Österreich -

Floh ohne Zirkus

Viele Handwerker haben mit der mangelnden Achtung ihrer Bauherrn zu kämpfen. Insbesondere Akademiker, vorzüglich aus den Berufen Anwalt oder Lehrer sollen sich schon so manches Mal als der Schrecken der Handwerker entpuppt haben.

Welcher Handwerker kennt das Problem nicht? Zuerst will der Bauherr die beste Lösung zum billigsten Preis, dann werden bei der Abnahme kleine und kleinste (angebliche) Fehler und Mängel gesucht um solcherart der günstigen Preis nochmals deutlich zu reduzieren. Dass es auch ganz anders geht, zeigt ein eindrucksvolles Beispiel aus Niederösterreich.

Josef Floh betreibt ein weithin bekanntes Gasthaus mit sehr verfeinerter Regionalküche in Langenlebarn im Herzen des Tullnerfeldes in Niederösterreich. Weil sein bodenständiges Gasthaus („In einem Gasthaus dreht sich alles nach dem Gast, in einem Wirtshaus alles um den Wirt.“ So der Volksmund.) schon etwas in die Jahre gekommen war und den Anforderungen der heutigen Zeit nicht mehr ganz entsprach, entschloss sich der bekannte Wirt zu einem Komplettumbau. Die Herausforderung bestand vor allem darin, die Schließzeit so kurz wir möglich zu halten. Es stand zwar das „Donaugartl“ über die Straße, dass von der Floh-Schwester Gerda geführt wird, als Ausweichlokal zur Verfügung, sodass die Gäste nicht abgewiesen werden mussten, der Umbau musste aber doch schnell gehen.

Sind 45 Tage genug?

Als Josef Floh seinen Architekten Christian Schagerl mit der Planung und der Umsetzung seiner Vision beauftragte, war der Auftrag klar: Genau wie bei beim Einkauf seiner Lebensmittel, der zum größten Teil in einem Umkreis von 35 (!) Kilometern stattfindet, sollten auch alle Handwerker aus der Umgebung sein, somit maximal 60 Kilometer Anfahrt haben. Schließlich ist das Gasthaus einer der ganz wenigen Betriebe in seiner Größe, der einen eigenen, umfangreichen Nachhaltigkeitsbericht ins Internet stellt. Der Architekt kam ob dieser Vorgaben zwar mächtig ins Schwitzen, löste aber die gestellte Aufgabe sowohl in gestalterischer Hinsicht als auch bei der Zeit- und Budgetvorgabe bestens und bravourös, ohne den bisherigen Charakter und die Seele des gestandenen Gasthauses zu opfern. Vorher galt es aber noch bei einer Bausumme von 1,6 Millionen tagtäglich 35.000 Euro zu verbauen, bis nach 45 Tagen alles in neuem Glanz, aber mit der gleichen guten alten Seele erstrahlte. Mithilfe eines ausgeklügelten Bauzeitplanes auf Tagesbasis (!), guter Handwerkspartner und einem tollen Teamgeist auf der Baustelle, der vom gemeinsamen Ziel der zeitgerechten Fertigstellung getragen wurde, konnte das große Werk feierlich übergeben werden.

Eröffnungsfest nur für die Handwerker

Während Lokaleröffnungen meist mit der lokalen Prominenz vorgenommen wird, die oft das betreffende Objekt gar nicht kennen, ließ es sich der umsichtige Patron nicht nehmen, vor der eigentlichen feierlichen Eröffnung zuallererst mit seinen Handwerkern zu feiern. So lud er alle am Bau Beteiligten, insgesamt an die 70 Personen, zu einem festlichen Abend anlässlich der Fertigstellung ein und servierte neben einem erlesenen Viergangmenü auch die passenden Worte des Dankes, die von den Firmenchefs und deren Mitarbeitern mit Freude entgegengenommen wurden. Architekt Christian Schagerl bedankte sich ebenfalls bei seinen Handwerkspartnern und dem einzigartigen Bauherrn, ohne die so eine Sonderleistung einfach nicht möglich ist. Der Auftraggeber, dem bei der Feier der Baustress ebensowenig wie seiner als Serviceleiterin als wichtige Stütze mittätigen Ehefrau Elisabeth anzusehen war, erhielt zur Erinnerung einen von jedem Gewerkevertreter unterfertigten Bauzeitplan, der diese einmalige Leistung auch für die Nachwelt dokumentieren soll.

Alle Handwerker gingen nach diesem einzigartigen Abend mit stolzgeschwellter Brust nach Hause. Hatte doch der Bauherr und Gastwirt mit Herz und Seele in riesigen Lettern folgendes an die Schankkästen geschrieben: „Danke an die besten Handwerker und Bauarbeiter der Welt.“

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