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Das Erdbeben von Fukushima: Dieser Bodenleger-Azubi war dabei

Was tun, wenn die Erde bebt? Bodenleger-Azubi Stephan Altvater lebte in Tokio, als das Erdbeben den Reaktor in Fukushima zerstörte. Er berichtet, was er bei seiner Flucht auf die Straße mitgenommen hat und warum er wieder nach Deutschland zurückgekommen ist.

Stephan Kenji Altvater, für seine Freunde "Kenji" , ist Halbjapaner. Von 2008 bis 2015 lebte der Allgäuer in Japan und war 2011 dabei, als die Erde bebte. Heute wohnt er wieder in Memmingen und begann dieses Jahr seine Ausbildung zum Bodenleger bei Held Sportböden in Markt Rettenbach .

bwd Hallo Kenji, wie begrüßt man sich in Japan?
Kenji
Mit "Konnichiwa".

bwd Du hast längere Zeit in Japan gelebt. Was hast du dort gemacht?
Kenji
Meine Mutter ist Japanerin und ich wollte die Kultur selbst erleben. Ich war bis zur elften Klasse im Gymnasium in Deutschland. Mein Abitur habe ich in Japan gemacht und mich dann an der Uni beworben. In Japan gibt es aber kein einheitliches Abi und daher große Unterschiede im Leistungslevel. Deswegen gibt es Aufnahmeprüfungen an den Unis. Ich habe es nicht in meine Wunschuni geschafft und deswegen noch ein Jahr eine Vorbereitungsschule in Tokio besucht. Da war ich dann ein „Ronin“ wie man in Japan sagt, ein „herrenloser Samurai“. Nichtstudenten, die studieren wollen, werden so bezeichnet, weil sie zwischen zwei Schulen stecken und erst mal nicht weiterkommen.

bwd Wie ging es weiter? Hast du die Aufnahmeprüfung geschafft?
Kenji Ja, ich wurde an einer sehr guten Uni in Tokio aufgenommen. Dann kam das Erdbeben von Fukushima und ich bin dem Aufruf der deutschen Botschaft gefolgt, dass alle nach Deutschland zurückkehren sollen. Als ich nach drei Monaten wieder nach Japan kam, habe ich in meinem überfüllten Postfach einen Brief gefunden, dass mein Studienplatz an jemand aus der Warteliste vergeben wurde. Ich hatte mich ja nicht einschreiben können. Dann habe ich ein paar Monate in Tokio gejobbt.

bwd Und welche Jobs waren das?
K
enji Ich habe gekellnert, Spielautomaten geputzt und in einer Karaokebar gearbeitet. Tokio ist sehr teuer – ich habe meinen ganzen Verdienst gleich wieder ausgegeben. Außerdem hat sich meine Mutter Sorgen um meine Großeltern gemacht, die noch in Fukushima leben. Deswegen habe ich mehrere Jahre dort gewohnt und als Lagerist in einer Supermarktkette angefangen.

bwd Hattest du in Fukushima Angst vor der radioaktiven Belastung?
Kenji
Fukushima ist eine größere Region in Japan. Die Belastung ist nicht unbedingt höher als in Süddeutschland. Europa wurde ja durch Tschernobyl bereits belastet.

bwd Wie hast du das Erdbeben erlebt? Wie fühlt sich das an?
K
enji Während des Erdbebens war ich in Tokio. Es fing schwach an und wurde immer stärker. Ich bin mit meinem Fernseher auf die Straße gelaufen, weil es dort sicherer ist als in den Häusern. Zu dieser Zeit, 2011, hatte ich noch kein Smartphone und die Netze waren sowieso überlastet. Wie bei Feuerproben üben Japaner das Verhalten bei Erdbeben und die Regierung empfiehlt zum Beispiel ein Radio mitzunehmen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Auf der Straße standen alle mit Wasserflaschen oder Notfallkoffern und wir haben gewartet bis es aufhörte. Gleich nach dem Erdbeben gab es ein riesiges Chaos. Es fuhren keine Bahnen mehr, da erst alle Schienen kontrolliert werden müssen. Ein Freund von mir ist an diesem Tag sechs Stunden von der Arbeit nach Hause gelaufen. Bei meinen Großeltern in Fukushima war es schlimmer. Dort sind die Schränke samt Dübeln und Schrauben aus den Wänden gebrochen.

bwd Hattest du nach dem Beben Angst, dort zu leben?
K enji Ja, das Erdbeben von Fukushima war eine schlimme Naturkatastrophe, aber Erdbeben gehören zur Natur. Die Menschen in Japan sind damit aufgewachsen.

bwd 2015 bist du zurück nach Deutschland gekommen. Gab es dafür einen Grund?
Kenji Mein Vater kam mich in Fukushima besuchen und wollte, dass ich etwas „Handfestes“ lerne. Er bat mich, zurück nach Deutschland zu kommen und eine Ausbildung oder ein Studium anzufangen.

bwd Wie hast du deinen Ausbildungsplatz zum Bodenleger gefunden?
Kenji In Bayern wurde mein japanisches Abitur nicht anerkannt, deswegen habe ich beschlossen, eine Ausbildung zu machen. Mich hat aber nie etwas richtig angesprochen. Ich war auf vielen Messen oder Tagen der offenen Türe. Das hat sich dann ein Jahr hingezogen, bis ich zufällig mit meinem heutigen Chef in Kontakt kam. Der hat über meinen Bruder mitbekommen, dass ich einen Ausbildungsplatz suche. Dann habe ich eine Woche ein Praktikum bei ihm gemacht. Mein Betrieb baut Sportböden und da konnte ich mir nichts darunter vorstellen.

bwd Jetzt bist du im ersten Lehrjahr. Was gefällt dir am besten an der Ausbildung?
Kenji Ich habe davor nichts Handwerkliches gemacht und wusste nicht, wie viel Spaß ich daran habe. Jede Turnhalle ist anders und bei Sportböden arbeiten wir mit einem mehrschichtigen Aufbau und PU oder Linoleum als Oberfläche. Das ist komplizierter, als es aussieht, und beinhaltet zum Beispiel die Feuchtigkeitsisolierung, Schüttung und Wärmeisolierung im Unterbau. Außerdem gibt es punkt-, flächen- und mischelastische Konstruktionen und Holzschwingböden. In vielen Hallen finden zum Beispiel Faschingsbälle statt, da macht dann wieder eine gute Trittschalldämmung Sinn. Bei neuen Hallen muss man zum Beispiel alle Geräteanschlüsse berücksichtigen. Es gibt vieles zu bedenken in einer Turnhalle.

bwd Und wie kommen die ganzen Markierungen auf den Boden?
Kenji Die malen wir per Hand auf. Sie werden erst abgeklebt und dann mit einem Pinsel oder einer Rolle aufgemalt.

bwd Gibt es in Japan besondere Böden?
Kenji Ja, „Tatami Matten“, das sind traditionelle Strohmatten, die direkt auf dem Holz liegen. Meine Großeltern haben sie zum Beispiel in ihrer Wohnung. Da bin ich auch erst draufgekommen, seitdem ich mich mit Böden beschäftige.

bwd Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Kenji Wenn man das wüsste (lacht). Längerfristige Ziele, die ich mir gesteckt habe, sind zum einen die Ausbildung abschließen und den Techniker machen und dann vielleicht für meine Firma als Kundenberater oder im Außendienst arbeiten.



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