Die internationale Finanzkrise wird voll auf das Handwerk durchschlagen. Diese Befürchtung äußerte Bundesinnungsmeister Joachim Barth, Zentralverband Parkett und Fußbodentechnik, im Interview mit boden wand decke. Von der Politik fordert er bessere Abschreibungsmöglichkeiten für handwerkliche Leistungen und verweist auf Beispiele anderer Länder.

Bittsteller und Monopoly-Spieler
bwd Schlägt die internationale Finanzkrise auch auf das Handwerk durch?
Barth Sicher wird das Handwerk die Krise zu spüren bekommen. Das Bankengewerbe hat den Ruf der Seriosität dauerhaft verspielt. Der Begriff „internationale Finanzkrise“ beschönigt das jahrelange Monopoly-Spiel der Experten mit der realen Welt. Und ausgerechnet der Bundespräsident hält den Spielern den Spiegel vor. Er könnte sich selbst darin erkennen, war er doch noch vor vier Jahren einer der exponiertesten Vertreter der Bankenseriosität sowie in einer Position, in welcher er die Entwicklung des Problems hat erkennen müssen. Mal abgesehen vom finanziellen Desaster für viele Anleger ist ein emotionaler Flurschaden entstanden, der sich in seinen Auswirkungen gar nicht erahnen lässt. Vielleicht ist er mit dem vergleichbar, den seinerzeit in unserer Branche die Abqualifizierung durch die Änderung der Handwerksordnung verursachte. An das Drangsalieren und Schikanieren unter Hinweis auf Basel III und eigene Geschäftsbedingungen erinnert sich jeder, der schon mal einen Kredit benötigte. Wie bitter muss ihm aufstoßen, dass Banken mit dem ihnen anvertrauten Geld fahrlässig in Millionen- oder Milliardenrisiken eingestiegen sind. Außer einem nur vorläufig überwundenen Energiepreisschock und den Milliardenpleiten wird die angekündigte und teils bereits eingetretene Rezession bei vielen Endverbrauchern zur Zurückhaltung führen. Wo soll Spielraum für ein konsumfreudiges Verhalten sein, wenn viele Angestellte um ihren Arbeitsplatz bangen?
bwd Wie verhalten sich die Banken gegenüber dem Handwerk?
Barth Es wird sich nichts ändern. Kreditsuchende bleiben Bittsteller. In entsprechenden Formularen fordern sie die Bank nicht etwa auf, ein Angebot abzugeben. Sie unterschreiben wie von Amts wegen einen Antrag. Im Idealfall wird die Kreditsumme durch Einzahlung eines Betrags derselben Höhe abgesichert. Für die Einlage gibt es vier, der Kredit kostet zwölf Prozent. Einst schuf Raiffeisen für notleidende Landwirte eine Bank, Gewinne kamen Genossenschaftsmitgliedern zugute. Eine solche Einrichtung würde für viele seriöse Handwerksbetriebe manchen Weg wirklich freimachen.
Die Banken verkaufen weiter Kredite. Kürzlich wurde ein Handwerkskammerpräsident Aufsichtsratsvorsitzender einer Bank. Auf die schriftliche Bitte, er möge dafür sorgen, dass die Bank auf den Kreditverkauf freiwillig verzichtet, hat er gar nicht erst geantwortet. So gehen Banken mit dem Handwerk um.
bwd Was fordern Sie angesichts milliardenschwerer Hilfspakete für Banken und Autoindustrie für das Handwerk?
Barth Das Handwerk ist außer in manchen Sonntagsreden nie verwöhnt worden. In den vergangenen zehn Jahren sind Zehntausende Betriebe in der Versenkung verschwunden, ohne dass Inhaber Hasardeure gewesen wären. Mit ihnen verschwanden Hunderttausende Arbeitsplätze, doch nie so spektakulär wie bei einem Großunternehmen. Hilfen waren kleine Erleichterungen, wirkliche Rettungsmaßnahmen gab es nie. Dafür wurden Milliardenbeträge in die Ausbildung außerhalb des Dualen Systems gesteckt. Absolventen von Bildungsträgern fanden in der Folge mangels ausreichender praktischer Erfahrungen keinen Arbeitsplatz. Wären ausbildungsfähige Handwerksbetriebe nur annähernd in diesem Maße gefördert worden, sie hätten wesentlich zur Verbesserung der Ausbildungsplatzsituation beigetragen und jungen Menschen gute Chancen fürs Berufsleben geboten. Wir fordern deutlich verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten für Handwerkerleistungen mit dem Ziel, privaten Auftraggebern attraktive Investitions- und Konsumanreize zu bieten. In anderen Ländern wie Luxemburg oder Frankreich wird dies längst erfolgreich praktiziert. Das wäre auch ein Beitrag im Kampf gegen die Schwarzarbeit.
bwd Wie steht es um die Berufsfamilie "Fußboden"
Barth Was wir für den Fußbodenbereich seit Jahren fordern, wird nun politikbestimmt für das gesamte Handwerk gewünscht. Insofern waren wir tatsächlich anderen voraus. Es gibt derzeit solche Verhandlungen. Gern wären wir schon viel weiter, leiden aber darunter, dass immer noch Kollegen aus dem Handwerk Hegemoniedenken unterstellen, statt die sich bietenden Chancen zu nutzen. Alle Gewerke tun gut daran, schnellstmöglich sowie freiwillig eine Übereinkunft bei voller Souveränität der einzelnen Verbände herbeizuführen, ehe administrative Entscheidungen zu Fehlentwicklungen führen, die nicht zu korrigieren sind.
bwd Welche Schwerpunkte gibt es aktuell in der Verbandsarbeit?
Barth Handwerkspolitisch forcieren wir die Zusammenlegung der Ausbildungsberufe Boden- sowie Parkettleger. Zwischenziel ist eine Meisterprüfung für Bodenleger. Das Gesamthandwerk sollte in die Offensive gehen und seine Vorstellungen von einer HwO der Zukunft in die Öffentlichkeit tragen. Sonst verliert es in den eigenen Reihen erneut an Glaubwürdigkeit. Das Bemühen der Industrie, den Beruf der Montagefachkraft und den des Tür-, Tor-, Fenstermonteurs zu schaffen, sollten wir boykottieren. Die in Berufsbildern geplanten Eckwerte führen sonst zur Atomisierung unseres Handwerks und vieler anderer. Wir treten für eine Durchsetzung der Ausbildereignungsverordnung ein. Wir fordern die Verringerung zu großzügiger Grenzwerte für Mehrschichtprodukte. Schließlich sind heute hochwertigen Produktionsvorgänge gang und gäbe. Ferner ist die Drei-Prozent-Ausnahmeregelung bei den Sortiervorschriften abzuschaffen. Schließlich streben wir die Gründung eines Arbeitskreises „Altlasten und Umweltschutz“ an.
bwd Herr Barth, danke für das Interview.
Die Fragen stellte bwd-Redakteur Walter Pitt.
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Barth schmiedet BerufsfamilieHeikle FamilienangelegenheitenVideo-Interview mit Joachim Barth