Verantwortung 2010 Ein Label ist zu eindimensional

Was bedeutet Nachhaltigkeit in der Fußbodenbranche? Wie kann es gelingen, ein bloßes Schlagwort mit Leben zu füllen? Auf Einladung von Uzin diskutierten Architekten, Bodenbelaganbieter und ein Objekteur das aktuelle Trendthema.

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    Architektin Annette Leidenfrost und Nora-Deutschland-Vertriebsleiter Friedhelm Beiteke.
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    Armstrong Marketingdirektor Markus Deimling.
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    Elke Reichel, Architektin.
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    Handwerksunternehmer Carsten Gessler.
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    Moderatorin Amber Sayah und Dr. H. Werner Utz.

Ein Label ist zu eindimensional

Nachhaltigkeit, Verantwortung Energieeffizienz. Auch in der Fußbodenbranche gehen diese Schlagworte inzwischen nahezu jedem Marktteilnehmer locker über die Lippen. Davon konnte man sich nicht zuletzt auf der Domotex, die Mitte Januar in Hannover stattfand, überzeugen. Doch die entscheidende Frage lautet: Wo hören bloße Lippenbekenntnisse auf, und wo fangen Inhalte an?


Dies zu hinterfragen, war Anlass für eine Podiumsdiskussion, die die Uzin Utz AG am dritten Messetag unter dem Motto „Verantwortung 2010“ veranstaltete. Der Ulmer Spezialist für Verlegewerkstoffe lud dazu Architekten, Bodenbelaghersteller und einen Handwerksunternehmer auf den Messestand in Halle 9. Moderatorin der Runde war Amber Sayah von der „Stuttgarter Zeitung“ und Mitbegründerin des Ludwigsburger Architekturquartetts.


"Nachhaltigkeit muss den Menschen in den Mittelpunkt stellen."


Wie gehen Architekten mit dem Thema Nachhaltigkeit um? Für Elke Reichel freie Architektin aus Stuttgart, geht es dabei um weit mehr, als eine Dämmstärke zu erhöhen oder einfach nur Produkteigenschaften zu verändern. Reichel, die unter anderem an der Seite von Stararchitekt Stefan Benisch das Ozeaneum in Stralsund realisiert hat, stellt beim Thema Nachhaltigkeit den Mensch in den Mittelpunkt. „Es ist wichtig, dass wir Häuser bauen, in denen man sich wohl fühlt, in denen man gerne lebt und arbeitet, Häuser, die man nicht nach ein paar Jahren wieder abreißt, sondern weiterträgt von Generation zu Generation.“ Damit schaffe man Qualität, die nachhaltig ist. Eine Einschätzung, die Dr. H. Werner Utz, Vorstandsvorsitzender der Uzin Utz AG, im Grundsatz teilt. Die Branche habe in den vergangenen zehn Jahren durchaus Teilaspekte der Nachhaltigkeit vor allem im Sinne eines verantwortlichen Handelns aufgegriffen, dabei „aber nicht im Sinne des nachhaltigen Bauens gehandelt“. Man habe den Fokus auf Einzelaspekte wie beispielsweise das Thema Emissionen gerichtet. Emissionen im Gebäude, die von Bodenbelägen oder Verlegewerkstoffen ausgehen und die sowohl den tätigen Handwerker treffen, aber noch stärker denjenigen, der das Gebäude nutzt. Heute ist die Vermeidung von Emissionen ein Teilaspekt der Nachhaltigkeit, glaubt Utz. Immer wichtiger würden auch für die Bauchemie der Lebenszyklus des Produktes von der Rohstoffverwendung über die Produktionsbedingungen und die Verarbeitung der Produkte auf der Baustelle bis hin zum Recycling.


"Wir benötigen standardisierte Gebäude-Zertifizierungssysteme"


Die komplexe Sichtweise, eben jene Lebenszyklusbetrachtung, ist auch für Armstrong-Marketingdirektor Markus Deimling das A und O. Aus seiner Sicht sind deshalb Label wie der Blaue Engel „für unsere Produkte zu eindimensional“. „Wenn ich den Lebenszyklus analysiere, verstehe ich, welche Komponenten, Rohstoffe, Fertigungsteilprozesse usw. Probleme für die Umwelt generieren und ich kann aktiv daran arbeiten, Dinge zu optimieren.“ So weit, so gut. Das Problem ist nur: Nachhaltige Produkte sind in der Regel nicht die günstigsten. Gerade bei öffentlichen Ausschreibungen gilt aber leider immer noch allzu oft: Der Billigste bekommt den Zuschlag. Findet hier allmählich ein Umdenken statt?


Friedhelm Beiteke, Vertriebsleiter Deutschland beim Kautschukbodenspezialisten Nora Systems, wischt das Preisargument vom Tisch. „Nora gehört immer zu den Teuersten. Wir wären nicht erfolgreich, wenn wir auf der Billigschiene fahren würden.“ Seit Jahren lebe man bei Nora die Konzeption der Nachhaltigkeit und habe damit viele öffentliche Kunden überzeugen können. Auch Beiteke rückt die Betrachtung des Lebenszyklus in den Mittelpunkt. Natürlich müsse man die Frage stellen, was mit dem Produkt passiert, wenn der Lebenszyklus zu Ende ist. „Ist es dann Sondermüll oder kann ich es einer anderen Verwendung zuführen?“


Dass in diesem Kontext das Thema Emissionen eine zentrale Rolle spielt, stellt Beiteke nicht in Abrede. Im Gegenteil, er mahnt hier die ganzheitliche Betrachtung einer Fußbodenkonstruktion an. Bodenbelaghersteller, Verlegewerkstoffanbieter und Verarbeiter sind gemeinsam in der Verantwortung. Nur wenn der emissionsarme Belag mit einem emissionsarmen Verlegewerkstoffsystem kombiniert und vom Handwerker richtig verarbeitet wird, erhalten Bauherr und Endnutzer am Ende Sicherheit.


"Wir wären nicht erfolgreich, wenn wir auf der Billigschiene fahren würden."

Dass Nachhaltigkeit derzeit um jeden Preis zum Zug kommt, bleibt für Annette Leidenfrost vom zarinfar Baumanagement in Köln ein Stück weit Utopie. Leidenfrost hat als Projektsteuerfrau viele öffentliche Bauten begleitet, darunter Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und Sporthallen. „Wenn wir über öffentliche Bauten sprechen, reden wir auch über öffentliche Gelder und die sind natürlich begrenzt“, sagt Leidenfrost. Architekten und Planungsbüros würden eine große Verantwortung tragen, wenn es darum geht, Nachhaltigkeit im Rahmen der budgetierten Kosten umzusetzen. Das beginne schon in der Konzeptionsphase, bei der Analyse ressourcenschonender Materialien. Dabei setze man die einschlägigen Bewertungstabellen ein, die über einen ganzheitlichen Ansatz Kriterien wie Produktentwicklung, Recyclingfähigkeit, aber auch Reinigung, Pflege und Langlebigkeit berücksichtigen. Der Architekt sei dabei auf Informationen der Industrie angewiesen, sagt Leidenfrost und plädiert für eine engere Zusammenarbeit zwischen der Industrie und den Architekten.


Und welche Rolle spielt dabei der verarbeitende Handwerker, der beispielsweise für bestimmte Anwendungen immer noch auf lösemittelhaltige Klebstoffe zurückgreift, die trotz aller Nachhaltigkeitschwüre der Industrie bis heute angeboten werden? „Man müsste sämtliche lösemittelhaltige Klebstoffe schlicht und ergreifend verbieten“, sagt der Hamburger Objekteur Carsten Gessler. Der Gesetzgeber lässt hier derzeit aber noch eine Hintertür offen, indem er lösemittelhaltige Kleber dort noch zulässt, wo aus technischer Sicht keine andere Lösung möglich ist. Der Knackpunkt ist: Vor allem relativ günstige Klebstoffe enthalten Lösemittel, die gesundheitsschädlich sind. Um im Bieterwettstreit bestehen zu können, werden nicht selten Angebote auf Basis günstiger, aber die Umwelt belastender Produkte abgegeben.

"Wir haben den Fokus zu lange auf Einzelaspekte gelegt."


Dabei tritt gerade Uzin mit dem Anspruch an, den Handwerker bei der Angebotsabgabe mehr als bisher zu unterstützen. Dazu passt, dass seit kurzem bestimmte Produkte mit dem Umweltzeichen Blauer Engel gelabelt werden. „Wir wollen den Handwerker ermuntern, sich vermehrt für öffentliche Aufträge zu engagieren“, sagt Utz. Schließlich sollen in diesem Jahr Bodenleger endlich von den Fördermitteln des Konjunkturpakets II profitieren. Öffentliche Auftraggeber könnten mit dem bekannten Blauen Engel mehr anfangen, als mit der brancheninternen EC-1-Kennzeichnung emissionsarmer Verlegewerkstoffe. Dass der Blaue Engel bei öffentlichen Ausschreibungen hilfreich ist, kann Armstrong-Marketingchef Deimling bestätigen. „Er erleichtert das Verkaufen.“ Auch bei Nora ist der Blaue Engel ein zentrales Verkaufsargument. Wenn es aber stimmt, dass sich EC-1-Label und Blauer Engel hinsichtlich der gestellten Anforderungen nur marginal unterscheiden, liegt der Schluss nahe, dass der Blaue Engel eben doch in erster Linie ein Marketinginstrument darstellt, das am Ende gerade bei öffentlichen Auschreibungen hilft. Neben dem notwendigen ganzheitlichen Anspruch an Nachhaltigkeit hat die Podiumsdiskussion das zum Ausdruck gebracht und sollte es wohl auch bringen.Stefan Heinze




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