bwd Herr Schilgen, die belgischen Mitglieder und bis auf Vorwerk alle deutschen Mitglieder haben die ETG verlassen. Ist die ETG damit am Ende?
Schilgen Diese Frage können wir mit einem klaren Ja beantworten. Die Europäische Teppich-Gemeinschaft e.V. wird so, wie sie in den letzten 40 Jahren bestanden hat, zukünftig nicht mehr existieren.
bwd Warum erfolgten die Austritte?
Schilgen Hier spielen natürlich die Marktveränderungen eine gewichtige Rolle. Wir sind der Meinung, dass das Teppich-Siegel – seit dem Jahr 2002 „Certificate of Quality“ – in den letzten Jahren vom Handel nicht mehr konsequent genug als differenzierendes Qualitätslabel gefordert wurde. Und wenn der Handel dies in seinen Kollektionsgesprächen nicht mehr als ein entscheidendes Kriterium nachfragt und damit die Mehrkosten nicht zu amortisieren sind, wird auch der Nutzen bei den Mitgliedern nicht mehr gesehen.
bwd Waren die Eigeninteressen der einzelnen Mitglieder bzw. deren Firmenphilosophien nicht von Beginn an zu heterogen?
Schilgen Die ETG besteht nun bereits seit über 40 Jahren und ist sehr langsam und sehr homogen gewachsen. Erst mit der Auflösung der Arbeitsgemeinschaft Textiler Bodenbelag (ATB) Mitte der 90er Jahre hat die ETG einen enormen Mitgliederzuwachs erfahren sowie größere finanzielle Mittel für Werbeaktivitäten zur Verfügung gehabt. Aber auch zu dieser Zeit hatten die Mitglieder noch einheitliche und klare Vorstellungen von den Zielen und der Mittelverwendung der ETG. Erst in den letzten Jahren, einhergehend mit der Verknappung der finanziellen Mittel, klafften die Meinungen über die Ziele bei den Mitgliedern auseinander.
bwd Gibt es eventuell ein anderes zukunftsfähiges Konzept für den Zusammenschluss qualitätsorientierter Teppichbodenhersteller?
Schilgen Es ist richtig, dass wir unsere Ziele, Differenzierungsinstrumente zu bieten basierend auf Qualität, natürlich nicht so schnell aufgeben wollen. Deshalb arbeiten wir bereits an einem neuen Konzept, welches wir zunächst mit potenziellen Mitgliedern und Kunden abstimmen werden. Über Details können wir jetzt noch nicht reden, dafür ist es einfach noch zu früh. Aber es stellt sich die Frage, ob wir uns mit dem neuen Konzept allein auf den Bereich der textilen Bodenbeläge beschränken oder die Kreise größer ziehen müssen.
bwd Worin liegt die Daseinsberechtigung eines neuen Qualitätszirkels?
Schilgen Der Markt braucht – gerade im Hinblick auf die sich verändernden Marktverhältnisse – nach wie vor ein Differenzierungsmittel hinsichtlich des Qualitätsaspektes. Woran sonst soll der Konsument Qualität von Nicht-Qualität unterscheiden? Allein der Preis reicht als differenzierendes Kriterium nicht aus, geschweige denn die fehlende Argumentation der Wertigkeit durch den Verkäufer. Und da unsere Branche nicht gerade von einer Markenvielfalt lebt, wird ein kennzeichnendes Qualitätslabel für einige Hersteller notwendig sein, um sich von Wettbewerbern abzuheben und auch um höhere Preise am Markt durchzusetzen.
