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Baumaterial knapp: Jetzt wird es teuer

Ein trotz Corona ungebremster Bauboom sorgte in der Fußbodenbranche für volle Auftragsbücher. Seit ein paar Wochen ist alles anders: Rohstoffknappheit und explodierende Preise treffen das Handwerk ins Mark.

Baumaterial knapp: Jetzt wird es teuer
So leer wie dieser Container ist aktuell auch der Rohstoffmarkt. Die Usa und China kaufen im großen Stil und zwingen Handwerker zum Baustopp. -

Lange Zeit sah es so aus, als würde alles gutgehen. Von der Corona-Pandemie war das bodenlegende Handwerk bisher weitgehend verschont geblieben. Im Gegenteil. Die Auftragsbücher waren voll und sind es im Grunde bis heute. Bis dato konnten die Aufträge abgewickelt werden, nicht zuletzt, weil der Großhandel vor allem zu Beginn der Pandemie im letzten Jahr weitsichtig seine Lagerbestände auffüllen konnte.

Doch inzwischen hat sich die Lage dramatisch verändert. Dem Handwerk geht das Material aus. Auf manchen Baustellen kann nicht mehr weitergearbeitet werden, weil beispielsweise Dämmstoffe fehlen und in der Folge Estriche nicht eingebaut werden können. Auch OSB-Platten sind mittlerweile Mangelware. Das wiederum verzögert die Belagsverlegung, wenn diese überhaupt gesichert ist. Fatale Engpässe tun sich unter anderem auch bei hochwertigen Parketthölzern und bei Produkten der Bauchemie auf. Betroffen sind hier besonders Klebstoffe, Spachtelmassen und Grundierungen aber auch Lacke und Versiegelungen. „Neukunden können von uns augenblicklich nicht beliefert werden, wir müssen uns auf unsere Stammkunden konzentrieren“, sagt Klaus Stolzenberger, Markenverantwortlicher bei Pallmann. Zum Beispiel Polyurethane und Isocianate, beides Bestandteile 2-komponentiger Lacke, sind teilweise nur schwer zu bekommen. Man müsse, klagt der in Würzburg ansässige Spezialist für die Oberflächenbehandlung von Parkett, „nahezu jeden Tag die Produktionsplanung über den Haufen werfen". Zudem erwarte man noch weitere Steigerungen bei den Rohstoffpreisen. Seit Jahresanfang macht sich die Rohstoffknappheit aber auch bei der Herstellung von Verlegewerkstoffen bemerkbar. „Die Verfügbarkeit der Rohstoffe in der benötigten Menge zu einem vorgegebenen Zeitpunkt wird immer schwieriger“, sagt Philipp Utz, Vorstand der Uzin Utz AG.

Hohe Nachfrage aus China und den USA

Schuld an der Misere ist neben den Verwerfungen durch Corona in erster Linie eine quasi über Nacht explodierende Nachfrage nach Rohstoffen aus China und den USA. In beiden Ländern hat sich die Konjunktur in den letzten Monaten erstaunlich schnell erholt, nachdem die Corona-Pandemie zunächst auch hier wirtschaftlich Spuren hinterließ. Die USA bekommt zudem wegen Zoll-Streitigkeiten aktuell kein Holz aus Kanada und kauft daher in großen Mengen auf dem Weltmarkt ein. Jetzt rächt sich, dass zu Beginn der Corona-Pandemie Produktionskapazitäten heruntergefahren wurden. „Hersteller kommen nun mit dem Wiederhochfahren der Produktion nicht nach, nachdem sie in der ersten Phase der Pandemie die Erzeugung gedrosselt hätten“, sagt der Düsseldorfer HWK-Präsident Andreas Ehlert.

Ein weiterer Aspekt, der die Lage verschärft, ist die aus dem Takt geratene globale Logistik. Der weltweite Containerumlauf ist unterbrochen: Weil Leercontainer in den USA oder Europa verbleiben, fehlen diese an asiatischen Produktionsstandorten. Für Importeure wie den Kölner LVT-Anbieter Project Floors bedeutet das eine Explosion der Importraten für Containerverschiffungen: Normalerweise werden rund zwei Prozent des Warenwertes für die Logistikkosten angesetzt, derzeit hat sich dieser Wert auf 20 Prozent verzehnfacht. „Auch wir mussten bangen, ob wir überhaupt Stellplätze auf den Schiffen bekommen. Teilweise war es sogar notwendig, Container auf mehrere Schiffe zu verteilen“, sagt Janine Görgens, die bei Project Floors den Bereich Logistik verantwortet. „Preise erhalten wir mittlerweile meistens auf Tagespreis-Basis, wohingegen wir früher mit Drei-Monats-Raten kalkulieren konnten."

Nahezu alle betroffenen Hersteller sind gezwungen, die infolge der Knappheit zum Teil exorbitant gestiegenen Preise zumindest teilweise weiterzugeben. Es gibt kaum noch Großhändler oder Objekteure, denen dieser Tage nicht eine Lieferantenankündigung, die Preise zu erhöhen, ins Haus flattert. Die Preiserhöhungen treffen vor allem das Handwerk völlig unerwartet. Dazu kommt: Werden Tagespreise aufgerufen, macht das eine vernünftige Kalkulation zunehmend unmöglich. „Durch die kurzen Preisbindungen bei Händlern und Herstellern sind auch wir gezwungen, unsere Angebote auf maximal eine Woche zu befristen“, sagt Parkettleger und Schreinermeister Udo Herrmann aus Bürgstadt. Völlig unkalkulierbar wird es, wenn Lieferzeiten sich auf den St. Nimmerleinstag verschieben. „Bei hochwertigen Parkettböden werden mittlerweile Lieferzeiten von drei Monaten angegeben“, klagt Herrmann.

Unmoralische Angebote

Michael Schmid, Vorsitzender des Verbands der Deutschen Parketthersteller (vdp) und Geschäftsführer von Jaso-Parkett findet die aktuelle Lage verrückt. „Momentan herrscht eine bombastische Auftragslage“, sagt Schmid, der Stand Anfang Mai 25 Prozent mehr Aufträge als im Vorjahreszeitraum in den Büchern stehen hat. Was dem Parkettspezialisten vor allem zu schaffen macht, sind die Engpässe bei den Sägewerken. Laut Schmid bekommen die durch hohe Nachfrage aus den USA und China „ein unmoralisches Angebot nach dem anderen.“ Die Preise, die zum Teil aufgerufen werden, machen eine seriöse Kalkulation unmöglich. Immerhin sieht Schmidt die Preise für Eichenholz noch recht stabil. Auch die Eichenbeschaffung hat der Schwarzwälder aktuell noch im Griff. Folgenreicher sei die „Preistreiberei“ bei Fichtenholz, welches hauptsächlich als Trägermaterial bei Mehrschicht-Parkett benötigt wird. Auch Schreinermeister Udo Hermann schätzt die Situation bei der Fichte dramatisch ein. Entweder die Waren sind komplett ausverkauft oder sehr teuer.

In der Tat tun sich die Großhändler aktuell schwer, ihre Lieferfähigkeit zu gewährleisten und notwendige Preiserhöhungen zu kommunizieren. Die Euskirchener H. J. Bündner GmbH, ein führender Baustoffhändler mit Fußbodensortiment, hält seine Kunden mit Infomails auf dem Laufenden, um diesen die Gelegenheit zu geben, möglichst früh drohende Preissteigerungen in ihre Angebote einzupreisen. „Die Zahl dieser Mails steigt“, sagt Bündner-Geschäftsführer Fritz-Bert Rosenbaum. Sorge bereitet dem Großhändler, dass die marktseitig steigenden Preise – nach den regulatorischen Preiserhöhungen durch den Gesetzgeber – Bauen immer teurer machen.

Die Billigheimer trifft es besonders

Die Zeche zahlen aus seiner Sicht die Handwerker. Rosenbaum rät, Verträge anzupassen. „Für Handwerker, die ihre Angebote ohne eine Preisgleitklausel abgegeben haben, gibt es im Falle einer rapiden Verteuerung keine rechtliche Handhabe, wenn es um eine nachträgliche Preisanpassung geht.“ Die bei manchen ohnehin schon dünne Ertragslage werde dadurch weiter geschmälert. Preisgleitklauseln sind Bestimmungen in Verträgen, mit der die Preisfestsetzung entweder auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, oder spätere Änderungen des vereinbarten Preises vorbehalten wird. Bei Großobjekten mit entsprechend langer Bauzeit ist das nicht ungewöhnlich. Anders im Privatkundengeschäft, für die meisten Handwerker bleibt dies hier eher eine theoretische Option.

An ihre Grenzen stoßen jetzt all jene Boden- und Parkettleger, die bisher mit Dumpingpreisen am Markt agiert haben. Wer mit dem niedrigen Preis auf Kundenfang gegangen ist, hat jetzt besonders schlechte Argumente für eine Preisanpassung. Eine Erkenntnis aus der augenblicklichen Situation könnte deshalb lauten: Wer sich in guten Zeiten nicht unter Wert verkauft hat, kommt in schweren Zeiten besser über die Runden.

Inzwischen meldet das Statistische Bundesamt eine Steigerung des Rohholz-Exports um 42,6%. Die Kollegen von unserem Schwesterblatt "Deutsche Handwerks Zeitung" (DHZ) haben dazu einen Beitrag online - hier gibt es alle Details.

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