Kaum ein namhafter Hersteller von Bodenbelag- und Parkettklebstoffen bezweifelt, dass Lösemittel über kurz oder lang vom Markt verschwinden. Aber wer macht den Anfang? bwd hat nachgefragt.
Nur einer bekennt Farbe
Die Gretchenfrage nach der Ablüftezeit etwa, sagt zum Beispiel Kiesel-Entwicklungschef Dr. Matthias Hirsch, lasse sich trotz Verzicht auf die Lösemittelklebstoffe zur Zufriedenheit des Verarbeiters beantworten. So könne zwar besagte Frist durch eine Verwendung der wegen Belastungen für Gesundheit und Umwelt umstrittenen Systeme verkürzt werden. Aber dieses Ergebnis sei auch durch die Vorgabe einer bestimmten Dicke der Spachtelschicht zu erreichen, so dass die Vorteile und Stärken der modernen, polymeren Bindemittelsysteme zum Tragen kämen.
Allein, Entwicklerkollege Jürgen Gehring, Bostik, zweifelt an der Überzeugungskraft dieses Hinweises: "Nur geringfügig längere Ablüftezeiten", beklagt er, "werden vom Markt schon als Malus betrachtet." Überhaupt, der Markt: "Letztlich sind wir als Hersteller gehalten, die Wünsche unserer Partner in Handel und Objekt zu erfüllen", wirbt beispielsweise Thomsit-Chefentwickler Dr. Udo F. Windhövel um Verständnis dafür, dass trotz besserem technischem Wissen die drei noch verbliebenen Kunstharz- und Neoprene-Klebstoffe vorerst weiterhin einen Platz im Sortiment des Marktführers aus Düsseldorf haben. Denn: "Wir erleben täglich aufs Neue, dass die Bereitschaft, sich von etablierten, erlernten Anwendungs- und Verarbeitungsprinzipien zu lösen, nur langsam voranschreitet."
Klartext von Norbert Strehle
Dabei hat in Zusammenhang mit einer Klassifizierung von Lösemittelklebstoffen ein ausgewiesener Parkettexperte – in diesem Bereich beträgt der Anteil entsprechender Produkte aktuell um die 35 Prozent – wie Norbert Strehle schon vor geraumer Zeit in boden wand decke darauf hingewiesen, dass es keinerlei technische Notwendigkeiten mehr für den Gebrauch von Lösemittelprodukten gebe. Dem widerspricht Günther Hermann, technischer Marketing-Manager Fußbodentechnik des Weltmarktführers Mapei, gar nicht, beruft sich aber auf die Problematik, höhere Kosten für Umwelt und Gesundheit schonende Produkte im Markt durchzusetzen: "Ein namhafter Parketthersteller hat uns mitgeteilt, er würde sofort umstellen, wenn wir gleichpreisig anbieten würden." Doch haben sich ungeachtet dessen die Italiener zum Ziel gesetzt, den Anteil der Lösemittelkleber an der eigenen Produktion weiter zurückzufahren.
Kritik an neuer Klassifizierung
Wie Mapei lehnt übrigens auch die Uzin Utz AG nach Angaben von Dr. Norbert Arnold, Leiter des technischen Produktservices, explizit die neue GISCODE Klasse S 0,5 ab. Begründung: "Wir sind der Meinung, dass diese den Verbraucher eher verunsichert und dafür sorgen könnte, dass die Hemmschwelle für den Einsatz lösemittelhaltiger Produkte gesenkt wird." Derweil ist sich auch Stauf-Anwendungstechniker Artur Podkowa im Klaren, was die Entwicklung in den nächsten Jahren betrifft. So würden Rohstoff- und Bauchemiehersteller durch Arbeitsschutz und andere gesetzliche Richtlinien künftig noch stärker als bisher gezwungen, Lösemittelprodukte durch neue Rezepturen annähernd vollständig zu ersetzen.
Da scheinen die Ulmer Bauchemiespezialisten unabhängig von gesetzgeberischen Vorgaben hinsichtlich des Bewusstseins schon einen Schritt weiter: "Wir haben uns klar positioniert. Das formulierte Ziel heißt: Zum 100-jährigen Bestehen im Jahr 2011 wollen wir kein einziges dieser Produkte mehr im Sortiment haben", trifft Arnold im Hinblick auf die eigene Politik eine klare Aussage, an der sich das Unternehmen wird messen lassen müssen.
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