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Vier Fragen an Diplom-Chemiker Ingo Niedner, ö.b.u.v. Sachverständiger und Obmann des BEB-Arbeitskreises Kunstharz

Lieber auf einen Auftrag verzichten, als nach der Reklamation in Existenznot

 
Heft 11/2007
 
 Lieber auf einen Auftrag verzichten, als nach der Reklamation in Existenznot
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Diplom-Chemiker Ingo Niedner ist ö.b.u.v. Sachverständiger für Kunst harztechnologie auf Fußböden.
Bild: Hart

bwd Herr Niedner, welche Anforderungen stellt das Thema Beschichtungen an den Verarbeiter? Wie beurteilen Sie die Schadenshäufigkeit? Mit welchen Fehlern werden Sie als Gutachter am häufigsten konfrontiert?

Niedner Das Thema erscheint zunächst sehr einfach. Deshalb versuchen sich viele ohne ausreichende Fachkenntnisse daran. Die Folge sind oft gravierende Schäden. Die Anforderungen an einen guten Beschichter sind mit denen an einen Estrichleger zu vergleichen. Daher bieten Estrichlegermeisterbetriebe in der Regel die höchste Qualität. Voraussetzung für gute und fehlerfreie Reaktionsharzverarbeitung ist ein profundes Wissen über Art, Prüfung und Behandlung der Untergründe. Hier ist die Frage zu beantworten, was kann mit welchem Harz auf welchem Untergrund wie gemacht werden. Kenntnisse über die Eigenschaften der einzelnen Reaktionsharze und deren Verhalten bei unterschiedlichen klimatischen Bedingungen sind erforderlich. So haben oft reine Methacrylatverarbeiter Schwierigkeiten mit Epoxidharzen und umgekehrt. Zu Fehlern führen falsche Versprechen der Verarbeiter und überzogene Erwartungen der Kunden, aber auch materialbedingte Phänomene bis hin zu gravierenden Fehlleistungen der Verleger und ausgesprochenem Pfusch treten auf.

bwd Welche technische Entwicklung ist zu konstatieren? Gibt es Aufträge, von denen der Handwerker lieber die Finger lassen sollte?

Niedner Auf Materialseite gibt es wenig Neues. Eine für den Verarbeiter angenehme Entwicklung ist der Einsatz von Versiegelungen, die beim Auftrag milchig sind und bei der Aushärtung glasklar werden. Dadurch lassen sich die häufigen Fehlstellen bei Deckversiegelungen vermeiden. Bei der Beschichtung von frischen und beheizten Betonplatten, Hartstoff- und erdberührten Magnesiaestrichen ist Vorsicht geboten. Hier sollten auch erfahrene Beschichter vorher fragen und deutlich auf mögliche Gefahren hinweisen. Im Zweifel lieber auf den Auftrag verzichten, als eine Reklamation mit hohen Sanierungskosten tragen zu müssen!

bwd Immer wieder suchen Marktteilnehmer nach Nischen, um mit speziellen Fertigkeiten zum Erfolg zu kommen. Welche Möglichkeiten bietet hier das Thema Beschichtungen?

Niedner Reaktionsharzbeschichtungen sind in fast allen Gebieten des Industriebaus einzusetzen. In dekorativen Bereichen wie Ladengeschäften, Wohnräumen und Büros gibt es viele gute Möglichkeiten. Der Verarbeiter muss sich aber im Klaren sein, dass keine optischen Beeinträchtigungen geduldet werden und Ausbesserungen nicht möglich sind, weil Nähte sichtbar bleiben. Im Zweifel muss der ganze Raum überarbeitet werden. In dem Kontext ist größter Wert auf aussagekräftige Reinigungs- und Pflegeanleitungen zu legen. Dem Kunden muss vor Auftragserteilung klar sein, dass optisch hochwertige Reaktionsharzbeläge einen nicht zu unterschätzenden Pflegeaufwand erfordern.

bwd Welche Möglichkeiten hat der interessierte Handwerker, sich über die technischen Hintergründe zu informieren? Wie ist der Umgang der ausschreibenden Stellen mit dem Thema zu bewerten?

Niedner Dem Handwerker stehen mehrere fachlich fundierte Informationsquellen zur Verfügung. Fast alle bedeutenden Formulierbetriebe bieten regelmäßig Seminare zur Weiterbildung der Verleger an. Außerdem gibt es die BEB-Arbeitsblätter „Industrieböden aus Reaktionsharz“, die aus meiner Sicht für jeden Anbieter als Grundlage unverzichtbar sind. Und es liegen zum Thema Merkblätter der Arbeitsgemeinschaft Industriebau (AGI) und des Deutschen Beton- und Bautechnik-Vereins (DBV) sowie die Richtlinie Schutz und Instandsetzung des Deutschen Ausschusses für Stahlbeton (DAfStb) vor. Bei den ausschreibenden Stellen gibt es sehr große Unterschiede im Wissensstand über den Einsatz und die Verarbeitung von Reaktionsharzen. Hier kann jedem Verleger nur empfohlen werden, sich die Ausschreibungsunterlagen sehr genau anzusehen und diese darauf zu prüfen, ob die Arbeiten überhaupt entsprechend ausführbar sind. Es ist zumindest bei größeren Objekten und komplizierten Sachverhalten darüber hinaus günstig, die hier auftretenden Fragen gemeinsam mit dem Rohstofflieferenten zu klären. Reinhold Kober