Mit Hilfe der Uzin Utz AG und des Bundesentwicklungsministeriums konnte der Beruf des Parkett- und Bodenlegers in der Ukraine eingeführt werden. Die Eröffnung der Makarenko-Schule war ein Schritt raus aus der Vergangenheit in die Zukunft.
Unterstützung „made in Germany“
Alte Plattenbauten, zerfallene Hausfassaden, brökelnde Mauern. Auf dem Weg vom Flughafen Borispol in die Innenstadt von Kiew versetzt einen dieser Anblick in eine Zeit zurück, die an die Wiederaufbauphase in Deutschland erinnert.
Kein Wiederaufbau ohne Fußböden. Damit sind wir auch schon beim Thema. Die Ukraine, die mittelfristig die Eingliederung in die EU anstrebt, setzt alles daran, sich an westeuropäische Standards anzupassen. Doch mit dem Westen ist das hier nicht vergleichbar. Den Beruf des Parkett- und Bodenlegers gab es bis vor kurzem nicht, eine spezielle Ausbildung hierfür - Fehlanzeige. Diese Problematik hat die Uzin Utz AG, weltweit agierende Komplettanbieter für Bodensysteme, bereits vor einigen Jahren erkannt. Im Rahmen einer Public Private Partnership, bei der privates Kapital zur Erfüllung von staatlichen Aufgaben bereitgestellt wird, hat Uzin den Beruf des Parkettlegers in der Ukraine eingeführt.
Unterstützt wurde der Klebstoffhersteller bei seinem Vorhaben vom deutschen Bundesentwicklungsministerium, der Berufsschule Neustadt an der Aisch sowie dem Ausbildungsministerium und den Behörden in der Ukraine. Am 6. März wurde nun die Makarenko-Berufsschule in Kiew, die erste Schule für Parkettleger in der Ukraine, feierlich eröffnet. Die Problematik, die das Ulmer Unternehmen zu diesem Engagement verleitet hat, bringt Dr. Yuri Rudchenko, Vertreter der Uzin Utz AG in den GUS (Gemeinschaft unabhängiger Staaten), auf den Punkt: „Da es bisher keine spezielle Ausbildung für Bodenleger gab, verlegten Arbeiter aus dem Baubereich die Böden. Das fehlende Know-how in der Fußbodentechnik führt dann dazu, dass die Materialien falsch verarbeitet werden.“
Fehlendes Know-how führt zu Problemen
Rudchenko ist ein Mann wie ein Bär: groß, kräftig, mit einem festen Händedruck und mit einer tiefen Stimme. Aber der erste Eindruck täuscht. Auf den zweiten Blick offenbart sich eine ganz andere Seite von ihm. Er wirkt zurückhaltend, fast schüchtern. Doch wenn es um die Situation vor Ort geht, sprudelt es aus ihm heraus. Man merkt, dass ihm die Probleme, die durch das fehlende Fachwissen entstehen, betroffen machen. Ihn, der mit Herzblut an den qualitativ hochwertigen deutschen Produkten hängt. Er ist entsetzt, wenn er sieht, dass die Qualitätsprodukte „made in Germany“ schlecht verarbeitet werden. „Wenn jemand kein grundlegendes mathematisches und physikalisches Verständnis hat und technische Zusammenhänge nicht versteht, kann er viele Produkte nicht verarbeiten“, sagt Rudchenko. Aus Sicht des Herstellers ist das eine Katastrophe und nicht gerade absatzfördernd. Qualitätsprodukte fordern nach geschulter und professioneller Verarbeitung. Genau hier hat Uzin den Hebel angesetzt.
Boris Schulmann, Vertriebsleiter von Uzin Utz in der Ukraine, hat bereits vor einigen Jahren das Heft in die Hand genommen und das Projekt vorangetrieben. „Für das Verlegen von Böden gab es nur Standardlösungen, spezielle Fachkenntnis hatten die Arbeiter nicht, das war und ist ein großes Problem. Baunormen an denen man sich orientieren konnte, gab es auch nicht. Außerdem fehlte eine Aufsicht auf dem Bau.“, erklärt Schulmann. Um das zu ändern, hat sich Uzin dazu entschlossen, zu helfen. Neben finanzieller Unterstützung half das Unternehmen bei der Ausstattung der Makarenko-Berufsschule. Das komplette Sortiment an Geräten, Maschinen und Baumaterialien wurde bereitgestellt, um den Lehrlingen einen guten Start in die Parkettlegerausbildung zu ermöglichen.
Einen eindrucksvollen Vorher-nachher-Effekt bei Fußböden kann man in der Schule erleben. Im einen Teil des Gebäudes durchziehen alte, verschlissene und kaputte Kunststoffböden und brüchige Holzbodenkonstruktionen mit großen Farbflecken und ellenlangen Kratzern die endlos erscheinenden Flure. Im schon renovierten Teil der Schule ein völlig anderes Bild. Türkise Wände strahlen den Besuchern entgegen. Ein Farbenspiel aus Grün und Weiß auf dem Fliesenboden. Auf den ersten Blick wird klar, hier fällt das Lernen leicht. Und genau das ist das Ziel für die 18 Parkettleger-Lehrlinge, die seit September als erste Experimentalgruppe die neue Ausbildung begonnen haben.
Seminare für Lehrer
inDeutschland
Moderne hat Einzug gehalten in den kleinen und engen Klassenräumen und Werkstätten. Klein aber fein. Die Ausstattung mit Geräten und Werkzeugen ist sehr gut. Im Klassenzimmer gibt es sogar einen Beamer. So macht das Arbeiten und Lernen Spaß. Dieser Meinung ist auch Oleksander Kovalenko. Der 26-Jährige ist Techniker einer von drei Lehrern, die den Azubis das Parkettlegerhandwerk vermitteln: „Die Schüler sind sehr interessiert und engagiert. Wenn die Werkzeuge gut sind, macht das Arbeiten natürlich mehr Spaß.“ Kovalenko wurde genau wie seine Lehrerkollegen in zwei Seminaren in Deutschland geschult und auf die Aufgabe mit den Jugendlichen vorbereitet. Im Juni 2011 waren sie hierfür eine Woche bei Uzin in Ulm, um alles übers Parkett zu erfahren, anschließend folgte eine Schulung bei Pallmann in Würzburg. In Zukunft werden die Lehrer regelmäßig an Seminaren teilnehmen, um ihr Wissen zu erweitern und eine fachgerechte Ausbildung zu ermöglichen.
Einen erheblichen Teil zur Umsetzung des Projekts hat die Berufsschule Neustadt an der Aisch beigetragen. Josef Heller, der ehemalige Studiendirektor der Schule, hat die Lehrpläne für die Ausbildung in der Ukraine bereitgestellt und steht der Makarenko-Schule weiterhin mit Rat zur Seite. Trotz des gleichen Lehrplans gibt es dennoch Unterschiede wie Heller erklärt: „In der Ukraine gibt es kein duales System, die Azubis lernen nur die Theorie und haben keinen festen Betrieb als Arbeitgeber.“ Auf Praxiserfahrung müssen die Lehrlinge jedoch nicht gänzlich verzichten. Neben einigen Praxisstunden in der Schule arbeiten die Auszubildenden auch an verschiedenen Projekten mit. „In der Ukraine ist es üblich, dass Firmen in Kooperation mit der Berufsschule Schüler für bestimmte Bauprojekte anwerben. Dadurch können sie das Gelernte in der Praxis umsetzen und auch großflächig arbeiten“, sagt Bundeslehrlingswart Heinz Brehm, der das Projekt von Beginn an unterstützt hat.
System noch nicht
ganz ausgereift
Seiner Meinung nach wäre es eine Überlegung wert, die Azubis für einige Wochen in deutsche Betriebe einzuladen und hier arbeiten zu lassen, um weiteres Know-how und Routine im Arbeitsablauf zu erlangen.
Brehm macht aber deutlich, dass dieses Ausbildungssystem noch nicht ganz ausgereift ist. Seiner Meinung nach ist es nicht förderlich, dass die Lehre in der Ukraine zu unspezifisch ist und neben dem Beruf des Parkett- und Bodenlegers auch noch Inhalte von zwei weiteren Berufen (Fliesen- und Estrichleger) vermittelt werden. „Dieses Modell sollte man nach einigen Erfahrungsjahren nochmals überdenken“, mahnt er. Auch die Tatsache, dass es noch keine Verbände gibt, die als Sprachrohr der Parkettleger dienen, sieht er kritisch: „In Polen, Tschechien und Rumänien ist es gelungen, Verbände aufzubauen, deshalb bin ich auch im Hinblick auf die Ukraine zuversichtlich.“
Zuversicht strahlt auch Schulleiterin Olga Schtscherbak, aus. Ihre rehbraunen Augen funkeln, der rote Schmollmund zieht sich zu einem breiten Lächeln, wenn sie über das Projekt spricht: „Es freut uns sehr, dass Uzin einen großen Beitrag zur Umsetzung geleistet hat. Das ist eine Innovation für das Handwerk in unserem Land“, sagt sie.
Mittlerweile ist der neue Berufszweig staatlich anerkannt. Ab Herbst sollen noch mehr Jugendliche den neuen Ausbildungsberuf erlernen. „Wir haben eine Lizenz für 90 Schüler pro Jahr. Ich bin sicher, dass das Projekt erfolgreich sein wird“, erklärt Olga Schtscherbak. Das kleine Büro der Schulleiterin füllt sich mit Freundlichkeit und der Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft für die Lehrlinge. Dominik Schubert