Marktzahlen, Nachhaltigkeit, Recht Fließestrichforum 2026: Impulse für die Branche

Das Fließestrichforum 2026 liefert Estrichbetrieben Zahlen und Argumente für den Alltag: Der Estrichmörtel-Absatz sinkt das dritte Jahr in Folge, der CO2-Vorteil von Calciumsulfatestrich gegenüber Zementestrich wird mit rund 40 bis 60 Prozent beziffert, Dünnschichtestriche gelten als Sonderkonstruktion – und wer von den a.a.R.d.T. abweichen will, braucht Aufklärung und informierte Zustimmung.

Gruppenfoto der Teilnehmer
Rund 110 Teilnehmer nutzten das Fließestrichforum in Fulda für fachlichen Austausch, neue Impulse und aktuelle Branchenthemen. - © Stolpmann

Das neunte Fließestrichforum 2026 hat Anfang September erneut Fachhandwerker, Sachverständige, Planer sowie Vertreter der Industrie in Fulda versammelt. Rund 110 Teilnehmer nutzen die Veranstaltung, um sich rund um den Baustoff zu informieren und auszutauschen. Veranstalter sind der Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel (VDPM), der Bundesverband Estrich und Belag (BEB) und das Institut für Baustoffprüfung und Fußbodenforschung (IBF).

"Hier trifft sich die Branche, es ist Zeit genug für persönliche Gespräche mit Kollegen. Und fachlich nimmt man immer was mit." So bewerten die Teilnehmer nach Veranstalterangaben die Mischung aus gesellschaftlichem Ereignis am Vorabend und dem vielseitigen Vortragsprogramm tags darauf. Sebastian Groppweis und Antje Hannig (VDPM) sowie Daniel Rendler und Bernfried Hansel (BEB) präsentieren den Teilnehmern eine Mischung aus Technik und Praxis mit Nachhaltigkeit als thematischer Klammer.

Estrichmörtel-Marktstatistik 2026: Trendwende lässt auf sich warten

Sebastian Groppweis eröffnet das Forum mit einem Überblick über die wirtschaftliche Lage der Branche. Er präsentiert die aktuelle Estrichmörtel-Marktstatistik für 2026, die der VDPM gemeinsam mit der B+L Marktdaten GmbH veröffentlicht. "Die weniger dramatischen Rückgänge im Estrichmarkt in diesem Jahr lassen sich wahrscheinlich mit den schwachen Rest-Positiv-Signalen in der Bauwirtschaft erklären. Dennoch sind wir das dritte Jahr in Folge mit einem Absatzminus konfrontiert, das im Vergleich zu 2025 noch bei -3,5 Prozent liegt", so Sebastian Groppweis.

Statistik
Der Estrichmörtel-Absatz in Deutschland wird für 2026 auf
2,4 Mio. m³ prognostiziert und liegt damit 0,1 Mio. m³ unter
dem Vorjahreswert von 2,5 Mio. m³. - © VDPM und B+L Marktdaten GmbH

Diesen Wert hat B+L im Rahmen der Prognose auf das gesamte Jahr 2026 hochgerechnet. In den beiden Jahren zuvor gab es jeweils zweistellige Rückgänge: 2024 zu 2023 waren es -18 Prozent und 2025 zu 2024 immer noch -10 Prozent. Die Marktanteile der verschiedenen Estrichmörtel bleiben wie in den vergangenen Jahren prinzipiell gleich. Konventioneller Zementestrich behält die erste Position mit aktuell 1,03 Mio. m³ und einem Anteil von 43 Prozent.

Bezogen auf das ganze Jahr 2026 liegt der Estrichmörtel-Absatz in Deutschland bei 2,4 Mio. m³. Das sind 0,1 Mio. m³ weniger als 2025 (2,5 Mio. m³). Laut B+L lässt eine echte Trendwende allerdings weiter auf sich warten.

Merkblatt 11 für Calciumsulfat-Fließestriche

Das anschließende Vortragsprogramm spannt im ersten Teil den Bogen über aktuelle Themen wie Nachhaltigkeit, Rohstoffsicherung und Recycling. Zu Beginn stellt Dr. Matthias Büttner, Head of Development Center DACH bei der Knauf Gips KG, das Merkblatt 11 "Nachhaltigkeit von Calciumsulfat-Fließestrichen" vor. Erarbeitet haben es der VDPM und die Industriegruppe Estrichstoffe im Bundesverband der Gipsindustrie (IGE). Inhaltliche Schwerpunkte sind unter anderem Rohstoffgewinnung, Produktion und Logistik sowie Rückbau und Recycling.

"Das Merkblatt soll die Transparenz des Begriffs Nachhaltigkeit erhöhen, indem entsprechende Datenquellen - insbesondere Umwelt-Produktdeklarationen - aufgezeigt werden und ein Überblick über themenbezogene Label sowie einschlägige Zertifizierungssysteme gegeben wird", so Dr. Büttner.

Reichen die Rohstoffe für die Zukunft?

Gruppenfoto der Gastgeber
Die Gastgeber des neunten Fließestrichforums (v.l.): Bernfried Hansel (BEB), Daniel Rendler (BEB), Sebastian Groppweis (VDPM) und Antje Hannig (VDPM). - © Stolpmann

Diese in der Branche viel diskutierte Frage beantwortet Andreas Hübner (Casea GmbH) optimistisch. Für den in einigen Jahren wegfallenden REA-Gips kann Recyclinggips nach seiner Einschätzung durchaus eine alternative Rohstoffquelle sein, ist aber nicht im benötigten Umfang verfügbar. Nachhaltiges Bauen bedeutet auch weniger Abriss in Deutschland und damit weniger Recyclingrohstoff. Zum Ausgleichen der Rohstofflücke kommen in erster Linie Naturanhydrite und
-gipse infrage.

In der Diskussion stehen unter anderem Phosphatgips, Citronensäure-Gips, Titanogips und Zement. "Für die Herstellung von Estrich wird es immer Rohstoffe geben in absehbarer Zukunft", so Andreas Hübner, "Naturanhydrit, synthetischer Anhydrit und Zement werden dabei eine wichtige Rolle spielen."

Gipsrecycling im Südharz: Drei Forschungsprojekte

Dr. Grit Losch (Casea GmbH) präsentiert die Initiative "Gipsrecycling als Chance für den Südharz". Sie wird durch das vom Bundesforschungsministerium unterstützte Bündnis WIR! (Wandel durch Innovation in der Region) realisiert. Dr. Losch berichtet über drei Forschungsprojekte, die über WIR!-Bündnisse initiiert wurden:

  • EcoStuc: Entwicklung eines Putzgipsmörtels auf der Basis von Recyclinggips
  • SortGips: Entwicklung eines (optischen) Sortierverfahrens zur Nutzbarmachung von Gips/Anhydrit-Übergangsgestein
  • RC-Estrich: Entwicklung eines Recycling-Fließestrichs auf Calciumsulfat-Basis

Die im Detail vorgestellten Verfahren zeigen: Mit Gipsrecycling und dem Einsatz von Estrichbruch sind Innovationsprozesse technisch realisierbar, und es entstehen praxistaugliche Ergebnisse.

ESG-Kriterien: Die Estrichwahl beeinflusst die CO2-Bilanz des Gebäudes

Thomas Siebenhaar (Projekt Bauart Wohninvest GmbH) zeigt, wie und auf welcher Basis Nachhaltigkeit und insbesondere das ESG-Regelwerk (Environment, Social, Governance) mit seinem Kriterienraster Investitionsentscheidungen im Wohnungsbau beeinflussen. "Die Anforderungen wandern über Banken und Investoren bis in die Bauausführung", erklärt er. Das konkretisiert er mit einem Beispiel bei der Auswahl von Estrich.

Der Wechsel von Zementestrich zu Calciumsulfatestrich reduziert nach seinen Angaben die CO2-Emissionen des Estrichs um rund 40 bis 60 Prozent. "Auf Gebäudeebene entspricht dies einer Verbesserung der Herstellungsbilanz um etwa zwei Prozent bis fünf Prozent." Solche Materialentscheidungen können bei nachhaltigen Bauprojekten entscheidend sein, um Grenzwerte für Treibhauspotential und Primärenergie sicher einzuhalten.

Roman Kirchhofer
Roman Kirchhofer (KBS AG, CH-Veltheim) erläuterte die Herausforderungen durch Feuchtigkeit und Trittschallschutz beim Einsatz von Calciumsulfat-Fließestrichen im Holzbau. Seine Empfehlung: möglichst frühzeitig und möglichst viel lüften. - © Stolpmann

Technik und Recht: Dünnschichtestrich, Frässysteme und a.a.R.d.T.

Im zweiten Teil vertiefen praxisrelevante Fragestellungen aus den Bereichen Technik und Recht das Vortragsprogramm. Sind Dünnschichtestriche und eingefräste Fußbodenheizungen regelkonform? Burkhard Prechel (Mapei GmbH) erklärt dazu: "Da Dünnschichtestriche von den Vorgaben nach DIN 18560 abweichen, sind sie Sonderkonstruktionen. Die Ausführungsbestimmungen des Systemgebers sind zwingend einzuhalten."

Prechel weist darauf hin, dass der Fräskanal die wirksame Estrichdicke stark reduziert und gleichzeitig die Druck- und Zugbelastung erhöht. Der Estrich kann an Tragfähigkeit einbüßen. Weil sowohl bei Dünnschichtestrichen wie bei Frässystemen noch viele Fragen offen sind, rät er dem Handwerk, Bedenken anzumelden und Auftraggeber auf mögliche Risiken hinzuweisen.

Checkliste: Offene Punkte bei Dünnschichtestrich und Frässystemen (nach Prechel)

  • Prüfung des Bestandsestrichs
  • Gewerkekoordination
  • Haftung
  • Ausführungsbestimmungen des Systemgebers zwingend einhalten
  • Bedenken anmelden und Auftraggeber auf mögliche Risiken hinweisen

Abweichungen von den a.a.R.d.T.: Was vertraglich möglich ist

Direkt daran knüpft Rechtsanwalt Frank Häberer (Häberer + Partner Rechtsanwälte mbB, Leipzig) an. Er behandelt die Frage, ob bei einem Bauvorhaben Abweichungen von den allgemein anerkannten Regeln der Technik (a.a.R.d.T.) wirksam vereinbart werden können. Die a.a.R.d.T. sind Regel- und Vergleichsmaßstab, Abweichungen davon sind grundsätzlich privatautonom vereinbar. "Klarheit, Aufklärung und informierte Zustimmung sind dabei unverzichtbar", so Häberer. "Funktion, Sicherheit und zwingendes Recht bleiben die Grenze."

Seminarraum mit allen Teilnehmern
Die Veranstaltung bot Fachhandwerkern, Sachverständigen, Planern sowie Vertretern der Industrie ein vielseitiges Vortragsprogramm, das von Technik über Nachhaltigkeit bis hin zu KI reichte. - © Stolpmann

Zeit sparen mit KI im Estrichbetrieb

Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde, aber oft noch wenig konkret. Mick Nitschke (SeminarPool GmbH) demonstriert die Möglichkeiten von KI, Fachunternehmern das Geschäftsleben zu erleichtern – unter anderem bei allen Arten von Korrespondenz, aber auch bei der Bildbearbeitung oder bei Dokumentationen.

Mit den richtigen Eingabeparametern, die er den Teilnehmern vorstellt, lassen sich etwa Mails an streitbare Auftraggeber ebenso professionell gestalten wie Texte juristischen Inhalts. Mit wenigen Klicks wird aus einem Baustellenbild ein fertig gestaltetes Objekt, das sich vorzeigen lässt. "KI spart Ihnen bei all diesen Vorgängen jede Menge Arbeitszeit", erklärt Nitschke.

Calciumsulfat-Fließestrich im Holzbau: Feuchte und Trittschall im Griff behalten

Roman Kirchhofer (KBS AG, CH-Veltheim) liefert in seinem Vortrag über den Einsatz von Calciumsulfat-Fließestrichen im Holzbau eine Fülle relevanter Detailinformationen zur Bauphysik. Im Mittelpunkt stehen Feuchtigkeit sowie die Akustik in Verbindung mit dem notwendigen Trittschallschutz. Beim Feuchteeintrag analysiert er wichtige Begleitfaktoren wie das Lüften und die optimale Heizkurve im Trocknungsprozess bei Holzbauten. Seine Empfehlung: möglichst frühzeitig und möglichst viel lüften.

Es folgen detaillierte Darstellungen der Mess- und Prüfverfahren beim Trittschall und die Bewertung von Trittschall-Dämmmaßnahmen. Der hohe Aufwand und die zahlreichen Anforderungen beim Fließestricheinsatz im Holzbau sind laut Kirchhofer letztlich notwendig, "damit eine Mehrheit der Benutzer bei üblicher Nutzung vor erheblicher Störung geschützt wird".

Sichtestrich als geführte Entscheidungskette

Zum Abschluss lädt Michael Brogna (Swiss Floor GmbH, CH-Studen) die Zuhörer ein, mit ihm dem Lebenszyklus eines Sichtestrichs zu folgen. Der Weg beginnt bei ersten Denkmodellen und führt über die Beratung von Architekt und Nutzer, über Materialien, Muster und den geeigneten Partner für eine hochwertig-handwerkliche Ausführung bis hin zur fachgerechten Nutzung und Pflege. Den roten Faden seines Vortrags beschreibt Michael Brogna so: "Sichtestrich ist kein einzelner Arbeitsschritt, sondern eine geführte Entscheidungskette!"

Fließestrichforum 2026: Vorträge zum Download, nächster Termin Herbst 2028

Die Vorträge des Fließestrichforums 2026 stehen auf www.vdpm.info zum Download bereit, hier geht es zur Übersicht. Die nächste Ausgabe des Fließestrichforums ist laut VDPM für Herbst 2028 geplant.