiche Hürden meisterte.

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    © M. Wild, privat ’08
    Das Weitwinkel-Panoramabild zeigt die ganze Dimension des Objekts.
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    © Unger
    Willkommen im Schilderwald: Da ist Orientierung gefragt.

Estrich legen in England

„Natürlich machen wir Estrich in England. Aber könnten das Firmen vor Ort nicht preisgünstiger ausführen?“ Das waren ungefähr meine Worte, als uns ein befreundetes Architekturbüro anrief, um zu fragen, ob wir bereit wären, schwimmenden Estrich in einem Warenverteilerzentrum in Swindon nahe Bristol zu verlegen. Der Kunde war Aldi England. Unsere Frage wurde mit dem Hinweis auf nicht zufriedenstellende Estrichleistungen beim Vorprojekt beantwortet. Große Flächen mussten wieder ausgebaut werden. Es kam zu Zeitverzögerungen, verbunden mit enormen Kosten. Im Rückblick glaube ich, dass es in England leicht ist, eine Fachfirma für den Betoneinbau zu finden. Man tut sich aber schwer, eine solche für den Einbau schwimmenden Estrichs auf Dämmung aufzutreiben. Dies mag daran liegen, dass es in England kein vergleichbares Ausbildungssystem wie in Deutschland gibt. So genannte Facharbeiter, die heute Estrich einbauen, haben oft vor ein paar Tagen noch als Lkw-Fahrer oder als Bäcker gearbeitet.


Ich erklärte mich damals bereit, ein Angebot für dieses Objekt zu erarbeiten. Mit meinen Fremdsprachenkenntnissen (Englisch, Italienisch, Französisch, Spanisch) ging ich davon aus, nicht auf Sprachbarrieren zu stoßen. Die Angebotsbearbeitung war jedoch viel komplizierter als ich mir dies gedacht hatte. Es waren steuerliche Aspekte zu klären; beispielsweise die Frage, ob man einem ausländischen Kunden die Mehrwertsteuer berechnet, wenn das Gewerk in England verbleibt. Dazu ergab sich die Schwierigkeit, dass wir beim Wareneinkauf in England die Mehrwertsteuer zwar bezahlen mussten, jedoch diese nur in einem ungemein komplizierten Verfahren zurückerstattet bekommen würden. Zu Haftpflichtversicherung, Krankenversicherung für die Mitarbeiter, Transport des Lkw, der Pumpe sowie des Materials auf die Baustelle stellten sich weitere Fragen.


Schöner Sieg im Währungspoker

Viele Großhändler, bei denen wir diese Leistung anfragten, waren entweder nicht willens oder nicht in der Lage, alles per Spedition auf die Insel zu bringen. Diese und eine Reihe anderer Unsicherheiten waren meine Begleiter, als ich das Angebot mit einem flauen Gefühl in der Magengegend abgab. Es war realistisch kalkuliert, jedoch natürlich mit Aufschlag für die Tätigkeiten im Ausland. Danach hörte ich erst mal ein halbes Jahr nichts mehr. Ich hatte die Angelegenheit schon fast zu den Akten gelegt, als der Ansprechpartner aus dem Architekturbüro mir mitteilte, dass man mir ein neues Leistungsverzeichnis (natürlich in englischer Sprache) übersenden würde, weil die Leistungen zwischenzeitlich modifiziert worden seien. Beim Ausfüllen des mit englischen Fachbegriffen gespickten Leistungsverzeichnisses sollte ich davon profitieren, dass ich meine estrichspezifische Dissertation auf Englisch verfasst hatte.


Auf unser Angebot hin wurde ich kurzfristig zum Vergabetermin vor Ort nach Swindon geladen. Nachdem die Arbeiten bei Vergabe an uns sofort beginnen sollten, reiste ich mit einem Laser im Gepäck an. Tags darauf wurde ich mir mit den Verantwortlichen von Aldi England relativ zügig auf dem Verhandlungsweg einig. Es wurde vereinbart, die Währungsproblematik zu umgehen, indem statt in Pfund in Euro abgerechnet werden sollte; zum Umrechnungskurs am Tag der Vergabe. Dies sollte sich als günstige Lösung für uns herausstellen, da das Pfund im Zuge der Baustellenabwicklung im Vergleich zum Euro deutlich an Wert einbüßte und wir sonst um 15 bis 20 Prozent weniger Vergütung erhalten hätten. Wer solche Objekte angeht, dem kann ich diese Vorgehensweise nur empfehlen.


In England darf kurzfristig nur handwerklich tätig werden, wer vorher generalstabsmäßig festgelegt hat, welche Risiken bei der Ausführung der Arbeiten entstehen, was zur Vorbeugung unternommen wird und was, falls doch ein Unfall passiert. Verlangt wurde ein Traktat von 50 Seiten, alles auf Englisch. Darüber hinaus sollten wir sämtliche Datenblätter der einzubauenden Produkte bereitstellen. Dabei stellten wir fest, dass auch renommierte deutsche Hersteller nicht über englischsprachige Datenblätter verfügten. Manche Hersteller erklärten auf Anfrage, sie lieferten exklusiv für den deutschsprachigen Markt; und wer eine englische Übersetzung benötigt, der solle sich eben eine organisieren. Das zum Thema: Der Kunde ist König!


Nachdem wir alle nötigen Unterlagen in aufwändiger Kleinarbeit besorgt hatten, konnten die Arbeiten beginnen. Bei der Unterbringung unserer Kolonne stellten wir fest, wie teuer es in England ist, auch nur einfache Übernachtungsmöglichkeiten anzumieten. Und auf der Baustelle gab es rigide Sicherheitsvorkehrungen: Zutritt nur nach erfolgter Sicherheitseinweisung mit einem entsprechenden Ausweis.


Alarm, der Feuerlöscher ist weg!

Kontrolliert wurde das durch den Sicherheitsdienst. Auch Bauleiter mussten im gesamten Baustellenbereich zu jeder Zeit Helm, Warnweste, Sicherheitsschuhe tragen. Die Begeisterung der Estrichleger ob dieser Regelungen kann man sich vorstellen. Wer schon einmal versucht hat, Estrich mit Helm sowie Sicherheitsschuhen zu verlegen, der weiß, was ich meine. Interessant war ferner, dass es im gesamten Baustellenbereich untersagt war zu essen, zu trinken oder zu rauchen. Der Bauherr wollte sich so die Schwierigkeit zusätzlichen Mülls ersparen. In jedem Baustellenabschnitt befanden sich Feuermelde- und Löschstationen, die vom permanent anwesenden Sicherheitsbeauftragten mit Argwohn beaufsichtigt wurden. Die deutschsprachigen Firmen allerdings konnten es sich gelegentlich nicht verkneifen, ihre kleinen Scherze mit dem Sicherheitsbeauftragten zu treiben. Als ich gemeinsam mit ihm die Begehung durchführte, stellte er plötzlich fest, dass eine seiner geliebten Feuerlöschstationen verschwunden war, und rief empört aus: „Bloody hell! They stole my firestation!“


Ein großes Problem war die Tatsache, dass in England nur die Verwendung elektrischer Geräte mit 110 Volt Spannung gestattet ist. Man kann allerdings selbst unter Verwendung von Adaptern ohnehin kein elektrisches Gerät mit 220 Volt betreiben, da es nicht die gewohnte Leistung erbringen würde.


Die meisten Probleme in Sachen Estrichtechnik hatten wir allerdings mit dem in England verfügbaren Sand. Die auf der Insel anzutreffenden Gesteinskörnungen sind in der Regel viel zu fein für einen brauchbaren Estrich. Es blieb mir nichts anderes übrig, als eine ganze Reihe Sandlieferanten zu treffen, um die Baustelle vernünftig abwickeln zu können. Einer brachte mir schließlich ein Muster von Marinesand mit einer Unmenge von kleinen Muscheln. Als ich ihm sagte, dass wir den Sand in einer größeren Körnung benötigen, meinte er, das sei einfach zu bewerkstelligen, indem er lediglich ein paar mehr Muscheln beigeben würde. Weil uns dieser Vorschlag wenig praktikabel erschien, behalfen wir uns schließlich mit einer Mischung aus feineren Sanden und gröberen Gesteinskörnungen.


Der Rest kam aus Deutschland

Nachdem wir alle anderen Materialien bis auf den Sand aus Deutschland angeliefert hatten, lief die Verlegung der Estriche unter Berücksichtigung der üblichen Baustellenschwierigkeiten zufriedenstellend. Prinzipiell gilt: Wer sich auf Auslandsbaustellen einlässt, der sollte sich von Beginn an klar darüber sein, welche Aufgabenstellungen ihn im spezifischen Fall erwarten.


An einem Abend wollte ich unserer wackeren Kolonne etwas Gutes tun und sie zum Essen in ein typisch englisches Pub einladen. Dort angekommen, stellten wir fest, dass sich innerhalb der zurückliegenden Jahrhunderte nur wenig verändert haben mochte. Wir betraten einen mit Bierdunst gefüllten, dunklen Raum und nahmen beherzt die speckige Karte zur Hand mit der typisch englischen Empfehlung: Tagliatelle alla Veneziana! Da entschieden wir uns doch lieber landesüblich für Fish and Chips.Dr. Alexander Unger

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