In einem Gewerbehof in Berlin-Kreuzberg ist KS Bodenbelagsarbeiten zu finden. Das Unternehmen von Chef Karsten Schulze verlegt in und um Berlin seit 25 Jahren so ziemlich jeden Bodenbelag. Und am Wochenende? Geht’s raus aufs Wasser.

Etwas ratlos schaut Karsten Schulze, als er die Frage hört: „Haben Sie den Boden auf Ihrem Boot auch selbst verlegt?“ Da muss er lachen. Und dann doch etwas weiter ausholen. Denn das Boot, von dem die Rede ist, ist ja kein Ausflugskahn, sondern ein offenes Schwertboot.
Kutter ZK10 nennt sich das Gerät. Kuttersegeln heißt die Disziplin, die Karsten Schulze zwischen Mitte April und Oktober jedes Wochenende in Bewegung hält. Wer bei „Kutter“ an Krabbenkutter, an gemütliches Herumtuckern mit dem Cocktailgläschen in der Hand denkt, liegt falsch. Beim Kuttersegeln geht es um ein Sportgerät, mit dem Wettkämpfe, Regatten und Meisterschaften ausgetragen werden.
KS Bodenbelagsarbeiten: Heimathafen Kreuzberg
Dieser Kutter ist ein offenes Boot mit zwei Masten ohne großen Komfort. Das sechsköpfige Team an Bord versucht, ihn durch Wind und Wellen zu bringen – und beim Wettkampf natürlich schneller als die Mitbewerber zu sein. „Das ist nichts, wo Sie Ihren Erdbeerkuchen drauf essen“, sagt der Bodenleger.
Von Montag bis Freitag steuert Schulze allerdings ein ganz anderes Schiff. Und dessen Heimathafen ist Kreuzberg. Von der Straße aus einmal ganz durch bis zum dritten Hof. Genauer: einem Gewerbehof mit drei Quergebäuden vom Ende des 19. Jahrhunderts. Heute sind dort unter anderem Büros, Gewerbe- und Handwerksbetriebe sowie das obligatorische Tattoo-Studio untergebracht. KS Bodenbelagsarbeiten ist hier seit 2019 auf rund hundert Quadratmeter ansässig. Neben Geschäftsführer und Gründer Karsten Schulze gehören zwei Boden- und ein Parkettleger, zwei Auszubildende sowie das Büro-Team zur neunköpfigen Mannschaft; angegliedert sind außerdem mehrere Subunternehmer.
Zu den Auftraggebern zählen neben Privatleuten überwiegend Genossenschaften, Hausverwaltungen, Architekten und bauausführende Firmen. Verlegt werden Linoleum-, Kautschuk-, PVC- und Vinyl-Bodenbeläge, sämtliche textile Bodenbeläge sowie Kokos-/Sisalläufer. Zum Programm gehört auch die Neuverlegung oder Aufarbeitung von Parkett-, Dielen- und Laminatfußböden, sachverständige Stellungnahmen, der Einbau von Trockenestrichen und mehr.
Umgeben von Kunst
Mitten im Hof steht ein kleineres Gebäude, eine Hofremise, oben drin hat sich Karsten Schulze sein Büro eingerichtet, in dem er Besucher empfängt. An den Wänden: gerahmte Fotos Berliner Künstler. Sammler sei er nicht, sagt Schulze, aber er umgebe sich gern mit Kunst, vor allem mit Fotos und Gemälden. Früher hat er selbst Kunst gemacht, als Schauspieler, heute unterstützt er talentierte Menschen aus Kreuzberg, zum Beispiel als Sponsor eines Kunstsalons in Berlin Charlottenburg.
Wer sich mit Schulze eine Weile unterhält, kommt schnell auf den Gedanken: Das ist keiner, der den gerade Weg gegangen ist. Nach der Schule machte er zwar den Meister – aber nicht den Parkettleger-, sondern den Schornsteinfegermeister. Um festzustellen: Das willst du nicht für immer machen. Anschließend war er Schauspieler, Bühnenbildner, Messebauer und manches mehr. „Hat sich so ergeben“, lacht Schulze.
Wo kommt denn bei Ihnen der Bodenbelag ins Spiel?
Karsten Schulze: „Mit 23 war ich Schornsteinfegermeister. Der ursprüngliche Plan war: Mit 35 hast du deinen Kehrbezirk, dann Haus, Frau, Hund, du bist ein gemachter Mann mit zugeteiltem Bezirk, das Geld verdient sich bis zur Rente. So habe ich meine Vorgesetzten gesehen: gut situiert und saturiert. Die sind auf kein Dach mehr gestiegen. Das wollte ich letzten Endes dann aber doch nicht, sondern machte stattdessen mein Fachabitur, um Energieversorgungstechnik zu studieren. Aber dann traf ich Freunde, die ein Schiff im Treptower Park ausbauen wollten. Ein Hotelschiff mit siebzig, achtzig Kabinen. Da habe ich ein halbes Jahr lang als Tischler gearbeitet, weil ich fand, das sei eine gute Idee.“
Schwerpunkt ist Berlin
Schulze entdeckte den Bereich Ausbau für sich, die Tischlerei und den Messebau. Und die Bodenbeläge? Ein paar Schlenker weiter, eine Fugensanierungsfirma, eine Baufirma und einige weitere Stationen und Projekte später kam es im Jahr 2000 schließlich zur Gründung der KS Bodenbelagsarbeiten GmbH. Schwerpunkt damals: Linoleum, ein Material, das Schulze bis heute begeistert. 25 Jahre nach der Gründung des Unternehmens wird alles verlegt, was der Kunde wünscht. „Große Geschichten“ sind bei ihm hundert, zweihundert Quadratmeter große Objekte. Linoleum gibt es immer noch, oft kommt heute aber Vinyl zum Einsatz. „Wir machen alles, was ich interessant finde und wo ich den Eindruck habe, es mit guten Partnern zu tun zu haben“, sagt Karsten Schulze. Schwerpunkt der unternehmerischen Tätigkeit ist Berlin, wo KS Bodenbelagsarbeiten viele kleine Baustellen parallel betreut.
Was macht Ihnen bei Ihrer Arbeit am meisten Freude?
Karsten Schulze: „Beraten, die Vor- und Nachteile der einzelnen Produkte mit dem Kunden durchzugehen, das macht mir Spaß. Ich bin außerdem in der Meisterprüfungskommission der Parkettleger und fühle mich sehr verbunden mit der Innung. Beraten und verkaufen, Menschen an die Hand zu nehmen beim Bodenbelag, das ist mein Ding. Arbeit reinzuholen war für mich nie ein Problem. Es geht darum, Menschen einschätzen zu können, das ist oft vor allem Psychologie. Wie schafft man es, dass der Kunde sich am Ende wohlfühlt und zufrieden ist? Gerade wenn das, was er ursprünglich vorhatte, zum Scheitern verurteilt war.“

Ab aufs Wasser
So geht das von Montag bis Freitagvormittag. Freitags um die Mittagszeit werde Karsten Schulze „regelmäßig unruhig“, sagt er, dann geht es ab ins Wohnmobil. Der Kutter steht meistens schon dort, wohin ihn die Mannschaft am Sonntag zuvor gebracht hat. Samstagmorgens um acht ist er am Boot. „Um zehn Uhr ist Start, dann fährst du vier Wettfahrten bis nachmittags um vier; abends ist meist die Siegerehrung. Sonntag fährst du das Boot zum nächsten Spot und dann zurück nach Berlin. So finden die Wochenenden im Sommer statt“, sagt der Unternehmer.
Den Kopf freibekommen, das klappt bei Karsten Schulze am besten auf dem Wasser, aber danach sah es zunächst gar nicht aus. Wie viele Westberliner Familien der Nachkriegsjahre hatten auch die Schulzes ab und an das Gefühl, aus der eingemauerten, lauten, im Winter oft auch noch versmogten Stadt fliehen zu müssen. Und zwar in die Berge, und das in allen Ferien.
Karsten Schulze erinnert sich: „Meine Kindheit und Jugend haben gefühlt im Gebirge stattgefunden, das war die große Leidenschaft meiner Eltern. Jeden Sommer und jeden Winter sind wir in die Alpen gefahren. Seitdem ich zwei Jahre alt war, war ich im Alpenverein und bin es bis heute. Mit 14 fragte ich mich: Werde ich Schornsteinfeger oder Bergführer?“
Am Gebirge fasziniert Schulze der weite Blick. „Du kannst ewig weit gucken, das hat mir immer ein Gefühl von Ruhe und Frieden gegeben. Das ist das Gegenteil von dem, was ich hier habe: Stress und Hektik. Diese Mikro-Nadelstiche, die du jeden Tag hast: Wenn du nicht einen Ausgleich findest, wirst du verrückt“, sagt Karsten Schulze.
Die Alpen, der weite Blick von oben, Bergsteigen, das war konkurrenzlos – bis Schulze mit 15, 16 zum ersten Mal auf dem Wannsee segeln war. Aber erst als er um die vierzig Jahre alt war, entdeckte er das Kuttersegeln; bis heute das A und O für den Sechzigjährigen. Zwölf, 13 Regatten im Jahr stehen an, an jedem Wochenende im Sommer ist er auf dem Wasser, wo es ja ebenfalls einen weiten Blick gibt.
Irgendjemand, den Sie toll finden, sagen wir: die Stones, spielt nach vielen Jahren wieder in Berlin. Sie kommen an Karten, aber gleichzeitig steht eine Regatta an. Geht auch in dem Fall das Segeln vor?
Karsten Schulze: „Das geht immer vor, aber das bin ich ja nicht allein. Vielmehr bin ich mit einem ganzen Team unterwegs. An so einem Wochenende hängen viele Menschen mit dran.“
Der Kutter geht vor, egal, was kommt?
Karsten Schulze: „Egal, was kommt. Wobei: Es gibt da ja noch das Motorradfahren.“
Und manchmal ruft der Berg.
Karsten Schulze: „Ja, der Berg ruft manchmal auch. Von außen mag das wie Stress aussehen, aber das ist genau das, was mir Energie gibt. Der Energiehaushalt muss ausgeglichen sein. Und das ist er, wenn ich unter der Woche arbeite und um Wochenende, segeln gehe, Motorrad fahre, in die Berge gehe.“
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